Die große deutsche Schwäche

Das Standard-Problem

Von Für SPOX.com in Ascona: Stefan Rommel
Mittwoch, 04.06.2008 | 15:04 Uhr
Schweinsteiger, Bastian, Eckstoß, Standard, EM, Deutschland, Polen
© Imago
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Ascona - Dr. Theo Zwanziger ist seit ein paar Tagen gesundheitlich angeschlagen. Nichts Dramatisches, ein Muskelfaserriss schränkt den DFB-Präsident in seiner Bewegungsfreiheit ein.

So sehr, dass er neulich bei den Toren zum 2:1 gegen Serbien nur bedingt spritzig aufspringen konnte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel legte eine schönere Performance hin, Zwanziger will im Hinblick auf die kommenden Aufgaben der DFB-Elf daran arbeiten.

"Ich habe ja neulich schon gesagt: 'Lieber ich als Michael Ballack.' Mir geht es aber schon besser und bald kann ich mich auch wieder bewegen, wie ich will", sagte der 62-Jährige auf der Pressekonferenz im DFB-Medienzentrum im Tessin.

Lieber Zwanziger als Ballack

Ein Ballack-Ausfall wäre bei aller Wertschätzung für Theo Zwanziger in der Tat schlimmer. Das Schlimmste, was der deutschen Elf passieren könnte.

Der Kopf der Mannschaft wäre dann nicht dabei. Ballack ist der Anführer der Bande, ihr Leader, ihr uneingeschränkter Boss.

Aber auch im eigentlichen Sinn - und nicht nur im übertragenen - braucht Deutschland Ballacks Kopf. Kaum ein Spieler auf der Welt ist so gefährlich in der Luft, kaum einer immer präsent am ersten Pfosten, wenn der Ball gut getimt in den Sechzehner fliegt.

Das Standard-Problem

Das Problem: Im deutschen Spiel ist das viel zu selten der Fall. Und das hat nicht zwingend mit dem formidablen Abwehrverhalten des Gegners zu tun, sondern ist vielmehr ein hauseigenes Problem. Das Standard-Problem.

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Auf der Homepage des DFB erklärte Ex-Trainerausbildungsleiter Erich Rutemöller recht ausführlich, wie man warum die Standards zu trainieren hat. Offenbar haben nur wenige der aktuellen Nationalspieler mal reingeklickt.

Der Erklärungsansatz von Joachim Löw nach der abermaligen Kritik an den Standards nach dem Test gegen die Serben ist einleuchtend: "Standards sind im Training optimal, wenn man eine geringe Intensität machen will und die Spieler sich erholen sollen. Aber da war mir bisher anderes wichtiger."

13 Tage auf Mallorca mit insgesamt 16 Trainingseinheiten bildeten nicht unbedingt die Basis für vernünftiges Üben im Taktikbereich. Allerdings räumt Löw trotzdem auch Versäumnisse ein. "Wir haben zuletzt wenig Standards trainiert. Da muss ich mir an die eigene Nase fassen, das war mein Fehler", sagte er der Münchener "tz".

Ein Ausschlusskriterium

Bis zum Auftaktspiel gegen Polen bleiben aber nur noch wenige Einheiten. Die Zeit drängt zwar, der Kapitän bleibt aber cool und steht seinem Chef zur Seite. "Wir haben noch ein bisschen Zeit. Bisher haben wir viel Kondition gemacht, jetzt werden wir uns mehr auf die Standards konzentrieren, da werden wir noch viel arbeiten."

Aber auch Ballack weiß: Bei einem Turnier wie der EM werden wieder etliche Spiele durch Standards entschieden werden. Die DFB-Elf hat in dieser Sparte aber noch erheblichen Nachholbedarf. Ein echtes Ausschlusskriterium, wenn ein Spiel mal auf der Kippe steht.

Und gerade für eine Mannschaft wie Deutschland, die munter und aggressiv nach vorne spielt und dementsprechend überdurchschnittlich viele Ecken und Freistöße in Tornähe zugesprochen bekommt, sind gefährliche Standards ein wichtiger Faktor.

