Sonntag, 08.06.2008

Das EM-Tagebuch von Stefan Rommel

Frühstück bei Schneewittchen

Ascona - Mann, hatte der Tag gut begonnen. Auf dem Weg zum Frühstück kam mir zum ersten Mal nicht der nette Luigi entgegen. 

© Getty

Jetzt nichts gegen Luigi, der ist völlig in Ordnung. Zuvorkommend, freundlich, hilfsbereit. Wie man es in einem robusten 3-Sterne-Hotel erwarten kann.

Luigi stand also nicht im Gang zum offiziellen Frühstücksraum, sondern eine junge, schwarz gelockte Schönheit. Ich kannte sie aus einem meiner ersten Bücher, sie sah tatsächlich aus wie Schneewittchen.

"Buon giorno, was möchtest Du trinken", fragte Schneewittchen. "Äh, Saft vielleicht?" Riesen Antwort. Ein Satz, drei Worte, zwei davon völlig sinnfrei. Der gute Start also schon wieder verflogen.

Stefan Rommel - Zum Lager der Nation

Auf der PK waren BTT Andi Köpke und Grummeltier Torsten Frings. Dummerweise hatte Frings den Kollegen von der Welt die Tage ein Interview gegeben, welches sie just heute dann im Heft und online platzierten. Was sollte also jetzt noch rumkommen?

Nach getaner Arbeit sind wir dann rüber ins Giardino Fan Village. Hört sich erstmal pompös an, wenn man aber genauer hinschaut und in Englisch gut aufgemerkt hat, konnte man es schon erahnen. Die Sache mit dem Village, dem Dorf, nehmen die hier in der Schweiz nämlich mehr als deutlich.

Aus guten alten WM-Fanmeilen-Zeiten war ich Dimensionen von 20.000 Fans aufwärts gewohnt. Am Ufer des Lago Maggiore tummelten sich eine Stunde vor dem Spiel vielleicht 100. Ein Viertel davon wartete gerade auf ein Tretboot.

Naja, sind halt nicht so flink, diese Schweizer. Und wirklich, tröpfliwiis (wie man hier sagt, zu deutsch: tröpfchenweise) trudelten dann doch noch ein paar ein, um es sich bei schalem Bier und Dauerregen auf den unüberdachten Plätzen so richtig unbequem zu machen.

Meine Geldration neigte sich dem Ende zu (dazu später mehr), also musste ich noch mal eben zum Automaten. Der wollte aber nicht, der nächste auch nicht. Karte kaputt, sauber. Und ein Bier mit der Kreditkarte zahlen gibt's noch nicht mal in der Schweiz.

Also Kohle vom Kollegen geschnorrt und los ging's. Nichts. Nichts. Frei verletzt. Nichts. Nichts. Tor Sverkos. Nichts. Ende. Jetzt haben wir Monate, eigentlich seit dem WM-Finale 2006, auf dieses Spiel gewartet und dann so was.

Den Leuten war's recht egal. Aus dem "Hopp Schwiiz" wurde ein "Naja, was soll's" und alles ging seinen gewohnten Gang. Plötzlich - also nach den beiden Spielen - waren aber auf einmal viel mehr Leute da als noch am Abend.

Die wummernde House-Soße, die aus den Boxen quietschte, zog offenbar immer mehr Partypeople an. War aber nichts für mich. Kopfschmerzen hatte ich eh schon, Geld gar keins und echt keine Lust auf billige Musik.

Richtig Mitleid hatte ich aber mit den Gästen, die in weniger als 200 Metern Entfernung vom Fan Village für sündteures Geld ein Zimmer gebucht hatten. Die pennen nämlich die nächsten Tage garantiert keine fünf Minuten, so gut wie es DJ Michael Duponet mit seinen Partypeople meint.

Bin ich froh, dass ich bei Luigi und Schneewittchen eine schöne Heimstatt gefunden habe.

Ach ja, ab sofort nenne ich immer den Preisschocker des Tages. Ich hol mal noch von vorgestern nach: 200 Gramm Filet vom Angusrind mit ein paar Pommes und Salat: 51 Fränkli, ca. 40 Euro. Und im Fan Village: Eine Kugel Eis 2 Euro 30. Heureka.

Ciao und Grüezi wohl.


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