Freitag, 13.06.2008

Österreich hat sein Cordoba

"Die Deutschen machen sich in die Hose"

Wien - Österreich hat's geschafft - als ältester Torschütze der EM-Geschichte hat Ivica Vastic beim 1:1 (0:1) gegen Polen in letzter Sekunde dem EURO-Gastgeber eine historische Chance eröffnet.

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© Getty

Mit einem Sieg über den Erzrivalen Deutschland, wie beim 3:2-WM-Triumph vor 30 Jahren, können die Österreicher den rot-weiß-roten Traum vom Viertelfinale wahr werden zu lassen. Vier Tage vor dem Super Monday im Wiener Prater schossen die Österreicher schon die ersten Giftpfeile auf die Piefkes ab.

"Die Deutschen machen sich jetzt schon in die Hose", tönte Bremens Bundesliga-Profi Martin Harnik. Teammanager Andreas Herzog glaubt an das "Wunder von Wien", für das Österreich allerdings einen Sieg braucht: "Wir sind bereit für ein neues Cordoba. Warum sollen wir die Deutschen nicht schlagen?"

Ausnahmezustand im ganzen Land 

Als Publikumsliebling Vastic, mit 38 Jahren der älteste Turnierspieler, in der dritten Minute der Nachspielzeit seiner Mannschaft per Foulelfmeter den ersten EM-Punkt gerettet hatte, herrschte im ganzen Land der Ausnahmezustand.

Auf der Fanmeile in Wien feierten 70 000 Menschen den dramatischen Schlussakkord wie eine Erlösung, im Ernst-Happel-Stadion ging ein Aufschrei durch die rot-weiß-rote Menschenmasse. "Im Prater blühen wieder die Träume", schrieb der Reporter des "Kurier" die Schlagzeile der Freitagszeitung in seinen Computer.

Die Freude der Österreicher auf das Reiz-Duell mit Deutschland kannte keine Grenzen. Auch beim Mitternachtsmahl im eleganten Kursalon Hübner im Wiener Stadtpark war der legendäre Sieg in Argentinien das Thema bei den Erben von Hans Krankl, der am 21. Juni 1978 den hohen Favoriten vorzeitig K.o. geschossen hatte.

"Nach Cordoba wollen wir nun die Sensation von Wien schaffen", sagte Roland Linz. "Das ist die Chance unseres Lebens. Wir können unser eigenes Cordoba schreiben", meinte Emanuel Pogatetz. "Wir werden ein neues Highlight in der österreichischen Fußball-Geschichte schreiben", kündigte der Neu-Bremer Sebastian Prödl vollmundig an.

"Wir müssen cooler werden" 

Mit breiter Brust, aber auch ein wenig Unbehagen fiebert der Fußballzwerg aus der Alpenrepublik dem Showdown im Prater entgegen. "Vor dem Tor müssen wir cooler werden", sprach Prödl das große Manko seiner Mannschaft an. In den ersten 30 Minuten hatte sie ein wahres Offensivfeuerwerk geboten, aber den Ball nicht ins polnische Tor gebracht.

"Das war kein Pech, sondern Unvermögen", übte Harnik Selbstkritik. Der gebürtige Hamburger vergab zwei von drei Riesenmöglichkeiten. Das Happy End blieb aber nicht aus. In bester Ringermanier riss Mariusz Lewandowski den langen Prödl um, Vastic verwandelte zum ersten EM-Tor überhaupt für Österreich.

"Die Chance lebt" 

Teamchef Josef Hickersberger trauerte dem verpassten Sieg, der an der Ausgangslage ohnehin nichts geändert hatte, nicht lange nach. "Die Chance lebt", sagte der 60-jährige Ex-Spieler und -Trainer in Offenbach und Düsseldorf vor dem besonderen Spiel gegen das Nachbarland: "Ich habe sechs wunderschöne Jahre in Deutschland verbracht."

Mit der Cordoba-Hysterie kann er nichts mehr anfangen: "Das ist verarbeitet und abgehakt und spielt für mich überhaupt keine Rolle", sagte Cordoba-Spieler Hickersberger, "ich bin damals nicht narrisch geworden und jetzt schon gar nicht mehr."

Polens Presse schlägt erneut zu 

Bei den Polen herrschte nach dem späten Elfmeterschock grenzenloser Frust: Die verärgerten Spieler demolierten in den Katakomben die Werbebanden, der sonst so bedachte Trainer Leo Beenhakker setzte zu einer spontanen Wutrede an und Polens Presse attackierte kollektiv den Referee.

Auch am Tag nach dem 1:1 hatten sich die Gemüter noch lange nicht beruhigt, und der Schuldige für das drohende EM-Aus war längst gefunden. Der englische Schiedsrichter Howard Webb wurde an den Pranger gestellt und als "Versager" ("Dziennik"), "Dieb" und sogar als "Monster" ("Super-Express") massiv verunglimpft.


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