Sonntag, 22.06.2008

Das EM-Tagebuch von Stefan Rommel

Liebesgrüße an Moskau

Ascona - "Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden."

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© Getty

Hach, ist das poetisch. Aber eben auch so unerschütterlich wahr. Nick Hornby hat das mal gesagt, besser: Er hat es geschrieben.

Ich hab mich auch mal in den Fußball verliebt. Das ist schon viele Monde her, ich weiß auch gar nicht mehr, wie das alles angefangen hat. Später hab ich mich noch in meinen Verein verliebt. Genauer gesagt wurde ich verliebt.

Mein Onkel hat mich dazu gebracht, den Verein zu lieben, dem ich bis heute verfallen bin. So etwas bleibt für immer, man legt das nicht einfach so ab wie ein verschwitztes Hemd.

Stefan Rommel - Zum Lager der Nation

In den 25 Jahren, die seitdem vergangen sind, hatte ich immer mal wieder einen Anflug des Fremdgehens. Viele Mannschaften kamen und verzauberten mich, etliche davon dümpeln mittlerweile aber in schäbigen Ligen gegen Klubs wie... nein, Namen fallen hier keine.

Aber jetzt, während dieser EM, kommt da schon wieder so eine Mannschaft daher und versucht auf schamlose Art und Weise mich herumzukriegen. Und das Schlimmste: Sie hat es längst geschafft.

Vor dem Turnier hatte ich die Russen als Überraschung der Endrunde auf dem Zettel (zum SPOX-Redakteurs-Tipp). So richtig verfolgt habe ich ihre ersten beiden Spiele aber leider nicht, in meiner Eigenschaft als Redakteur der wohl besten Sport-Website des Universums muss ich leider immer antizyklisch arbeiten.

Das heißt: Bier und Grillen bei Fußball-Großereignissen fallen flach, stattdessen gibt es Arbeit, Arbeit, Arbeit. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Es soll um diese Höllenhunde gehen, die vor ein paar Minuten die Fußball-Großmacht Holland in ihre Einzelteile zerlegt haben.

Seit ich einigermaßen in der Lage bin, Fußball ein wenig einzuordnen in gut oder schlecht oder saumies, ist mir noch nie eine solche Offensivwucht untergekommen wie die der Russen in den letzten beiden Spielen.

Natürlich gab es auch früher große Mannschaften mit noch größeren Spielern. Die sitzen jetzt als so genannte Experten in Fußballsendungen und reden darüber, dass es früher ja viel viel schwerer war als heute und dass ihre Mannschaft von damals locker mit denen von heute mithalten könnte.

Ich sage: Niemals! Was die Russen gegen Holland in höchstem, in allerhöchstem Tempo mit dem Ball veranstaltet haben, wie sie den Gegner mit ihren Rochaden verwirrt haben und ihn in der Verlängerung in Grund und Boden gesprintet, kombiniert, in den Boden gerammt haben, war einfach nur göttlich. Als hätten sie große Magneten in ihren Fußballstiefeln gehabt. Diese Sicherheit, diese Präzision.

Vermutlich war das am Samstag das erste Mal in der Geschichte der holländischen Elftal, dass sie sich ein Elfmeterschießen nur so herbeigesehnt hat. Die Russen aber kannten keine Gnade.

Natürlich hat diese Elf auch noch Schwächen, sie verballert viel zu viele Chancen und kann auch nicht so doll verteidigen. Aber offensiv ist das auf diesem Topniveau das Beste, das ich jemals gesehen habe.

Guus Hiddink ist für mich ein Gott, er muss der beste Trainer der Welt sein. Und er trainiert die Sbornaja. Die Russen haben Geld, dass es zum Himmel stinkt. In ein paar Jahren wird ihre Liga unter den drei besten der Welt stehen.

Das Team ist das jüngste aller EM-Teilnehmer, nur Saenko spielt im Ausland. Und das Beste: Aus einer Nationalmannschaft kann kein Klub und kein Geld dieser Welt die besten Spieler rauskaufen.

Der Einzug ins Halbfinale ist mehr als nur das Erreichen der Runde der letzten Vier. Er wird der Beginn einer Ära sein. Die Russen werden es ins Finale schaffen und dann gegen Deutschland wirbeln. Und genau dann macht mir meine Affäre ein wenig Angst.

SPOX-Redakteur Stefan Rommel begleitet das deutsche Team während der Europameisterschaft und berichtet täglich aus dem Quartier in Ascona.


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