Freitag, 13.06.2008

Rund ums Gruppen-Endspiel:

Warum "Ösis" die "Piefke" nicht mögen

Wien - Wenn es für die Österreicher beim Gruppen-Finale in Wien gegen die Deutschen um Alles oder Nichts geht, ist das für Millionen Menschen in der Alpenrepublik auch eine Frage der Ehre.

EM 2008, Fussball, Österreich, Cordoba
© DPA

Der Mythos lebt. "Noch einmal Cordoba", hallte es am Freitag durch Österreich. "Wir hauen die Piefkes weg!" Nirgendwo kommt die bald 150-jährige Rivalität zwischen Österreichern und Deutschen deutlicher und lauter zum Ausdruck als beim Fußball.

"Cordoba, Cordoba", riefen die Fans zwischen Wien und Innsbruck bereits, als die Turniergruppen ausgelost wurden. Der 3:2-Sieg der fußballerisch immer wieder geprügelten Ösis bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien ist für die Alpenrepublik zu einem geheiligten Symbol geworden.

David gegen Goliath 

Cordoba, das ist für sie der Beweis, dass der Fußball-David den Goliath eben doch schlagen kann. Umso besser, wenn dieser Riese die Deutschen sind - "die Piefkes", wie die Österreicher ihre Nachbarn oft abfällig nennen.

Die Ösis, wie wiederum die Deutschen gönnerhaft sagen, sehnen schon seit Wochen eine Wiederholung des "Wunders von Cordoba" herbei. Dieser Traum hat in der Alpenrepublik die zuvor kaum spürbare Lust an dem Turnier erst richtig geweckt. T-Shirts wurden mit der Aufschrift "Wien wird Cordoba" bedruckt, Ausstellungen zum Mythos eröffnet.

Cordoba ist allgegenwärtig

Der Schweizer Performance-Künstler Massimo Furlan lockte vor der EM mit einem Ein-Mann-Stück zu dem Thema 2000 Wiener in ein Stadion. 90 Minuten mimte er Hans Krankl, den "Helden von Cordoba", der vor 30 Jahren fast in letzter Minute den Ball zum historischen 3:2 gegen Deutschland ins Tor schubste.

Der Jubel der Zuschauer war so groß, als sei das "Wunder" soeben erst geschehen.

Die Geschichte um Käniggrätz

Dass viele Österreicher die Deutschen nicht besonders mögen, ist weidlich bekannt. Den Beinamen "Piefke" haben sie vom preußischen Militärmusiker Johann Gottfried Piefke abgeleitet.

Der schrieb den "Königgrätzer Marsch" zur Preisung der Schlacht bei Königgrätz, bei der Preußen 1866 die Sachsen und Österreicher im sogenannten Deutschen Krieg schlug.

Ein Sieg, der 1871 zur Gründung des Deutschen Reichs führte. Der "Piefke" ist ein Symbol für alle negativen Eigenschaften, die man vor allem den Preußen nachsagt.

Dabei sind viele dieser Geschichten frei erfunden, weiß der in Wien lebende deutsche "Piefkologe" und Publizist, Hubertus Godeysen: "Cordoba ist für Österreicher insgeheim die Rache für Königgrätz."

Der spießige "Piefke"

Der "Piefke" gilt in Österreich als laut, arrogant, besserwisserisch und - selbst wenn man ihn als Tourist braucht - als geizig. Er ist der Repräsentant des deutschen Spießertums, dem der österreichische Autor Felix Mitterer in den 90er Jahren die TV-Serie "Piefke-Saga" widmete.

Dabei gibt es einen typischen "Deutschenhass" nicht wirklich. Die Liebe der Österreicher zur deutschen Kultur ist stark ausgeprägt und die Beziehungen zwischen den "verfreundeten" Nationen sind nicht nur auf persönlicher und wirtschaftlicher Basis oft sehr intensiv und eng.

Österreich das "bessere Deutschland"

Das hält Journalisten und selbst Politiker manchmal aber nicht von kleinen oder großen Gehässigkeiten ab. In einem Streit um die Rückgabe österreichischen Eigentums nach dem Krieg stichelte Bundeskanzler Konrad Adenauer in den 50er Jahren gegen seinen Kollegen Bruno Kreisky: "Wissen Sie, Herr Kreisky, [...] wüsste ich, wo die Gebeine Hitlers zu finden sind, würde ich sie Ihnen liebend gern als österreichisches Eigentum zurückstellen."

Und der frühere Finanzminister Karl-Heinz Grasser ließ keine Gelegenheit ungenutzt, Österreich als "das bessere Deutschland" zu bejubeln. Seine Ausfälle gegen die deutsche Politik waren so wild, dass der damalige Finanzminister Hans Eichel den österreichischen Amtsbruder boykottierte.

Sieg nur alle Heiligen Zeiten

Beim Fußball wird die Abneigung besonders deutlich: Wenn es gegen die Piefkes geht, begleiten die Ösis die deutsche Nationalhymne mit schrillen Pfeifkonzerten.

Das "Immer wieder Österreich!" schallt dann besonders laut. Doch es gibt auch Menschen, die die Nase voll haben vom ständigen Gerede über das "Wunder von Cordoba".

Österreichs Nationaltrainer Joseph Hickersberger, vor 30 Jahren selbst dabei, warnte davor, zu intensiv von einem Sieg zu träumen. "Die Deutschen besiegt man nur alle Heiligen Zeiten einmal", sagte er im ORF-Rundfunk, "aber wir hoffen, jetzt ist es soweit."


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