Dienstag, 10.06.2008

Debakel für den Weltmeister

"Albtraum in Orange"

München/Ascona - Fabio Cannavaro muss es ganz besonders schlimm gegangen sein. Der Kapitän saß draußen auf der Bank.

Fußball, EM 2008, Niederlande, Italien
© Getty

Cannavaro, Abwehrchef und das schwarze Loch der italienischen Defensive, in der gewöhnlich die Angriffe der Gegner einfach so versanden, konnte jedoch nicht eingreifen. Dicker Knöchel, EM-Aus noch vor dem ersten Spiel.

Nach den historischen 90 Minuten von Bern fokussierte sich das Augenmerk der Betrachter nicht nur auf die strahlenden Gewinner aus den Niederlanden. Immer wieder wurde Cannavaro eingeblendet, der hilflose Stratege.

Die meisten konnten es schlicht nicht fassen, dass sich eine italienische Nationalmannschaft bei einem großen Turnier so hatte abfertigen lassen.

Entschuldigung bei den Fans

"Ein schwarzer Abend. Wir haben Tore kassiert und waren ziemlich naiv dabei", stammelte Trainer Roberto Donadoni nach der höchsten Niederlage der Squadra und der ersten Auftaktpleite überhaupt bei einem EM-Turnier.

"Wir möchten uns bei allen italienischen Fans entschuldigen und hoffen, dass wir uns von diesem Schlag schnell erholen", gestand Torhüter Gianluigi Buffon, der mit einigen Paraden sogar noch Schlimmeres verhinderte. "Das war heute das schlechteste Spiel, seit ich in der Nationalmannschaft bin. Und das sind immerhin schon zwölf Jahre."

Schelte aus der Heimat

Wie zu erwarten, ging die italienische Presse in der Heimat schonungslos auf den Weltmeister los. 

Donadoni, Nachfolger von Weltmeister-Trainer Marcello Lippi, wurde bereits als Totengräber der Squadra Azzurra beschimpft: "Gebt uns Lippi zurück!", forderte "Tuttosport". "Die Azzurri völlig im Dunkeln: Die Niederlande dominierten uns", schrieb "La Repubblica" und die "Gazzetta dello Sport" sah "den schwärzesten Abend! Albtraum in Orange für Italien".

Dabei war das Ergebnis am Ende nach den Toren von Ruud van Nistelrooy (26.), Wesley Sneijder (31.) und Gio van Bronckhorst (79.) um mindestens einen Treffer zu hoch ausgefallen. Besonders van Nistelrooys Führungstor sorgte für einigen Wirbel.

Wirbel um das 0:1

Christian Panucci hatte sich Sekunden zuvor verletzt und lag hinter der Torauslinie auf dem Rasen. Nach Nigel de Jongs Schrägschuss stand van Nistelrooy zwar näher zum Tor als alle italienischen Feldspieler auf dem Platz - allerdings zählte der am Boden liegende Panucci mit dazu und hob unabsichtlich und ungewollt das Abseits auf.

"Ein 100 Prozent korrekt erzieltes Tor", sagte Gerhard Kapl, österreichischer Schiedsrichterobmann und während der EM für die UEFA aktiv. Grundlage der Entscheidung ist Artikel 11.4.1. des Regelwerks, der besagt, dass der Angreifer nicht im Abseits stehen kann, wenn einer der beiden letzten verteidigenden Spieler das Feld verlässt.

"Ich akzeptiere die Entscheidung, auch wenn sie für uns unglücklich war. Aber was soll ich jetzt machen? Heulen? Der Schiedsrichter hat einen Fehler gemacht, das ist nur menschlich", sagte Donadoni verärgert und offenbar regeltechnisch nicht ganz auf der Höhe.

Viele leichte Fehler

Vielmehr waren seine Weltmeister gegen die Holländer in vielen Belangen unterlegen. Besonders auffällig: Die vielen technischen Fehler von Granden wie Andrea Pirlo im Aufbauspiel oder Innenverteidiger Marco Materazzi.

"Wir haben viel zu viele Fehler gemacht, das darf uns einfach nicht passieren. Wir waren nicht konzentriert und das rächt sich auf diesem Niveau gegen so einen Gegner", gestand Donadoni die Überlegenheit von Oranje ein, wollte aber von einer Dominanz des Gegners nichts wissen.

Van Basten bremst Euphorie

Trotzdem hatten die schläfrigen Azzurri dem flinken Pass- und Kombinationsspiel der Niederländer in einigen Situationen kaum etwas entgegenzusetzen.

"Der Sieg macht uns unglaublich stolz. Das erste Spiel ist immer eminent wichtig, und so gegen Italien zu gewinnen, das gibt uns viel Selbstvertrauen. Ich habe nicht gewagt, von so einem Start zu träumen", jubelte der überragende Sneijder nach dem Spiel.

Trotz der euphorischen Stimmung zu Hause warnt Trainer Marco van Basten aber eindringlich: "Ich zähle uns noch nicht zu den Favoriten. Wir haben erst ein Spiel gespielt und hatten auch etwas Glück. Jetzt warten zwei schwere Spiele gegen Frankreich und Rumänien auf uns. Gegen die Rumänen haben wir in der Qualifikation zweimal nicht gewonnen, das wird also nicht einfach."

So diskutierten die User nach dem Schlusspfiff

Christian Bernhard/ Stefan Rommel

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