Griechenland nach dem EM-Aus

Willkommen in der Moderne

Von Thomas Ziemann
Sonntag, 15.06.2008 | 12:19 Uhr
Rehhage, Hiddink, EM, Russland, Griechenland, Europameisterschaft, EURO
© Getty
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 München - Schluss, Aus, Vorbei - Griechenland, immerhin Titelverteidiger des kontinentalen Wettbewerbs, ist bereits nach dem zweiten Spieltag ausgeschieden. Selbst ersatzgeschwächte Russen waren am Samstag eine Klasse besser als die Griechen.

Es war knapp halb Elf, als Otto Rehhagel im Salzburger Stadion Wals-Siezenheim ziemlich unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Zwei Spiele hat der Europameister bislang bei dieser EM absolviert. Die bittere Bilanz: 0 Punkte, 0 Tore, 0 Fußball.

Der Charme ist verflogen 

Es gibt nicht wenige Kritiker des kauzigen deutschen Trainers, die sich nun in ihren Theorien bestätigt sehen, dass Griechenland den modernen Fußball verschlafen hat. Und ganz ehrlich, was im Jahr 2004 in Portugal vielleicht noch sympathisch wirkte, hat sich nun abgenutzt.

Der Charme der Rumpeltruppe aus Hellas, die bei der letzten Europameisterschaft mit soviel Präzision und Konzentration jeden Gegner weichkochte, ist verflogen. 

Griechenland ist im Hier und Jetzt angekommen. Mitten hinein in Viererkette, vertikales Spiel in die Spitze, Tempofußball, One-Touch-Fußball und wie sie alle heißen, die neumodernen Begriffe, die spätestens seit Jürgen Klinsmann zumindest hierzulande jeder kennt.

"Modern ist, wenn man gewinnt", hat Rehhagel immer wieder gepredigt. Spätestens seit Samstag muss sich aber wohl auch König Otto eingestehen, dass der griechische Fußball überholt ist. Der moderne Fußball bietet einfach keinen Platz für Manndeckung und Libero.

Nur auf dem Papier offensiv 

Wie wenig sich Rehhagel tatsächlich um die neuen Trends schert, zeigte das Spiel gegen die Russen, das jüngste Team bei der diesjährigen Europameisterschaft, in erschreckender Art und Weise. Nicht einmal gegen den direkten Konkurrenten konnte er sich dazu durchringen, offensiv spielen zu lassen. Und dabei war vor dem Spiel klar: Alles andere als ein Sieg, ist wahrscheinlich zu wenig.

Zwar versprach die Aufstellung durchaus ein angriffslustiges griechisches Team, schließlich hatte Rehhagel mit Amanatidis, Liberopolus und Charisteas drei Stürmer aufgeboten, doch auf dem Platz war davon herzlich wenig zu sehen.

Hellas agierte fast ausschließlich mit langen Bällen. Das viel zu statische Mittelfeld, bestückt mit Arbeitern und Zerstörern, rückte viel zu langsam nach, die spielerisch limitierten Spitzen waren nur bei Ecken und Freistößen gefährlich.

Der einzige offensiv inspirierte Mittelfeldspieler, Karagounis, saß verletzungsbedingt zunächst nur auf der Bank, konnte dem Spiel nach seiner Einwechslung aber auch keine Impulse mehr geben.

Die Russen, die keineswegs zu den Topfavoriten auf den Titel zählen, hatten keinerlei Mühe, ihren 1:0-Vorsprung über 57 Minuten zu verwalten. Zu limitiert ist das Spiel dieser griechischen Mannschaft. Zu eingefahren sind die Methoden des Trainers Rehhagel.

WM-Quali ist Pflicht 

Stellt sich also die Frage: Wie geht's weiter mit König Otto und den Griechen?

Rehhagel wandelt auf einem sehr schmalen Grat. Anstatt sich vor die Mannschaft zu stellen und ihr den Rücken zu stärken, spricht der Coach ihr öffentlich die Klasse ab: " Wir wollten natürlich besser abschneiden, aber so gut sind wir nicht, dass wir hier drei Spiele gewinnen. Andere Mannschaften haben viel brutaler verloren als wir. Die Franzosen kriegen vier Stück, können die etwa nicht Fußball spielen? Die werden vielleicht auch ausscheiden und sind besser als wir." Rehhagel beansprucht für sich, der alleinige Star des Teams zu sein. Und genau das könnte ihm zum Verhängnis werden.

Schon für die WM 2006 konnte sich Griechenland nicht qualifizieren. Nun das frühe Aus bei der EM - nie musste ein Titelverteidiger früher seine Hoffnungen begraben. Die Qualifikation für die WM 2010 ist mittlerweile Pflicht. Rehhagel hat inzwischen durchaus viel zu verlieren und letztlich nichts zu gewinnen.

Zudem hat es der Trainer verpasst, frühzeitig junge Talente an die Mannschaft heranzuführen. Einzig das 18-jährige Ausnahmetalent Sotirios Ninis schaffte den Sprung in den vorläufigen EM-Kader der Griechen und überzeugte prompt. Im Testspiel gegen Zypern markierte Ninis den entscheidenden Treffer und belebte auch sonst das statische Spiel seiner Mannschaft.

Warum Rehhagel den 18-jährigen dann aus dem offiziellen Aufgebot gestrichen hat, bleibt wohl sein kleines Geheimnis.

"O.k., das war's" 

Fakt ist, die griechische Mannschaft braucht einen Neuanfang. Und zwar sofort, sonst steht auch die WM-Qualifikation auf dem Spiel. Ob Rehhagel, der im August 70 Jahre alt wird, noch der richtige Mann für diesen Job ist, darf nach den Eindrücken der EM zumindest in Frage gestellt werden.

Er selbst wollte sich bislang zu seiner Zukunft noch nicht äußern. Angesprochen auf die Konsequenzen, die er aus dem vorzeitigen Ausscheiden zieht, sagte er nur soviel: "Das Turnier ist noch nicht vorbei, wir haben noch die Pflicht, eine saubere Arbeit gegen Spanien abzuliefern. Das sind wir allen Leuten schuldig."

Und überhaupt: "Die Akropolis steht seit 3000 Jahren", verkroch sich Rehhagel einmal mehr in philosophische Allgemeinplätze und redete sich langsam in Rage: "Wenn wir in 200 Jahren alle nicht mehr da sind, steht die immer noch... O.k., das war's."

So sprach Otto und verließ fluchtartig die Pressekonferenz. Die griechischen Journalisten schüttelten die Köpfe. Vielleicht war's das ja wirklich.

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