Sonntag, 22.06.2008

Marcel Koller exklusiv

"Italien ist da, wenn es drauf ankommt"

München - Das erste Halbfinale der EM steht, die Deutschen treffen auf die Türken. Am Samstagabend zog Russland durch einen Sieg gegen die Niederlande als drittes Team in die Runde der letzten Vier ein.

Italien, Toni
© Getty

Auf wen die Sbornaja trifft wird im letzten Viertelfinale zwischen Italien und Spanien ermittelt (20.30 Uhr im SPOX-TICKER)

Im Interview mit SPOX.com erzählt Marcel Koller, Coach des VfL Bochum, was er von Russland hält und warum er mit den Italienern rechnet.

SPOX: Herr Koller, Europa wundert sich über die Stärke der Russen. Sie auch?

Koller: Für mich waren sie schon vor dem Turnier ein Geheimfavorit. Sie haben sich in den drei Spielen kontinuierlich gesteigert. Eine perfekte Ausgangslage.

SPOX: Egal ob Südkorea, Australien oder jetzt Russland: Guus Hiddink hatte fast überall Erfolg - obwohl er es mit völlig verschiedenen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Spielertypen zu tun hatte. Was ist sein Geheimnis?

Marcel Koller (47), Trainer des VfL Bochum
Marcel Koller (47), Trainer des VfL Bochum
© Getty

Koller: Die Disziplin. Er hat überall die europäische Disziplin hineingebracht. Er kann mit seiner internationalen Erfahrung ganz genau einschätzen, was das jeweilige Team benötigt und wie das Potenzial geweckt wird. Sei es Teamgeist bei Australien oder Schnelligkeit und Technik bei Russland.

SPOX: Besonders stark spielt Linksverteidiger Juri Schirkow. Vor dem Turnier hatte ihn keiner auf dem Schirm. Ist er ein Mann für ein europäisches Topteam?

Koller: Absolut. Andererseits ist es aber auch so, dass sich die Russen im Ausland bislang nicht besonders hervorgetan haben oder den ganz großen Durchbruch geschafft haben. Ivan Saenko ist ja auch der einzige Legionär und spielt nicht von Anfang an. Ich denke, das wird noch etwas dauern, bis sich ein Russe bei einem Spitzenverein durchsetzt. Die Mentalität ist einfach zu verschieden.

SPOX: Kommen wir zum letzten Viertelfinale zwischen Spanien und Italien. Gelingt den Spaniern endlich mal der große Wurf?

Koller: Ich bin mir nicht so sicher. Die hatten ja schon immer das Potenzial. Aber Italien ist auf diesem Level sehr viel erfahrener. Wenn es drauf ankommt, so wie gegen Frankreich, dann sind sie da.

SPOX: Einer der Gewinner der EM ist Spaniens Trainer Luis Aragones. Dabei galt er als Auslaufmodell...

Koller: Man darf nicht vom Alter auf die Qualität schließen. Aragones denkt sehr modern - und profitiert natürlich davon, dass das Spielermaterial passt. Entscheidend ist aber, dass man diese taktische Flexibilität richtig ausnützt. Und das tut Aragones.

SPOX: Es verwundert, dass Spanien durch die Mitte kaum etwas zulässt, obwohl das Mittelfeld mit Xavi, Iniesta oder Silva klein und schmächtig daherkommt.

Koller: Das machen sie sehr clever. Sie spielen wenig Foul, gehen nicht blind in die Zweikämpfe und provozieren daher keine gegnerischen Standards. Zudem bleiben sie dank der hervorragenden Technik viel in Ballbesitz. Für jeden Gegner eine sehr unangenehme Mischung.

SPOX: Warum favorisieren Sie dennoch Italien?

Koller: Wegen ihrer Erfahrung und ergebnisorientierten Spielweise.

SPOX: Geht das detaillierter?

Koller: Sie sind taktisch hervorragend geschult. Bei Ballverlust sind gleich alle hinter dem Ball. Sie machen die Räume gut zu. Es ist auch deshalb schwer, weil sie bei Ballbesitz des Gegners versuchen, Überzahl zu bilden. Im ersten Spiel gegen Holland war das aber mal nicht so. Ich war richtig erstaunt, welche unglaublichen Fehler sie in die Defensive und vor allem in der Innenverteidigung gemacht haben.

SPOX: Sie sprechen die Abwehrprobleme an. Neben Cannavaro fehlt jetzt auch Barzagli verletzt.

Koller: Das könnte schon zum Problem werden, weil auch die Abstimmung fehlt. Sie sind zwar allesamt erfahren, aber gerade in der Defensive ist es wichtig, dass man eingespielt ist. Auf diesem Level sind Kleinigkeiten entscheidend, gerade gegen solche Topstürmer wie Fernando Torres und David Villa. Gegen Frankreich haben sie jedoch wieder ihre alte Abwehrstärke demonstriert.

Interview: Jochen Tittmar

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