Montag, 26.05.2008

Tschechien im Porträt

The Next Generation

München - Der Rückschlag kam bei der WM 2006. Die Mannschaft war in die Jahre gekommen. Sang- und klanglos schied Tschechien, von einigen als Geheimfavorit auf den Titel auserkoren, bereits in der Vorrunde aus.

Tschechien, Team, EM 2008
© Getty

Pavel Nedved, Karel Poborsky, Vratislav Lokvenc und Vladimir Smicer quittierten daraufhin ihren Dienst in der Nationalmannschaft. Das Team war ausgebrannt.

"Es gab einen deutlichen Schnitt. Und so ein Umbruch braucht eine gewisse Zeit. Aber wir haben in der Qualifikation bewiesen, dass wir aus diesem Loch herausgekommen sind und wieder eine starke Mannschaft haben", sagt Nationalspieler David Jarolim.

"Wir haben mit Deutschland letztlich eine der besten Mannschaften Europas - vielleicht sogar der Welt - geschlagen (3:0 in München, Anm. d. Red.) und waren am Ende Gruppenerster."

Zusammen mit dem 29-jährigen Mittelfeldspieler vom Hamburger SV stellt SPOX.com das tschechische Team vor.

Hier geht's zur Tschechien-Diashow!

Die Stärken:

Einer von sechs Bundesligaprofis im Kader: SPOX-Experte David Jarolim.
Einer von sechs Bundesligaprofis im Kader: SPOX-Experte David Jarolim.

Taktische Grundordnung, Disziplin, mannschaftliche Geschlossenheit. Klingt nach Standard-Vokabeln aus dem Trainerlehrgang für Anfänger. Wer sich dafür jedoch praktischen Anschauungsunterricht wünscht, kann ihn sich bei der tschechischen Mannschaft holen. 

"Wir haben sehr gute Einzelspieler, die sich aber durch die Bank in den Dienst der Mannschaft stellen. So spielen wir taktisch sehr diszipliniert, treten sehr geschlossen auf und können im richtigen Moment die entscheidenden Tore machen. Das sind sicher die Hauptgründe für unseren Erfolg", meint Jarolim.

Das Prunkstück ist die italienische Abwehrkette mit Zdenek Grygera (Juventus Turin), Tomas Ujfalusi (AC Florenz), David Rozehnal (bis zum Sommer an Lazio Rom ausgeliehen) und Marek Jankulovski (AC Mailand).

Die Schwächen:

Der Umbruch ist noch nicht zu hundert Prozent vollendet, der ersten Nachfolge-Generation fehlt es etwas an Qualität. Daher fehlt die Breite im Kader und Ausfälle - vor allem in der Offensive - können kaum kompensiert werdern.

Das Mittelfeld entwickelt bis auf Tomas Rosicky kaum Torgefahr. Und der fehlt jetzt auch noch verletzt (Knieprobleme). Zudem ist das Spiel der Tschechen meist berechenbar, da sie viel mit langen Bällen auf Koller operieren, der dann ablegt. Funktioniert das nicht, gibt's kaum Alternativen. Milan Baros ist von seiner Form der EM 2004 weit entfernt, die Youngsters, die mit der U 20 Vize-Weltmeister wurden, sind schlicht zu unerfahren. 

Der Trainer:

Nach der verpatzten Qualifikation für die WM 2002 übernahm Karel Brückner die Nationalmannschaft Tschechiens und führte sie in kurzer Zeit bis auf Platz zwei der FIFA-Weltrangliste.

Brückners fußballerisches Konzept: Kombinationsfußball, hohe Laufbereitschaft, aggressives Pressing schon in der gegnerischen Hälfte. Am liebsten lässt er ein klassisches 4-4-2 mit zwei offensiven Außen spielen. Falls sich kein zweiter Stürmer neben Koller aufdrängen sollte, könnten die Tschechen auch in einem 4-5-1 mit noch offensiveren Außen auflaufen.

Der Spieler im Fokus:

Pavel Nedved hat den Rücktritt vom Rücktritt abgelehnt, dazu ohne Rosicky - den Tschechen fehlt ein echter Star. Petr Cech kommt diesem Begriff wohl am nähesten. Doch der steht im Tor und kann außer Abwehr dirigieren und Bälle halten auch nicht viel machen, wenn's mal auf dem Feld klemmt.

Für eine Überraschung könnte der Frankfurter Martin Fenin sorgen. Vorausgesetzt er spielt und zeigt die Form, mit der er zu Rückrundenbeginn die Bundesliga in Staunen versetzt hat.

Die Prognose:

Es wird schwer für die Tschechen. Den Halbfinaleinzug von 2004 werden sie nicht wiederholen können, dafür schmerzt Rosickys Ausfall zu sehr. Ohne Ankurbler im Mittelfeld könnten die langen Bälle auf Koller endgültig zum einzig probaten Mittel verkommen. Für jeden Gegner zu leicht ausrechenbar.

In der ausgeglichenen Gruppe A mit Portugal, Türkei und der Schweiz wird Tschechien ums Weiterkommen bangen müssen. 

 

Stefan Moser

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