Freitag, 06.06.2008

Hansi Müller exklusiv

"Dann muss Gomez marschieren"

München - Die EM steht vor der Tür, ganz Deutschland fiebert dem Start entgegen. Hansi Müller (im Bild links), Europameister von 1980, hat mit der deutschen Nationalmannschaft bereits das erreicht, wovon Jogis Truppe noch träumt: den EM-Titel.

Fußball, EM 1980, Hansi Müller
© Imago

Im Interview mit SPOX.com spricht der 42-fache Nationalspieler über die Chancen der deutschen Mannschaft, nennt seine Favoriten und erklärt, warum dem Zuschauer keine - vom Spielniveau her - hochklassige EM bevorsteht. 

SPOX.com: Was erwarten Sie von der deutschen Mannschaft bei der EM?

Hansi Müller: Wenn ich überlege, wie sie sich in den vergangenen zwei Jahren in der EM-Qualifikation präsentiert hat und wenn sie daran nahtlos anknüpft, bin ich total überzeugt, dass sie mindestens unter die letzten Vier kommt. Es ist ein sehr gutes Teilnehmerfeld mit vielen Favoriten. Acht bis zehn Mannschaften sind für mich in der Lage, das Turnier zu gewinnen. Aber Deutschland hat sich gut weiterentwickelt nach der WM 2006. Vor allem die Defensive ist sehr stark. Hinten müssen wir aufpassen, dass wir einigermaßen stabil sind. Wenn das gelingt, ist mir nicht bange.

SPOX: Wie war Ihre Reaktion, als Joachim Löw den Kader bekannt gegeben hat, vor allem natürlich in Sachen Timo Hildebrand?

Müller: Es hat mich schon sehr überrascht, dass Timo nicht dabei ist. Er hat in Valencia einige Probleme gehabt, aber man darf auch nicht vergessen, dass er regelmäßig gespielt hat und spanischer Cup-Sieger geworden ist. Er ist zwischendurch kritisiert worden, aber das ist nun mal beim Torwart so. Wenn er einen Fehler macht, dann klingelt es. Aber er hat auch wieder ganz starke Spiele gemacht. Man konnte nicht damit rechnen, dass er nicht im Kader stehen wird. Er hat gesagt, dass er nicht locker lässt und trotzdem weiter angreift, das ist genau die richtige Einstellung. Jetzt mit 29 den Kopf in den Sand zu stecken, wäre falsch.

SPOX: Wen würden Sie ins Tor stellen? Ist Rene Adler der beste deutsche Torwart? Sollte er jetzt schon spielen?

Für den ARD-EM-Experten zählt Deutschland zu den Favoriten - aber Vorsicht vor den Schweden!
Für den ARD-EM-Experten zählt Deutschland zu den Favoriten - aber Vorsicht vor den Schweden!
© Getty

Müller: Wenn man Jens Lehmann jetzt keinen Freibrief gibt und eventuell noch überlegt, Robert Enke oder Rene Adler ins Tor zu stellen, würde ich es nicht verstehen. Lehmann wurde mit dem Wissen nominiert, dass er nicht sehr oft gespielt hat. Wenn man ihn jetzt in Frage stellt, würde dies das Vertrauen, das man ihn in gesetzt hat, wieder schmälern. Man sollte ihm das volle Vertrauen schenken.

SPOX: Im Trainingslager auf Mallorca gab es auch eine Basketball-Einheit, die zeigen sollte, wie man ohne Körperkontakt aggressiv verteidigen kann. Wie ist Ihre Meinung zu solchen innovativen Methoden?

Müller: Es ist wichtig, immer wieder neue Dinge zu machen, neue Methoden einzuführen, weil das Spaß und Motivation mit sich bringt. Natürlich muss es sinnvoll sein.

SPOX: Wie sieht Ihre erste Elf bei der EM aus?

Müller: Lehmann - Fritz, Metzelder, Mertesacker, Lahm - Borowski, Frings, Ballack, Schweinsteiger - Klose, Gomez.

SPOX: Trauen Sie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski nach ihren tollen Leistungen bei der WM jetzt bei der EM wieder ein großes Turnier zu?

Müller: Die EM ist wieder eine andere Bühne und gerade deswegen, weil sie wissen, was sie in der Nationalmannschaft schon geleistet haben, traue ich Ihnen wieder Top-Leistungen zu. 

SPOX: Wer gehört für Sie zum engeren Favoritenkreis bei der EM?

Müller: Wenn ich mich auf vier Teams festlegen muss, würde ich sagen: Italien, Frankreich, Deutschland und auch Spanien, das brandgefährlich sein kann. Aber wer hätte vor vier Jahren gedacht, dass die Griechen den Titel holen. Eine Überraschung kann es immer geben. Die Schweden sind immer dafür gut. Die Kroaten sind unberechenbar. Plötzlich sind vielleicht die Polen da, die eine starke Qualifikation gespielt haben. Da ist vieles möglich.

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SPOX: Hat Michael Ballack das Zeug zum EM-Star oder könnte ihm das bittere Champions-League-Finale während der EM noch nachhängen?

Müller: Die Tage nach Moskau waren sicher hart, aber jetzt ist das abgehakt. Wenn er wieder bei seinen Jungs ist, geht der Blick nur noch nach vorne. Ab und zu wird er vielleicht davon träumen, wie John Terry den Ball an den Pfosten schießt. Aber grundsätzlich kann man das abhaken und sich voll auf das Turnier konzentrieren.

SPOX: Wie lange wird Mario Gomez dem VfB Stuttgart noch erhalten bleiben?

Müller: Ich traue ihm eine herausragende EM zu. Er hat einen super Lauf, er ist körperlich gut drauf und nicht so ausgelaugt, weil er leider einige Verletzungspausen hatte. Wenn Mario eine überragende EM spielt, dann wird er marschieren und das muss er dann auch machen, denn so eine Chance bekommt man vielleicht nur einmal. Der VfB verliert dann zwar einen Top-Stürmer, aber dafür gibt es eine kleine Entschädigung. 

SPOX: Was erwarten Sie für ein Spielniveau bei der EM?

Müller: Ich glaube nicht, dass wir eine sehr hochklassige EM sehen werden. Der Fußball wird immer schneller, aggressiver und härter. Da bleibt auch ein bisschen Qualität auf der Strecke. Deswegen denke ich, dass es keine schöne EM wird. Sondern eine beinharte. Hart umkämpfte Spiele, sicher auch attraktive Spiele, aber nicht zum mit der Zunge schnalzen.

SPOX: Es ist nicht auszuschließen, dass ein Spiel bei der EM dadurch entschieden wird, dass ein Tor fälschlicherweise gegeben wird oder eben nicht. Wie stehen Sie zum Thema Torkamera oder Videobeweis?

Müller: Die Einführung einer Torkamera fände ich noch okay. Aber man sollte aufpassen mit zu vielen technischen Neuerungen. Das kann im Fußball zu vielen Diskussionen und ständigen Unterbrechungen führen. Ich würde nicht zu viel am Fußball herumbasteln. Was mir als ehemaligem Offensiv-Spieler viel mehr am Herzen liegen würde, wäre, dass die Schiedsrichter bei zu hartem Einsteigen gnadenlos reagieren. Wenn ein Spieler zu Beginn des Spiels hart einsteigt, weil er seinem Gegenspieler den Schneid abkaufen will, dann muss er sofort Gelb sehen, dass er weiß, beim nächsten Mal geht er runter. Da braucht es eine klare Linie.

Interview: Florian Regelmann

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