Donnerstag, 29.05.2008

Nach der Kadernominierung

Nur ein Sandkorn

Kaiserslautern - Für ein paar Minuten hatte der deutsche Fußball wieder einen richtigen Liebling, seinen ganz persönlichen Knut.

marin
© Getty

Marko Marin durfte in Kaiserslautern seine ersten Länderspielminuten feiern. Und das Volk feierte ihn. Nach holprigem Start verzückte er das Publikum mit frechen Soli, wenn er am Ball war, erfüllte ein Raunen das Fritz-Walter-Stadion. Es war wie ein Statement: Seht her, ich bin Euer Odonkor für die EM!

Einer der Aspekte, warum die letzten beiden Spiele trotz des Trainingslagers im fernen Mallorca in Deutschland über die Bühne gehen sollten, war ja, dass unter den Fans die Vorfreude auf die Titelkämpfe geweckt werden sollte. Marko Marin entfachte diese Vorfreude.

Ziege attackiert Löw 

Nur einige Stunden später aber ist Knut nicht mehr unter uns. Joachim Löw hat Marin nicht berücksichtigt, er hat sich für den Weg des geringeren Widerstandes entschieden und den Prototyp des Überraschungskandidaten mitgenommen, David Odonkor.

Für Christian Ziege ein Unding. "Es wäre geschickter gewesen, ihn ihn erst gar nicht dazu zu holen - und ihm nach der EM eine Chance zu geben", sagte der Manager von Marins Verein Borussia Mönchengladbach der Münchner "Aberndzeitung". 

"Die Entscheidung gegen Marko ist äußerst unglücklich, wenn man sieht, wie sich der Junge gefreut hat. Ihn dann nach ein paar Tagen wieder nach Hause zu schicken, ist eine Nummer, die für ihn sehr schwer verdaulich ist", so Ziege weiter. 

Zu niedriges Startlevel

Nun muss man zwei Dinge berücksichtigen: Zum einen ist Löws Entscheidung aus fußballerischer Sicht nachvollziehbar. Marins Soli waren zwar nett anzusehen, im Endeffekt aber weder zielgerichtet noch effektiv. Ein früheres Abspiel wäre einige Male die bessere Option gewesen.

"Er hat in diesen Tagen einiges dazu gelernt", sagte Löw nach der Entscheidungsverkündung. Marins Ausgangslevel war im Vergleich zu den anderen also doch zu niedrig. Anders ist dieser Satz nicht zu interpretieren.

Die Verteidiger bei der EM sind - bei allem Respekt für den Weißrussen Wladimir Korytko - von einem anderen Kaliber. Löw traut dem 19-Jährigen in dieser Beziehung nicht zu, sich auch auf europäischem Topniveau durchzusetzen.

Unberechenbarkeit Fehlanzeige

Was in der Sache auch richtig ist. Das "Handicap Zweitligaspieler" kann man als Argument dagegen nicht stehen lassen. Das hätte Löw und seine Scoutingabteilung vorher sehen müssen.

Allerdings - und das wiegt eigentlich viel schwerer - hat sich der DFB damit einer seiner großen Stärken beraubt: Der Unberechenbarkeit. 16 der 23 EM-Fahrer sind alte Bekannte. Sie waren schon bei der WM in Deutschland mit dabei.

Der endgültige deutsche Kader in Bildern

Jürgen Klinsmann zauberte vor zwei Jahren Odonkor aus dem Hut und hatte damit Erfolg. Odonkors Einwechslung gegen die Polen war der Beginn der großen WM-Euphorie, seine Flanke auf Oliver Neuville der Ausgangspunkt für die Welle der Begeisterung, die durch Deutschland schwappte.

Euphoriekiller für die Fans

Marin habe dieses Potenzial, Löw hat es selbst gesagt. Jetzt bleibt aber ein zehntätiger Aufenthalt im Trainingslager und im Nachhinein betrachtet nichts mehr als ein großer PR-Gag, als Marin bei der Vornominierung auf der Zugspitze aufgerufen wurde.

Wie läuft die EM für Deutschland? Jetzt selbst Schicksal spielen!

Viele Fans empfinden die Ausbootung Marins als Euphoriekiller, den frischen Wind von der Bank sollen nun doch wieder die Odonkors oder Neuvilles bringen. Alles schon mal dagewesen. Solide, aber nicht mehr überraschend. Eher zurückhaltend.

Ähnlich ist die Entscheidung pro Neuville gegen Patrick Helmes anzusehen. Jermaine Jones wurde schlicht ein Opfer des Überangebots an guten Sechsern.
"Nur ein Sandkorn" habe die Waage zugunsten der Glücklichen ausschlagen lassen, sagte Löw.

Falsches Signal

Und bei aller hitziger Diskussion darf man nicht vergessen, dass es sich bei denen, die den Konkurrenzkampf überstanden haben und mit ins deutsche Quartier nach Ascona reisen, um Ergänzungsspieler handelt - und nicht um Härtefälle, die die vermeintliche erste Elf betreffen.

Aber trotzdem kann ein Sandkorn manchmal viel wert sein. Sehr viel sogar. Für die ausgegebene Mission "Bergsturm" - mit der Betonung auf "Sturm" - ist es ein falsches Signal.

Stefan Rommel

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