Mittwoch, 04.06.2008

EM 2008

Korruptionsskandal stört Polen

Warschau - Während die polnische Nationalmannschaft in Bad Waltersdorf hinter verschlossen Türen trainiert, kracht es in der Heimat. Vor dem EM-Auftaktspiel gegen Deutschland haben die Behörden in Warschau zu einem weiteren Schlag im Kampf gegen die Korruption im polnischen Fußball ausgeholt.

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© DPA

Die Beamten des Zentralen Antikorruptionsamtes (CBS) nahmen am Mittwoch einen Fußballtrainer fest. Nach Angaben der polnischen Nachrichtenagentur PAP handelt es sich um den Sohn von Jerzy Engel, der die Nationalelf von 2000 bis 2002 betreute und zur WM nach Japan und Südkorea führte.

Der 29 Jahre alte Engel hatte unter anderem den Drittligisten Radomiak sowie LKS Lomza und Polonia Warszawa betreut. Zuletzt bewarb er sich vergeblich um den Posten eines Assistenten beim Niederländer Leo Beenhakker, der die polnische Nationalmannschaft zur EM nach Österreich und die Schweiz führte.

Polen, das in vier Jahren gemeinsam mit der Ukraine die Europameisterschaft 2012 organisiert, hat ein massives Problem mit Korruption im Fußball.

"Korruption ist sehr tief"

Bei Ermittlungen gegen Sportfunktionäre, Schiedsrichter, Trainer und Spieler wurden seit 2005 mehr als 120 Verdächtige festgenommen. Sie sollen Schmiergelder kassiert und Spiele manipuliert haben.

"Die Korruption bei uns im Fußball ist sehr tief. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass bei der Nationalelf Spieler sind, die etwas mit dieser Sache zu tun haben", hatte Jacek Krzynowek vom VfL Wolfsburg Anfang Mai gesagt.

Am Mittwoch wurde der Fall im polnischen EM-Quartier in Bad Waltersdorf von den Spielern nicht kommentiert. Stattdessen gaben sie nur zum Spiel gegen Deutschland Auskunft.

"Das korrupteste Land im Weltfußball"

Trainer Leo Beenhaker hatte bereits im April erklärt, die Unruhe vom Team fernhalten zu wollen: "Meine Rolle ist es, den Prozess der Vorbereitung auf die EM zu schützen und aus dieser Situation herauszuhalten."

Der polnische Ex-Nationaltorhüter Jan Tomaszewski glaubt dagegen, dass der Skandal das Nationalteam in der EM-Vorbereitung belastet. Die Spieler des deutschen Auftaktgegners würden die Skandale doch "den ganzen Tag" lesen, sagte der frühere Keeper der "Sport Bild".

Polen sei "das korrupteste Land im Weltfußball", meinte der 60-Jährige, der mit der polnischen Mannschaft bei der WM 1974 in Deutschland Dritter geworden war. "Wir blamieren uns vor der ganzen Welt."

"Sie müssen weg"

Tomaszewski forderte die Europäische Fußball-Union (UEFA) zu drastischen Konsequenzen auf. UEFA-Präsident Michel Platini solle die "Kriminellen" des polnischen Klub-Fußballs ausschließen.

Schließlich wisse noch immer keiner, wer in der ersten Liga (Ekstraklasa) vor drei Wochen abgestiegen sei. Selbst die Vergabe der EM 2012 an Polen ist für den 60-Jährigen nicht mehr unumstößlich.

"Wenn nichts passiert, soll er (Platini) uns die EM 2012 wegnehmen", sagte der ehemalige Chef der Ethik-Kommission des Verbandes. Tomaszewski beschuldigt den Verbandsvorstand, "Kopf der Korruption" zu sein: "Sie müssen weg." Nach Angaben von Justizminister Zbigniew Cwiakalski sollen in den Skandal bis zu 29 Teams verwickelt sein.


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