Mittwoch, 11.06.2008

Das EM-Tagebuch von Stefan Rommel

Danke Fußballgott!

Ascona - Wer erinnert sich eigentlich noch an den Sommer 2004? Wir waren gerade frisch zu den Deppen Europas gekürt worden. EM-Aus in der Vorrunde gegen eine bessere tschechische B-Mannschaft.

EM 2008, Griechenland, Rehhagel, Otto, Training
© Getty

Der Rudi schmiss hin und das Volk weinte. Es gibt schließlich nur ein' Rudi Völler und dieser döste von da an wieder bei Bayer Leverkusen, anstatt sich verdammt noch mal mit der deutschen Nationalmannschaft in irgendein Finale zu schummeln.

Die Zeit der Irrungen und Wirrungen begann. MV gegen Zwanziger, dann plötzlich Altersteilzeit mit Zwanziger, bis zur WM zwei Jahre später. Aber wer sollte uns den ungewohnt unsteinigen Weg - die Quali fiel ja zwecks Gastgeberstatus weg - führen?

Stefan Rommel - Zum Lager der Nation

Die Trainerfindungskommision arbeitete auf Hochtouren. Hitzfeld? Keine Lust, überdies noch ausgebrannt und als Experte bei Premiere eh viel besser aufgehoben. Daum? Ähm, nun ja. Schwer vermittelbar.

Und dann der Hammer. Otto Rehhagel. Rehhakles, König Otto, der Europameister, der König der Welt, gelernter Anstreicher aus Essen und damit selbstredend der einzig legitime Kenner des Fußballs überhaupt. Ein Plan, von Teufels Hand geschmiedet und doch so naheliegend.

Hätte auch gepasst wie A... auf Eimer, deutsche Kraftmeierei und Ottos 10-0-0-System. Zwanziger, MV, die TFK funkten durch, Otto überlegte. Dann aber trat der griechische Verbandspräsident Vasilios Gagatsis auf den Plan und säuselte dem Otto gar lieblich ins Ohr. "Otto, bisse du größte Trainer von Welt, machse du Grrriecheland zu Eurrrpoameister ganz allein. Musse bleiben mit uns."

Otto überlegte, ging mit Chef Beate in Klausur und verlängerte bei den Griechen. Wir schauten blöde, am Ende übernahm ein Typ mit Dauergrinsen aus Huntington Beach/Kalifornien unser Baby, unsere Jungs.

Gestern habe ich die Griechen gesehen mit einem völlig neuen System, 7-2-1. Es sollte der Diamant unter den gepriesenen Systemen sein. Es wurde zum Desaster, zum grausamen Spektakel. Und der Beweis dafür, was die Griechen alles nicht können.

Sie haben den modernen Fußball verpennt, die Konkurrenz eilt dem Titelverteidiger davon, vielleicht schon auf Jahre hinaus. Zum Glück haben wir unsere Leistungsdiagnostiker, unsere Fitnessgurus mit den strammen Waderln, unseren Psychologen, unsere Jungs, die doch immer nur spielen wollen, spielen, unseren Klinsi und jetzt unseren Jogi.

In voller Inbrunst rufe ich gen Himmel. Danke Fußballgott, danke Vasilios Gagatsis!

Ciao und Grüezi wohl.

SPOX-Redakteur Stefan Rommel begleitet das deutsche Team während der Europameisterschaft und berichtet täglich aus dem Quartier in Ascona. 


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