Dienstag, 10.06.2008

Eine Nation setzt auf Fernando Torres

Furia Roja mit dem Premier-League-Gen

München - Spanien wird bei internationalen Turnieren hartnäckig als Titelaspirant gehandelt. Fast immer fliegt die Furia Roja dann hochkant raus und scheitert an der fehlenden Winner-Mentalität. Ganz Spanien hofft bei der EM 2008 darauf, dass Fernando Torres das Sieger-Gen von der Premier League in die Seleccion transportieren kann.

Fußball, EM 2008, Torres, Xavi, Villa
© Getty

Die Experten sind sich diesmal ganz besonders einig, dass die Spanier nominell eine der stärksten Mannschaften haben. Als "fantastisches Team mit Top-Spielern" bezeichnete Amedeo Carboni den Favorit der Gruppe D gegenüber SPOX.com.

Der Ex-Sportdirektor des FC Valencia kennt Spanien aus dem Effeff. Carboni glaubt, dass das erste Gruppenspiel gegen Russland (17.45 Uhr im SPOX-TICKER) die Triebfeder zur Trennung vom Ruf des virtuellen Titelträgers sein kann.

"In den letzten Jahren haben eigentlich nur die Ausländer die Sieger-Mentalität nach Spanien mitgebracht. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Spanier nicht wettbewerbsfähig. Da aber viele spanische Topspieler wie Torres und Cesc Fabregas mittlerweile im Ausland sind, könnte dieses Jahr die große Wende kommen", so Carboni.

Aragones wider jede Logik 

So ist es auch ebendieser Torres, an dem sich die komplette Aufstellung aufhängen wird, unabhängig davon, welche Spielvariante Trainer Luis Aragones wählen wird. Torres selbst würde das 4-1-4-1-System bevorzugen, das Aragones im Vorfeld der EM hauptsächlich anwendete und damit die attraktivsten und erfolgreichsten Testspiele bestritt.

Dabei baut Spanien auf sein immens starkes Mittelfeld, in dem Spielgestalter Xavi die Fäden zieht. Andres Iniesta sorgt auf der rechten Seite für Schwung nach vorn, David Silva auf der Linken. Hinter Xavi und Cesc Fabregas dient Marco Senna als Abräumer vor der Viererkette.

Wider jede Logik deutet aber alles daraufhin, dass Aragones auf die klassische 4-4-2-Variante zurückgreifen und dem Team damit von Haus aus ein wenig seiner eigentlichen Stärke nehmen wird.

Fernando Torres beim Testspiel gegen Peru - Spanien gewann die Partie mit 2:1
Fernando Torres beim Testspiel gegen Peru - Spanien gewann die Partie mit 2:1
© Getty

"Ein Kunststück, nicht zu treffen"

Demnach bildet Torres zusammen mit David Villa die Doppelspitze der Iberer. Die Krux: Für Fabregas ist im Mittelfeld kein Platz mehr und sowohl Torres als auch Villa würden in ihrem Wirkungsradius eingeengt werden. 

Der 69-jährige Trainer sieht das aber anders: "Mit dem Duo Torres/Villa ist es schon beinahe ein Kunststück, nicht zu treffen", befand Aragones frei nach dem Motto: Viel hilft viel!

So sieht Aragones' EM-Kader aus 

Die Schnelligkeit aus dem Mittelfeld 

Vielleicht blufft der alte Fuchs Aragones aber auch, um dann am Ende seiner letzten Großveranstaltung als Trainer der Seleccion als rebellischer Macher dazustehen.

Der für die Stammformation gesetzte Torres jedenfalls glaubt an den Verstand seines Trainers: "Ich glaube, dass ich es bin, der sich an die taktische Spielweise von Luis Aragones eingliedern muss. Dafür muss ich arbeiten. Generell würde mir jedoch gefallen, wenn wir einen Tick schneller spielen würden."

Letzte Aussage war dann aber dennoch ein Wink in Richtung Coach, denn die Schnelligkeit bei Spanien kommt maßgeblich aus dem Mittelfeld.

Spanien in Bildern 

Syrjanow: "Spanien hat keine Stars" 

Vom ersten Gegner Russland, oder besser gesagt von deren Mittelfeldspieler Konstantin Syrjanow, wurde Spanien aber auch trotz der vielen Ausnahmekönner nicht mit Vorschusslorbeeren bedacht: "Das Aushängeschild von Spanien ist und bleibt Raul, aber der ist nicht dabei. Der Rest ist okay, mehr aber auch nicht."

Da sprach sicherlich auch ein Unterton an Selbstironie mit. Zwar sind die Russen in den vergangenen Jahren enorm gereift, aber sie greifen ohne ihren Star Pawel Progrebnjak (Meniskusbeschwerden) ins Geschehen ein und an Spanien sollte Russland keine guten Erinnerungen haben. Bisher entschied Spanien alle drei Aufeinandertreffen mit 1:0 für sich, zuletzt bei der EM 2004.

Russland nicht der Maßstab 

Überhaupt starteten die Iberer nur einmal mit einer Auftakt-Niederlage in eine EM. Aber auch wenn es zweifellos wichtig ist, in eine solches Turnier gut zu starten: Russland darf für Spanien nicht der Maßstab sein.

Vom Kader her zählt Spanien zum engen Favoritenkreis. Es würde aber wieder einmal niemanden wirklich wundern, wenn Aragones' Elf Russland erst demontiert, danach aber wieder in gewohnte Schemen verfällt und in der Vorrunde oder im Viertelfinale versagt.

Vielleicht kommt hier eine neue Mischung zum Tragen: Die kühle Berechnung von Aragones, der sein Team vor Überehrgeiz bewahren will, und die importierte Sieger-Mentalität von Fernando Torres. Nominell ist die Furia Roja jedenfalls einmal mehr bestens gerüstet.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Spanien: Casillas - Ramos, Marchena, Puyol, Capdevila - Iniesta, Alonso (Senna), Xavi, Silva - Torres, Villa

Russland: Akinfejew - Anjukow, Schirokow, Kolodin, Schirkow - Semak, Syrjanow, Schemschow, Bystrow, Biljaletdinow - Paljutschenko

Richard Rother

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