Genauigkeit und Variation fehlen

In den letzten Spielen wurde wieder einmal deutlich, was genau genommen schon seit Jahren zu beobachten ist: Den deutschen Standards fehlt es an Genauigkeit und Variation. Die Ecken gegen die Serben zum Beispiel segelten entweder weit über die Köpfe der Mitspieler hinweg ins Seitenaus (Schweinsteiger) oder aber wurden vom erstbesten Abwehrspieler ohne größeres Aufheben aus dem Strafraum geköpft.

Ein Unding, wenn man bedenkt, dass neben Ballack auch Spieler wie Christoph Metzelder, Per Mertesacker oder Miroslav Klose in der Mitte lauern.

Kein geeigneter Linksfuß im Kader

Einen echten Standardschützen wie Italien in Andrea Pirlo oder ein Spieler wie Schalkes Linksverteidiger Christian Pander - erwiesenermaßen ein echter Spezialist - fand keine Berücksichtigung.

Bisher schlagen Bastian Schweinsteiger von links und Torsten Frings von rechts die Ecken und Freistöße.

Leider fehlt ein gewiefter Linksfuß, um den Ball von der rechten Seite mit Zug Richtung Tor zu spielen, damit entweder ein Mitspieler einlaufen kann und dem Ball die entscheidende Richtungsänderung geben oder aber der Ball durch das Knäuel an Spielern den direkten Weg zum Tor finden kann.

Wo ist der Strafraum-Pogo?

Stichwort Variationen: Deutschland spielt kaum kurze Ecken. Der Vorteil: Der Winkel für die Flanke ist günstiger, zwei Gegenspieler fehlen der verteidigenden Mannschaft im Zentrum.

In der Mitte passen die Laufwege und Blocks noch nicht, es herrscht zu wenig Betrieb. Rosenborg Trondheim gebar vor ein paar Jahren den Strafraum-Pogo, bei dem alle Spieler von einem Punkt aus ausschwärmten und sich auf diese Weise dem jeweiligen Gegenspieler für ein paar Sekundenbruchteile entzogen.

Die beiden DFB-Riesen Mertesacker und Metzelder strahlen bisher null Torgefahr aus, die Variante mit Ballack am ersten Pfosten erkannte selbst Englands Vorzeige-Prügelknabe Derby County, der in der Premier League acht seiner 89 Gegentore vom FC Chelsea eingeschenkt bekam - fünf davon nach Standards. Ballack erzielte kein einziges gegen die Rams.

Die Staffelung beim zweiten Ball stimmt noch nicht. Zu oft bekommt der Gegner diesen wichtigen Ballgewinn und kann die Situation endgültig klären. Für den Hinterkopf: Italien schoss Deutschland - nach Pirlos Pass auf Fabio Grosso nach einem gewonnen zweiten Ball - aus dem WM-Turnier 2006.

Keine Ideen bei Freistößen

Die meisten Freistöße offenbaren bisher wenig Einfallsreichtum. In den Tagen von Tenero vor dem Polen-Spiel wird Löw das Hauptaugenmerk darauf legen.

"Wir müssen mehr Standards üben. Standards sind wichtig, um enge Spiele zu entscheiden. Deshalb müssen die Standards auch besser werden, ganz klar. Das ist im heutigen Fußball ganz wichtig", weiß Ballack.

Mario Basler, so etwas wie einer der letzten Spezialisten auf dem Gebiet der Standards, nimmt dabei auch die Spieler selbst und deren Eigenverantwortung in die Pflicht. "Gute Freistöße sind keine Tricks oder Zauberei, sondern eine Sache des Trainings. Es gehört einfach als Profi dazu, sich auch nach dem Training mal den Ball zu schnappen und eben eine halbe Stunde zu üben."

Marios heißer Tipp

Der Tipp des Ex-Nationalspielers: "Oft tummeln sich 20 Leute im Strafraum. Also: Volles Risiko und auch mal direkt aufs Tor ziehen."

Den Hinweis hatte er offenbar auch schon Theo Zwanziger gegeben. Der zog sich seine hinderliche Verletzung bei einem Benefizauftritt zu. Die einfachste aller Standardvarianten war dabei gefragt: Der Schuss vom Elfmeterpunkt.

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