Montag, 26.05.2008

Spanien im Porträt

Die geborenen Loser

München - Es ist eine arg strapazierte Frage und selbst in Spanien kann sie mittlerweile niemand mehr hören: Wann wird die spanische Nationalmannschaft endlich ihrer Rolle als Geheimfavorit bei einem großen Turnier gerecht?

Spanien
© Getty

Seit dem ersten und einzigen Titel (Europameister 1964) hat die Furia Roja regelmäßig versagt. 1984 erreichte Spanien das EM-Finale (0:2 gegen Frankreich), das war's dann. Amedeo Carboni, der zwischen 1997 und 2006 in Spanien für den FC Valencia spielte, glaubt an ein Mentalitätsproblem.

"Die spanischen Vereine haben in den letzten Jahren in Europa viele Titel gesammelt, vor allem aber wegen der Ausländer. Sie haben die Sieger-Mentalität mitgebracht. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Spanier nicht wettbewerbsfähig", sagt Carboni.

Zusammen mit dem 43-Jährigen, der bis zum vergangenen Sommer in Valencia als Manager tätig war, stellt SPOX.com Spanien vor.

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Die Stärken:

Amedeo Carboni (früher FC Valencia)
Amedeo Carboni (früher FC Valencia)
© Getty

Beginnen wir im Tor. Iker Casillas ist erst 26 Jahre alt, hat aber schon weit über 400 Spiele für Real Madrid und über 70 Länderspiele auf dem Buckel. In ganz jungen Jahren galt Casillas als Riesentalent, der sich aber in entscheidenden Momenten nicht vernünftig konzentrieren kann. Mittlerweile zählt ihn nicht nur Carboni zu den besten Torhütern der Welt: "Auch in Spanien weiß man mittlerweile, dass man einen guten Torhüter braucht, um Titel zu gewinnen."

Im Mittelfeld hat Aragones lange nach der optimalen Besetzung geforscht. Mit Xavi, Andres Iniesta (beide FC Barcelona) und Cesc Fabregas (FC Arsenal) hat er sie gefunden. Dieses überaus kreative Dreigestirn ist bei Aragones gesetzt.

"Da Aragones nur wenige defensivstarke Mittelfeldspieler hat, muss er auf seine spielstarken Akteure bauen. Je enger Iniesta, Xavi und Fabregas nebeneinander spielen, desto besser sind sie. Keine Mannschaft hat so ein starkes Mittelfeld wie Spanien", sagt Carboni. Bei den Quali-Siegen in Dänemark (3:1) und gegen Schweden (3:0) gelang Spaniens Mittelfeld die perfekte Symbiose aus Ballkontrolle und schnellem, geradlinigem Spiel in die Spitze.

Die Schwächen:

Die übertriebene Liebe zum schönen Spiel und die Loser-Mentalität. Spanien spielt fast immer sehr ansehnlichen Offensivfußball, übertreibt es aber bisweilen mit Ballstafetten und den Versuchen, stets den genialen Pass zu spielen. Ihr Verlierer-Image können die Spanier nur durch den EM-Titel ablegen.

Ein weiteres großes Problem haben die Spanier mittlerweile aber beseitigt. "Vor zehn Jahren bestand die Nationalmannschaft zu 90 Prozent aus verfeindeten Barca- und Real-Spielern. Heute sind viel mehr Spieler aus anderen Vereinen vertreten. Außerdem achtet Aragones penibel darauf, dass die Mannschaft eine Einheit bildet", sagt Carboni. 

Der Trainer:

Luis Aragones löste nach Spaniens Vorrunden-Aus bei der EM 2004 Inaki Saez ab. Aragones ist ein anerkannter Fachmann und legt sich gerne mit der heimischen Presse an. "Er macht das in erster Linie, um der Mannschaft den Druck zu nehmen. Wie in allen Ländern macht auch in Spanien die Presse viel Druck bei den Nominierungen. Da Aragones sehr ehrlich und direkt ist, kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen", weiß Carboni.

Bei den Spielern kommt Aragones indes gut an. "Sie lieben ihn. Die Mannschaft stand immer hinter ihm, einzig der Fall Raul hat für Aufsehen gesorgt, aber da hat die Presse Druck gemacht. Das Problem entstand nicht intern. Aragones wollte auf neue Spieler setzen, da die Nationalmannschaft mit Raul nie etwas gewonnen hat", so Carboni.

Trotz aller Rückendeckung von seitens des Teams und des spanischen Verbandes, der bereits zwei Rücktrittsangebote ausschlug, wird Aragones nach der EM zurücktreten.

Der Spieler im Fokus:

Mit dem erst 21-jährigen Cesc Fabregas verfügt die Furia Roja über einen der begehrtesten Mittelfeldspieler Europas. Behutsam als Nachfolger von Patrick Vieira aufgebaut, ist Fabregas aus der Mannschaft des FC Arsenal nicht mehr wegzudenken.

Grandiose Übersicht, erstklassige Technik, Passgenauigkeit in höchstem Tempo, schneller Antritt, guter Schuss und nicht zuletzt zweikampfstark - Fabregas hat keine Schwäche. Bei Aragones ist Fabregas gesetzt.

Die Prognose:

Spanien wird sich als Sieger der Gruppe D mit Schweden, Russland und Griechenland durchsetzen. Im Viertelfinale warten Kaliber wie Italien, Frankreich oder die Niederlande.

"Es wird Zeit, dass Spanien endlich mal wieder ein Halbfinale erreicht", sagt Carboni. "Für mich wäre es keine Überraschung, weil viele Spieler auf Klubebene eine schwierige Saison hatten und nach Wiedergutmachung aus sind. Die Spieler aus Barcelona und Valencia werden nach dem verkorksten Jahr mit einer Riesen-Motivation ins Turnier gehen."

 

Thomas Gaber

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