Montag, 26.05.2008

Schweiz im Porträt

Deutschland als Vorbild

München - 1996: ein Tor, ein Punkt. 2004: ein Tor, ein Punkt. Die Bilanz der Schweiz bei den bisherigen EM-Teilnahmen ist schlicht grausam.

Schweiz
© Getty

Bei den Festspielen im eigenen Land soll selbstredend alles besser werden. Doch die Vorbereitung läuft nicht ideal. Mit Fabio Coltori, Steve von Bergen und Blaise Nkufo fielen bereits drei Spieler für die EM aus, außerdem laboriert Tranquillo Barnetta an einem Kapselriss am Knöchel.

Trotz des Verletzungspechs und der 0:4-Schlappe im Testspiel gegen Deutschland Ende März haben die Schweizer bei der Heim-EM Großes vor. 

"Die Schweiz ist momentan in einer ähnlichen Situation wie Deutschland vor der WM 2006. Niemand hat der Mannschaft etwas zugetraut, aber mit der Unterstützung des Publikums als zwölfter Mann ist alles möglich", sagt Krassimir Balakow (42), der Trainer des FC St. Gallen.

Zusammen mit Stuttgarts ehemaligem Bundesliga-Star stellt SPOX.com die Schweiz vor.

Die Stärken:

Krassimir Balakow (Trainer FC St. Gallen)
Krassimir Balakow (Trainer FC St. Gallen)

Die Eidgenossen überzeugten nicht nur bei der WM 2006 mit einer beeindruckenden Defensive und tollem Teamgeist. "Viele Spieler sind in den großen europäischen Ligen wie Deutschland, England oder Italien unter Vertrag. Die individuelle Klasse ist vorhanden", so Balakow.

In der Offensive ist Alexander Frei der "Go-to-Guy". Der BVB-Stürmer (32 Länderspieltore) kam trotz einer langen Verletzungspause auf sechs Bundesligatreffer in 13 Spielen und ist  auf dem besten Weg, Kubilay Türkyilmaz (34 Länderspieltore) als Rekordtorschützen abzulösen.

Die Schwächen:

Dass die Schweiz nur sehr schwer zu schlagen ist, hat sie bei der WM in Deutschland eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auf der anderen Seite hat sie immer wieder Probleme, selbst Tore zu erzielen. Sollte auch noch Frei ausfallen, fehlen Köbi Kuhn im Sturm die Alternativen. Weder Eren Derdiyok noch Marco Streller (beide FC Basel) haben die Klasse, ihn zu ersetzen.

In der Defensive bereiten die gesetzten Innenverteidiger Philippe Senderos (FC Arsenal) und Patrick Müller (Olympique Lyon) Sorgen. Während Müller fast die komplette Saison verletzungsbedingt ausfiel und erst seit Mitte Mai wieder voll im Training ist, kam Senderos in London nur selten zum Zug.

Fraglich ist auch, ob das junge Team die nötige Erfahrung hat, um dem Druck im eigenen Land standzuhalten. Die letzten vier Testspiele gingen allesamt in die Binsen. "Unsere fehlende Routine hat sich zum Beispiel im 0:4 gegen Deutschland niedergeschlagen", sagt Barnetta im Gespräch mit SPOX.com.

Der Trainer:

Köbi Kuhn hat seit seinem Amtsantritt 2001 auf die EM im eigenen Land hingearbeitet. Auf dem Weg dorthin qualifizierte er sich für die EM 2004 und führte sein Team ins WM-Achtelfinale. Balakow glaubt, dass Kuhn "die nötige Erfahrung mitbringt, um trotz der negativen Schlagzeilen und des Verletzungspechs in den letzten Wochen aus seinem Team eine funktionierende Einheit zu formen."

Kuhn wechselt je nach Personalsituation zwischen einem 4-4-2-System und dem von ihm bevorzugten 4-5-1 mit Frei als einziger Spitze. "Ich denke, dass Kuhn vor heimischem Publikum offensiven Fußball spielen lassen will. Er weiß, dass er sich auch auf die individuelle Klasse seiner Mannschaft verlassen kann", unterstreicht Balakow.

Der Spieler im Fokus:

Alexander Frei ist Dreh- und Angelpunkt der Schweizer Offensive. Der BVB-Angreifer ist Kuhns einziger Knipser im Kader und strotzt trotz seiner langen Verletzungspause vor Selbstvertrauen: "Wir wollen Geschichte schreiben und den EM-Titel holen."

Im Schatten von Frei könnten sich die Mittelfeldspieler Gökhan Inler (23/Udinese Calcio) und Gelson Fernandes (21/Manchester City) in den Vordergrund spielen. Das Duo spielte eine beeindruckende Saison in der Serie A bzw. Premier League.

Die Prognose:

Obwohl für Barnetta "bereits der Einzug ins Viertelfinale ein Riesenerfolg wäre", sollte sich die Schweiz in der Gruppe A zusammen mit Portugal gegen die Türkei und Tschechien durchsetzen. Balakow: "Ich habe immer gesagt, dass für die Schweiz im Viertelfinale noch nicht Schluss sein muss."

 

Christian Bernhard

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