Mittwoch, 11.06.2008

EM: Die taktischen Trendsetter

Am schnellsten läuft der Ball

München - Europameister werden ging früher so: Flanke, Kopfball, Tor. So holte Griechenland vor vier Jahren den Titel. Das war zwar nicht schön anzuschauen, einen Pokal gab's aber trotzdem.

Inzwischen jedoch hat sich die Fußballwelt weitergedreht. Otto Rehhagel spielt zwar immer noch mit Manndecker, immerhin aber hat er sich von seinem heißgeliebten Libero getrennt.

Insgesamt dominieren bei der EM bislang erfrischend spielstarke Mannschaften. Nur die Rumänen schafften es, sich gegen Frankreich einen Punkt zu ermauern. Ansonsten durchbrachen in der Regel die modernen Spielsysteme den Beton der Gegner.

Diashow: Die Spielsysteme aller 16 Teilnehmer im Überblick

Attraktiv, offensiv, erfolgreich

Die Trendsetter heißen Portugal, die Niederlande und Spanien: Diese drei Mannschaften spielten bislang den besten Fußball. Attraktiv, offensiv, erfolgreich.

Alle drei Teams setzen auf ein ausgeglichenes und spielstarkes Mittelfeld, in dem die Verantwortung gleichmäßig verteilt ist. Der klassische Spielmacher fehlt genauso wie der klassische Zerstörer.

Strategen wie Spaniens Xavi und Iniesta oder Portugals Deco arbeiten auch in der Defensive und erobern dort Bälle. Vermeintliche Abräumer wie Engelaar und de Jong für die Niederlande oder Senna bei den Spaniern sind auch für den Spielaufbau zuständig und besitzen genügend spielerische Klasse, um den Rhythmus mitzugehen, den ihre Taktgeber anschlagen.

Atemberaubend hohe Laufbereitschaft

Völlig aus der Mode sind dagegen lange Bälle, die allenfalls noch als Diagonalpässe zur Spielverlagerung geschlagen werden. Die Maxime lautet Spielkontrolle. Schnell, flach und scharf werden die Bälle in den Fuß der Angreifer gespielt.

Neben Technik und Präzision ist der Schlüssel zu dieser Spielweise eine atemberaubend hohe Laufbereitschaft in allen Mannschaftsteilen. Außenverteidiger wie Bosingwa (Portugal), van Bronckhorst (Niederlande) oder Ramos (Spanien) schalten sich permanent mit in den Angriff ein, die Mittelfeldspieler rochieren und wechseln ständig ihre Positionen, die Stürmer lassen sich immer wieder auf den Flügel oder ins Mittelfeld fallen. So werden für den ballführenden Spieler immer gleich mehrere Optionen geschaffen.

Etliche Spieler überschritten innerhalb von 90 Minuten bereits deutlich die Zehn-Kilometer-Marke. Das Laufpensum hat sich im Vergleich zu den letzten Jahren immens erhöht. Das Motto lautet viel laufen, schnell laufen und am besten: ohne Ball laufen. Denn der läuft immer noch schneller, als jeder Spieler.

Löw macht Tempo

"Der Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft liegt im Tempo. Wer nach Ballgewinn schnell in die Spitze spielt, hat eine sehr gute Mannschaft", sagte Bundestrainer Jogi Löw nach dessen Eindrücken aus den ersten Tagen der Europameisterschaft.

In der Tat folgt auch die deutsche Elf dem modernen Trend. Laufbereitschaft und Tempo sind vor allem im Vergleich zur Bundesliga deutlich höher, mehr Wege werden in Maximalgeschwindigkeit zurückgelegt. Die Spieler laufen weniger mit dem Ball, vertikale Pässe werden deutlich früher und härter gespielt.

Zwar ist das deutsche Mittelfeld statischer, die Spieler halten weitestgehend ihre Positionen; auch technisch sind Spanien, Portugal und die Niederlande der Löw-Elf noch einen Schritt voraus. Dafür hat der DFB-Kader seine Vorteile im athletischen Bereich.

Insgesamt jedenfalls haben diese vier Mannschaften bislang den stärksten Eindruck hinterlassen und zählen weiter zum engeren Favoritenkreis auf den Titel. Die Verlierer des ersten Spieltags waren dagegen Titelverteidiger Griechenland und Vize-Weltmeister Frankreich.

Frankreich erstickt am System

Dass Otto Rehhagel nicht mit einem innovativen Konzept aufwarten würde, konnte man so erwarten. Dass aber auch Frankreich gegen Rumänien eine derart antiquierte Vorstellung von Fußball präsentierte, war durchaus enttäuschend.

Die Elf von Raymond Domenech agierte bieder und behäbig, die Spieler schienen am sturen System des Trainers zu ersticken. Die Equipe agierte zwar kompakt und diszipliniert und wird für jeden Gegner schwer zu schlagen sein. Nach vorne aber spielt sie zu schablonenhaft und mithin zu berechenbar. In dieser Form auf Gedeih und Verderb abhängig von Einzelaktionen und Standardsituationen.

Hoffnung für die Verlierer

Die bitterste Niederlage des 1. Spieltags mussten die Italiener einstecken. Dennoch wäre es verfrüht, schon Abgesänge auf den Weltmeister zu dichten. Denn erstens war die Leistung der Azzurri nicht so schwach, wie sich das 0:3 gegen die Niederlande auf dem Papier liest.  

Und zweitens haben die Italiener in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass sie gerade unter Druck durchaus die nötigen Ergebnisse abliefern. Allerdings wartet mit den defensiven Rumänen ein denkbar unangenehmer Gegner am zweiten Spieltag der Gruppe C.

Trainer Roberto Donadoni gab indes zu, mit den Trends dieser EM nicht mithalten zu können. "Wir haben nicht die Spieler für dieses schnelle, passsichere Spiel. Uns fehlt ein spielstarker Mann im defensiven Mittelfeld." Gennaro Gattuso wird's nicht gerne hören.

Weiterhin gute Chancen haben mit Polen und Russland auch zwei weitere Verlierer der ersten Runde. Mit Deutschland und Spanien mussten sie jeweils gegen den vermeintlich stärksten Gruppengegner antreten und haben dabei trotz der Niederlage keineswegs auf ganzer Linie enttäuscht.

Enttäuschung bei den Gastgebern

Enttäuschend waren dagegen bislang die Gastgeber, wobei sich Außenseiter Österreich vor allem in der zweiten Hälfte gegen Kroatien noch ganz ordentlich schlug. Frustrierend war der Auftritt der Schweizer: Gegen die recht uninspirierten Tschechen verloren, spielerisch kaum Fortschritte gegenüber 2006 erkennen lassen und mit Alexander Frei auch noch den wichtigsten Spieler durch eine Knieverletzung verloren.

Für beide geht es nun im zweiten Gruppenspiel bereits um alles. Sollte Österreich gegen Polen und die Schweiz gegen die Türkei verlieren, verabschieden sich beide Gastgeber wohl schon frühzeitig aus dem Turnier. Zumindest für die Stimmung wäre das natürlich äußerst schade.

 Schaffen die Gastgeber noch den Sprung ins Viertelfinale? Jetzt Schicksal spielen mit dem Tabellenrechner! 

Stefan Moser

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