Der Phantomschmerz setzt ein

SID
Mittwoch, 25.06.2008 | 09:12 Uhr
Fußball, EM, Deutschland, Ascona
© Getty
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Ascona - Seit vier Wochen bin ich jetzt unterwegs, seit dem vorletzten Testspiel gegen Weißrussland. Kaiserslautern, Gelsenkirchen, München, Ascona.

Bisher ging's mir trotz allerlei Strapazen und ungewohnter Hindernisse wie fehlender Sprachkenntnisse oder kaputter EC-Karte eigentlich ganz gut.

Heute Morgen aber hatte ich eine erste Ausfallerscheinung. Nichts schlimmes, im rechten Sehfeld flimmerte es für 20 Minuten oder so. Zunächst war ich noch der Meinung, es könnte an der Sonne liegen in die ich vielleicht etwas zu lange geblinzelt hatte.

War es aber nicht. Ich habe momentan nur diesen komischen Zustand erreicht, wo man nachts müde ist, aber trotzdem partout nicht einpennen kann, dafür aber tagsüber völlig übermüdet und zombiesk durch die Gegend stolpert und ständig debil am Grinsen ist. Obwohl Harald Stenger gar keinen Witz gerissen hat. Oder sonst wer.

Kurz gesagt: Bin ziemlich durch. Aber hilft ja nix, muss ja weiter, immer weiter. Dieses Flackern im Auge also. Ich kenne das, ist harmlos. Ich hab das genau einmal im Jahr. Wenn ich vier Tage auf dem Festival meines Vertrauens durchgezecht habe.

Dann kommt das immer am Tag danach, wenn man wieder vom Verspult-Modus runterfährt auf Normalnull. Und jetzt kommt das völlig Unfassbare: Mein Festival-Liebling musste dieses Jahr ja ohne mich auskommen. EM und so, hatte keine Zeit.

Das Flackern war aber trotzdem da, genau einen Tag danach, wie jedes Jahr. Einbildung? Phantomschmerz? Zufall? Wohl eher Letzteres. Durchs Medienzentrum in Tenero jedenfalls strömen immer mehr Journalisten, unser Arbeitsraum ist in der Rush Hour zwei Stunden vor und nach den Pressekonferenzen voll bis zum Anschlag.

In einem 200 Quadratmeter großen Klassenzimmer sind 64 Arbeitsplätze eingerichtet. Mal kurz gerechnet: 200 und 64, da kann man mit 4 kürzen. Bleiben 50 geteilt durch 16, sind so 3 komma irgendwas ganz kleines.

Drei Quadratmeter, die jeder mit einem Laptop oder wahlweise Schnittplatz oder wahlweise Zeitungen oder wahlweise allem zusammen belegt. Dazu noch ultra-süßes Gebäck aus dem Mc-Cafe und natürlich literweise Kaltgetränke. Ein Traum. Ein Albtraum.

So langsam greift der böse Virus des Lagerkollers ein wenig um sich, die Stimmung wird gereizter.

Neulich waren die Portugiesen da und haben im Raum, während alle 50 anderen ihre Texte so schnell wie möglich runterschrieben, ihre Aufsager gemacht. Kam jetzt nicht so dufte an. Die Quittung hat ihnen dann ja der Schweini verpasst.

Ohne mein spottbilliges iPod-Plagiat aus China wäre ich schon längst durchgedreht, so aber begleiten mich meine treuen Weggefährten aus der Welt des Rock 'n Roll durch die schwere Zeit. Wer braucht schon pseudo-rockiges Britpop-Gewäsch auf dem Festival, wenn er die Wüstensöhne Kyuss oder Fu Manchu oder TOOL im Ohr hat? Eben, kein Mensch.

SPOX-Redakteur Stefan Rommel begleitet das deutsche Team während der Europameisterschaft und berichtet täglich aus dem Quartier in Ascona.

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