Dienstag, 24.06.2008

Donadonis Tage sind gezählt

Kapitän Lippi, übernehmen Sie!

München - Marcello Lippi war in diesen Tagen nicht zu erreichen. Kein Wunder, befindet er sich doch auf seinem heißgeliebten Schiff weit vor der toskanischen Küste. Und da gibt es nun mal kein Handynetz.

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© Getty

Trotzdem wird es nicht lange dauern, bis sein Telefon wieder klingelt. Und dann wird ihm der italienische Verbandspräsident Giancarlo Abete zum zweiten Mal das Amt des Nationaltrainers anbieten.

Davon geht in Italien mittlerweile so gut wie jeder aus, die "Repubblica" spricht bereits von "L'Italia di Lippi" - Lippis Italien. Die Rückkehr des Weltmeister-Trainers scheint seit dem Aus im EM-Viertelfinale beschlossen zu sein.

550.000 Euro Abfindung für Donadoni

Roberto Donadonis Ära wird in wenigen Tagen zu Ende gehen. Keiner zweifelt mehr daran, dass der italienische Verband in den kommenden Tagen Gebrauch von der ominösen Klausel in Donadonis Vertrag machen wird.

Diese ermöglicht es dem Verband, den Vertrag bei Nicht-Erreichen des EM-Halbfinals innerhalb von zehn Tagen zu kündigen. Donadoni erhält eine Abfindung von rund 550.000 Euro und wird nach weniger als zwei Jahren wieder vom Hof gejagt.

Ist Donadoni aber der große Schuldige? Und wenn ja, welche Fehler hat der 44-Jährige gemacht? "Donadoni hat es nicht geschafft, der Mannschaft eine richtige Identität zu geben", sagt Gianni Lovato, Fußball-Redakteur der italienischen Sporttageszeitung "Tuttosport" im Gespräch mit SPOX.com.

"Das gewisse Etwas hat gefehlt"

Lovato begleitete die Azzurri in der Schweiz und in Österreich und vermisste dabei besonders Donadonis Leaderqualitäten: "Man hatte nie das Gefühl, dass das Team den Zusammenhalt der WM 2006 hat. Zudem muss ein Nationaltrainer neben fachlicher Kompetenz auch Führungsqualitäten haben, die Donadoni meiner Meinung nach nicht hat."

Die Weltmeister zeigten sich gegen Spanien aber auch spielerisch erschreckend schwach. Ein Grund war die Sperre des Mittelfeld-Strategen Andrea Pirlo, für Lovato aber nicht der einzige: "Wir haben viel zu eintönig und vorhersehbar gespielt. Deshalb waren wir für die Spanier leicht ausrechenbar. Obwohl unsere Stärke traditionell in der Defensive liegt, hatten wir immer schon Spieler wie Paolo Rossi, Roberto Baggio oder Francesco Totti, die dem Spiel nach vorne immer das gewisse Etwas verliehen haben. So ein Spieler hat diesmal einfach gefehlt."

Totti vor Rückkehr in die Squadra Azzurra?

Den großen Umbruch sieht Lovato deshalb aber nicht von Nöten: "Die Mannschaft war an Schlüsselstellen zwar etwas zu alt, ist aber nicht so schlecht, wie sie von einigen gemacht wird."

2006 seien der totale Zusammenhalt und die tiefe Bande mit Lippi die Hauptgründe für den WM-Titel gewesen. Italien sei damals nicht die Übermannschaft gewesen und sei jetzt nicht die Schlechteste: "Damals hat uns das Elfmeterschießen den Titel gebracht, diesmal bedeutete es das Aus. So ist Fußball nun mal."

Die Rückkehr an die Spitze soll nun erneut Lippi schaffen. Für diese Mission wird er sich einige Weggefährten von 2006 wieder ins Boot holen, angefangen bei Francesco Totti. Der Roma-Kapitän hatte nach dem Triumph von Berlin seinen Rücktritt aus der Squadra Azzurra erklärt. Die "Gazzetta" und die "Repubblica" sind aber fest davon überzeugt, dass Lippi alles versuchen wird, um "seine" Nummer 10 zu einer Rückkehr zu überreden.

Materazzi und Panucci sind raus

Der Stamm um Gianluigi Buffon, Fabio Cannavaro, Pirlo und Daniele De Rossi wird der gleiche bleiben; Spieler wie Christian Panucci, Marco Materazzi, Antonio Di Natale und womöglich auch Alessandro Del Piero werden in der zweiten Lippi-Ära aufgrund ihres Alters aber keine Zukunft mehr haben. Antonio Cassano hat unter Lippi auch nie eine Rolle gespielt.

Im Hinblick auf die WM in Südafrika scharren bereits die hoffnungsvollen Talente Giuseppe Rossi, Sebastian Giovinco und Mario Balotelli mit den Hufen. Und mit Totti gäbe es dann auch wieder einen Spieler, der das gewisse Etwas beisteuern kann.

Egal, welchen Spielern Lippi das Vertrauen schenkt: Ruhige Segelbootrips werden bald wieder der Vergangenheit angehören.

Christian Bernhard

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