Donnerstag, 26.06.2008

EM 2008

Deutsche Fans feiern Einzug ins Finale

Berlin - Deutschland im Fußball-Freudentaumel: Nach dem Wackelsieg der Nationalelf gegen die Türkei dürfen die Fans weiter vom EM-Titel träumen. Millionen Menschen wurden einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt, erst der Schlusspfiff in Basel erlöste die Menschen.

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© Getty

Eine Woge der Begeisterung breitete sich in der Republik aus. Auf Fanmeilen und Straßen, vor den Riesenleinwänden und in den Kneipen feierten die Menschen das 3:2 von Ballack und Co. fast in letzter Minute und so den Einzug der deutschen Elf in das Endspiel an diesem Sonntag in Wien.

Trauer herrschte dagegen bei Millionen türkischer Fans in Deutschland und in der Heimat. Unter den 12.000 Türkei-Anhängern auf dem Hamburger Heiligengeistfeld machte sich Enttäuschung breit. In Berlin-Kreuzberg, eine Hochburg der türkischen Gemeinde, erholten sich die Fans schnell von ihrer Trauer.

Viele schwenkten auf die deutsche Flagge um. Ein deutscher Fan stellte sich vor die Fernsehkamera mit seinem türkischen Freund. "Ich tröste ihn heute, ich trockne seine Tränen", sagte der junge Mann im "RBB-Fernsehen".

Eine halbe Million am Brandenburger Tor

Auf der größten Fanmeile der Republik in Berlin, wo rund eine halbe Million Menschen zusammengekommen war, löste der Abpfiff tausendfache Freudentänze aus. Die Menschen lagen sich in den Armen, Schwarz-Rot-Gold beherrschte das Bild. "Finale, Finale" riefen die Fans am Brandenburger Tor.

Wegen des großen Andrangs auf der Berliner Feierstrecke waren schon eine Stunde vor Spielbeginn die Tore geschlossen worden. Die meisten Fans drückten den Spielern von Jogi Löw die Daumen.

"Die Stimmung ist super, die Leute sind ausgelassen", sagte ein Sprecherin. Bei den Toren der Türkischen Elf wogten rote Halbmondfahnen wie Inseln über den Köpfen der Fans.

Public Viewing platzt aus allen Nähten

Auch in anderen Städten hatten sich Zehntausende versammelt, um gemeinsam bei dem K.o.-Spiel im Baseler St. Jakob-Park-Stadion mitzufiebern. Das Münchner Olympiastadion war mit mehr als 30.000 Fans bereits lange vor Spielbeginn brechend voll, weitere 12.000 waren in der Innenstadt unterwegs.

In Nürnberg kamen rund 25.000 Menschen zusammen, die Hälfte davon Türken. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammelten sich rund 40.000 Menschen. Auf dem Frankfurter Rossmarkt und der nahe gelegenen Konstablerwache wurden rund 10.000 Menschen geschätzt.

Rund 42.000 deutsche und türkische Fans verfolgten bei der größten Feier im Norden in Hamburg das Spiel. Am Dresdner Elbufer waren 10.000 Zuschauer unterwegs, in Leipzig mehrere tausend.

In Basel, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel im Stadion das Spiel verfolgte, feierten rund 100.000 Fans. Auch der türkische Staatspräsident Abdullah Gül saß mit auf der Ehrentribüne.

Festnahmen in Basel

Auf den Fanmeilen zwischen Hamburg und Stuttgart blieb es weitgehend friedlich. Die Polizei war in den meisten Teilen der Bundesrepublik verstärkt im Einsatz. 

110.000 Fans versammelten sich am Spielort Basel, hieß es bei den Behörden. Es sei jedoch zu keinen größeren Zwischenfällen gekommen.

Fast 260 Menschen wurden aus unterschiedlichen Gründen ambulant versorgt, neun mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden, vier kamen in eine Ausnüchterungszelle.

Die Lage sei vor, während und nach dem Spiel zu jeder Zeit unter Kontrolle gewesen, hieß es weiter.

Ausschreitungen in Sachsen

Randale und ausländerfeindliche Ausschreitungen habe vor allem in Sachsen die fröhlichen Feiern überschattet.

In Dresden griff eine Gruppe Jugendlicher drei Döner-Buden an und verletzte zwei Türken. In zwei Imbissen hätten die 20 bis 30 Randalierer zunächst lediglich Scheiben eingeschlagen und die Einrichtung beschädigt, sagte Polizeisprecher Thomas Herbst. In einem dritten Döner-Laden seien dann auch die Betreiber angegriffen worden. Türkische Fahnen seien abgebrannt worden. Mehrere Schaulustige und Mitläufer verfolgten die Randale.

In Chemnitz gingen gewaltbereite Fußballfans nach dem Abpfiff auf die Polizei los. Dabei wurden sechs Beamte verletzt, mehrere Polizeiautos wurden beschädigt. Laut Polizei war die Stimmung nach dem Spiel in der Chemnitzer Innenstadt sehr aufgeheizt.

Als die Einsatzkräfte weitere Ausschreitungen verhindern wollten, habe sich die Gewalt plötzlich gegen die Beamten gerichtet.

In Hannover nahm die Polizei 20 Rechtsradikale in Gewahrsam, die beim Fan-Fest wiederholt rassistische Parolen skandierten. Gegen sie werde nun wegen Volksverhetzung ermittelt. In Köln nahm die Polizei eine Gruppe Hooligans fest.

Die Männer seien als äußert gewaltbereit bekannt und hätten immer wieder Schlägereien angezettelt, teilte die Polizei mit.

Hängende Köpfe bei den Türken

Nach einem Wechselbad der Gefühle haben türkische Fans in Istanbul mit langen Gesichtern auf die Niederlage reagiert. Auf den zentralen Taksim-Platz herrschte nach dem Tor zum 3:2 zunächst fassungsloses Schweigen, nachdem Tausende Fans das Spiel leidenschaftlich mit Trommeln und bengalischen Feuern vor einer Großleinwand begleitet hatten.

Erst nach einigen Minuten stimmten die türkischen Fans wieder trotzige "Türkiye, Türkiye"-Rufe an. "Wir tragen den Kopf hoch", sagte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül in einem Fernsehinterview aus Basel. "Wir müssen nicht traurig sein", sagte der Präsident. Die Türkei werde die Rückkehr ihrer Nationalmannschaft mit einem großen Fest feiern.

Die türkischen Feiern liefen weitgehend ohne Zwischenfälle ab. Fangruppen zogen noch bis nach Mitternacht mit Fahnen, Trikots und Kappen über die Straßen. Türkische Fernsehsender hatten Kamerateams in den deutschen Vertretungen in Ankara und Istanbul stationiert, um dort für ihre Zuschauer deutsche Atmosphäre einzufangen.


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