Zwietracht Frankreich

Von Richard Rother
Freitag, 13.06.2008 | 13:15 Uhr
Fußball, EM 2008, Frankreich, Makelele
© Getty
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München - Nach der Nullnummer gegen Rumänien wartet auf Frankreich in der Todesgruppe C die Niederlande (20.30 Uhr im SPOX-TICKER). Ein vorentscheidendes Spiel - auch für Raymond Domenech: Der Trainer steht in der Kritik, mit seinem Senioritätsprinzip die Mannschaft zu spalten.

Im Arbeitsrecht ist dieses Dogma verankert, um den Angestellten entsprechend der Lebensaltersstufe zu entlohnen. Im Fußball allerdings ist es unzweifelhaft leistungshemmend, wenn der Trainer sich allzu konservativ auf das verlässt, was früher gut war. 

Schon wegen der Altersstruktur im Kader steht Domenech in Frankreich unter Beschuss, weil er den anstehenden Umbruch innerhalb der Mannschaft nicht oder zu spät vollzogen hat.

Trainer-Legende Guy Roux, der 44 Jahre lang den AJ Auxerre trainierte, brachte die Situation der Equipe Tricolore auf den Punkt: "Unsere jungen Spieler sind zu jung und die Älteren sind zu alt. Es gibt nicht genügend Spieler zwischen 26 und 28 Jahren. Das ist bedauerlich, denn mit Spielern in einem solchen Alter gewinnt man große Turniere."

Unabhängig von der Form 

Auf dem Sprung in diese Altersklasse ist der 25-jährige Franck Ribery. Er war auch der einzige, der gegen Rumänien eine ansprechende Leistung zeigte, wenngleich ihn Domenech in eine sinnwidrige Position hineinzupressen versuchte.

Ribery musste über rechts hinter den beiden Spitzen Nicolas Anelka und Karim Benzema für Offensivakzente sorgen. Der wendige Franzose durfte sich aber nicht in seinem kompletten Wirkungskreis austoben, weil Florent Malouda störrisch auf der linken Seite Wurzeln schlug.

Dahinter hielt Claude Makelele seinen Nebenmann Jeremy Toulalan an, ausschließlich parallel zur Viererkette zu spielen. Die Abwehrreihe selbst bestand aus Stammplatz-Pächtern mit einem Durchschnittsalter von mehr als 31 Jahren. Die aktuelle Form der Akteure vernachlässigte Domenech dabei vollends.

Es brodelt zwischen den Generationen

Willy Sagnol agierte als Rechtsverteidiger statisch. Die Zusammenarbeit mit Ribery auf rechts fand so gut wie gar nicht statt, seine Flanken aus dem Halbfeld landeten im Niemandsland. Eric Abidal, sein Pendant auf der linken Seite, spielte wie mit einer Fußfessel und traute sich kaum über die Mittellinie.

So fehlte den Franzosen das Tempo, das Überraschungsmoment, das Mannschaftsprinzip. Domenech vertraute der alten Generation, die auf dem Platz die jüngere Generation an der kurzen Leine hielt.

Denn offenbar stimmt innerhalb der Mannschaft die Chemie zwischen beiden Altersblocks längst nicht mehr. Die einen bangen um ihren Platz, haben ihren Zenit aber längst überschritten, die anderen sind am Zenit ihres Könnens, dürfen es aber nicht zeigen. Sie ersticken am Systemzwang des Trainers und der Autorität der älteren Spieler.

Den Fortschritt verschlafen 

Dabei hätte Domenech jede Menge Potenzial in der Hinterhand, die der Equipe Tricolore frischen Wind zurückbringen könnten. Der formschwache Abidal könnte durch den dynamischen Patrice Evra ersetzt werden. Für Sagnol wären Lassana Diarra, Bacary Sagna oder Francois Clerc mögliche Alternativen. Ein Kandidat für die Innenverteidigung wäre Philippe Mexes vom AS Rom gewesen - doch der steht nicht einmal im Kader.

Der Coach hat den Wandel verschlafen, und die Grande Nation steht nicht mehr vollständig hinter ihm. Das 0:0 gegen den vermeintlich schwächsten Gegner in der Todesgruppe wird Domenech zum Handeln zwingen.

Alles bleibt beim Alten 

Fraglich ist nur, ob die ältere Generation auf dem Platz den motivierten Jüngeren deren Wirkungsradius auch zugesteht. Für die Partie gegen die Niederlande rotiert Domenech Ribery immerhin nach innen, dafür kommt Sidney Govou nach rechts.

Auf Karim Benzema verzichtet Domenech anfangs zu Gunsten von Altmeister Thierry Henry als einziger Spitze. In der Defensive bleibt sprichwörtlich alles beim Alten.

Damit verfolgt der graumelierte Trainer weiter konsequent das Senioritätsprinzip. Wenn Domenechs Elf die Niederlande bezwingt, sind sie allerdings voll im Rennen, und die Kritiker müssten vorerst schweigen.

Wenn nicht, muss sich der 56-Jährige vorwerfen lassen, zu spät ein frisches Team a la Niederlande auf die Beine gestellt zu haben.

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