Montag, 23.06.2008

Die Qual der Systemwahl

Auf dem Lösungsweg

Ascona - Fast scheint es, als würde die deutsche Nationalmannschaft in einer gemeinen Zeitfalle stecken.

Fußball, EM 2008, Deutschland, Löw, Podolski
© Getty

Das Viertelfinale ist ja jetzt schon einige Tage her, und doch ist es immer noch allgegenwärtig. Portugal, Portugal, Portugal. Alle reden, alle schreiben, alle senden nur immer wieder Portugal.

Dabei warten im Halbfinale doch die Türken auf die DFB-Elf (Mi., ab 20.30 Uhr im SPOX-TICKER).

Aber die Viertelfinalpartie gegen eben jene Portugiesen schwingt sich in diesen Tagen zum Role Model auf, zu einem Exempel deutscher Flexibilität und dient jetzt schon der Legendenbildung.

Anreiz zu Diskussionen

Nicht das schöne Spiel gegen die Iberer lässt Deutschland immer noch so oft daran denken, zumindest nicht nur das schöne Spiel. Vielmehr ist es diese Grundformation, die Joachim Löw auf das Feld schickte, und die immer wieder Anreiz gibt zu Diskussionen und Spekulationen.

Das Wort "System" fällt momentan ebenso oft wie "Portugal". "Türkei" oder "Verletzte" rangieren in der inoffiziellen Wortbeliebtheitsskala weit abgeschlagen am Tabellenende.

Es war das mutige 4-2-3-1-System, mit dem Joachim Löw überraschte und durch dessen kecke Umsetzung sich die deutsche Mannschaft das Semifinal-Ticket sicherte.

Sogar drei mit Stürmern?

Für die geballte Mittelfeldwucht der Portugiesen war die Zahlenreihe die perfekte Grundausrichtung. Aber ist sie das auch für das anstehende K.o.-Spiel gegen die Türken? Oder kehrt Löw wieder zurück zum bewährten 4-4-2, "unserer Basis", wie es der Bundestrainer auf der Pressekonferenz in Tenero genannt hat.

Löw redet ja gerne davon, Lösungen zu finden für bestimmte Spielsituationen oder Gegner. So ganz schlüssig scheint er sich für den Halbfinal-Kracher aber noch nicht zu sein. Löw befindet sich auf dem Lösungsweg, aber noch nicht am Ziel.

"Das 4-5-1 hat gegen Portugal gut geklappt. Wir werden uns jetzt ein Bild über die Türken verschaffen und dann entscheiden, ob wir mit einem, zwei oder sogar drei Stürmern spielen werden", warf Löw sogar noch eine dritte Variante in den Raum.

Drei Stürmer hatte es in einer bundesdeutschen Nationalmannschaft zuletzt vor 36 Jahren gegeben, im EM-Endspiel der Jahrhundertmannschaft 1972 gegen die UdSSR (Kremers, Müller, Heynckes).

Raumaufteilung und Laufwege

Die Frage des Systems will Löw aber gar nicht so sehr in den Vordergrund stellen. "Egal welches System, die Raumaufteilung und die Laufwege müssen stimmen, wir müssen defensiv wieder gut stehen und variabel sein im Spiel nach vorne. Und unser Spiel ohne Ball muss wieder so gut sein wie gegen Portugal."

Rat wird sich der Bundestrainer vor dem Spiel auf jeden Fall wieder bei einigen Spielern holen. "Ich wäre schlecht beraten, wenn ich nicht mit ihnen sprechen würde. Meine Aufgabe ist es ja auch, die Spieler mit ins Boot zu nehmen und mit ihnen die Dinge durchzusprechen, die sie nachher dann auch umsetzen sollen."

4-2-3-1 sehr wahrscheinlich

Insofern deutet im Moment sehr viel darauf hin, dass es beim 4-2-3-1 bleibt. Aus dem Mannschaftskreis waren in den letzten Tagen immer wieder Stimmen laut geworden, die das zuletzt erfolgreiche System favorisieren.

"Im Moment ist es für uns das Beste, weiter so zu spielen. Ich denke, wir bleiben bei diesem System", sagte Ballack im "Kicker". Nicht nur er, auch seine Teamkollegen seien angetan von der neuen Aufteilung: "Die Mannschaft hat das gebraucht."

Auch Jens Lehmann hatte sich schon ähnlich geäußert, auf der Pressekonferenz am Montag sprach sich auch Abwehrchef Per Mertesacker dafür aus. "Wir haben bewiesen, dass wir beide Systeme spielen können. Gegen Portugal hat uns das 4-5-1 den Schuss Sicherheit gegeben, den wir gebraucht haben. Aber das System jetzt festzulegen, liegt leider nicht in meiner Hand."

Ganz neue Variante?

Allerdings haben die Türken in der Innenverteidigung mit dem langsamen Gökhan Zan und dem angeschlagenen Servet große Probleme. Ein zweiter Angreifer könnte dort auf die defensiv eingestellten Türken mehr Druck ausüben.

Da auch Torsten Frings vor einer Rückkehr ins Team steht, wäre durchaus auch eine völlig neue Variante denkbar: Das 4-1-3-2, wie es Spanien oder Russland perfekt praktizieren, mit Frings als Staubsauger vor der Abwehr, Ballack hinter den Spitzen und Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski auf den Außen.

Podolski selbst scheinen die ganzen Diskussionen kaum zu tangieren. "Wir brauchen Laufbereitschaft und Engagement wie gegen Portugal, dann haben wir gute Chancen." Entwaffnend unkompliziert, dieser Podolski.

Für SPOX in Ascona: Stefan Rommel

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