Mittwoch, 06.02.2008

EM 2008

Ohne deutsche "Schmach" keine EM-Euphorie?

Wien - Fußball-Österreich beschwört den "Geist von Cordoba"! 30 Jahre nach dem "demütigenden" 3:2 über den Erzrivalen Deutschland bei der WM in Argentinien soll die Aussicht auf einen neuen Triumph über den Nachbarn die Begeisterung für die EM im eigenen Land schüren.

Zwar wollte Österreichs Nationaltrainer Josef Hickersberger vor dem Spiel gegen die Deutschen in Wien nichts von einem "neuen Cordoba" wissen. Doch alle Experten sind sich einig: Nur die alte Rivalität zwischen den beiden Ländern könnte das "Sommermärchen" wahr werden lassen, dass sich die österreichischen Organisatoren für den kommenden Juni so sehnlichst wünschen.

Alles schaut schon jetzt gebannt auf den 16. Juni, den Tag, an dem das möglicherweise entscheidende Vorrundenspiel der Rivalen in Wien angepfiffen wird.

Werbekampagnen kamen noch nicht an

Bisher ist das Interesse am europäischen Fußballfest in Österreich in der Alpenrepublik gering. Nach der jüngsten Umfrage stehen 42 Prozent der Bevölkerung dem drittgrößten Sportereignis der Welt gleichgültig oder sogar ablehnend gegenüber. Immerhin weiß inzwischen wenigstens eine deutliche Mehrheit, dass die Meisterschaft im eigenen Land stattfindet.

Zwar dreht sich das Millionen-teure Werbekarussell für das große Turnier immer schneller - es gibt keine offizielle Veranstaltung ohne Hinweis auf die EM -, doch alle Werbekampagnen in der Alpenrepublik verfehlten bisher ihren Zweck.

Schuld an der allgemeinen Gleichgültigkeit sind nach Einschätzung der Meinungsforscher die bisher äußerst schwachen Leistungen des eigenen Teams, das seit dem Herbst 2006 in einem Dutzend Testspielen nur einmal gewonnen hat und in der FIFA-Weltrangliste inzwischen auf Rang 90 abrutschte. Während Österreichs erfolgreiche alpine Skiläufer ihren Fans regelmäßig Grund zum Jubeln geben, provozierten die Leistungen der rot-weiß-roten Nationalkicker in den vergangenen 15 Monaten meist nur Pfeifkonzerte und Schmährufe.

Hickersberger will nichts von Cordoba wissen 

Eine Wiederholung jenes "historischen" Sieges über Deutschland in Cordoba, so glauben viele, könnte das allgemeine "Wir-Gefühl" wieder entflammen. Vor allem die Medien wecken den Geist des denkwürdigen Spieles. "Wien wird Cordoba", heißt der inoffizielle EM-Slogan, und im Internet können T-Shirts mit dem passenden Aufdruck geordert werden.

Und obwohl sich Trainer Hickersberger von der Stimmungsmache mit Cordoba-distanziert ("Cordoba zählt für mich nicht mehr. ... Es bringt nichts, wenn wir uns dauernd daran erinnern") spuckt der alte Triumph über die Deutschen mehr denn je auch in den Köpfen seiner Kicker. So meinte Nationalspieler Roland Linz vor dem Freundschaftsspiel am Mittwoch: "Wir sind bereit für eine Euphorie!" und der ehemalige Nationalspieler und Hickersberger-Vorgänger Hans Krankl, der selbst in Cordoba dabei war, meinte: "Es wird Zeit, dass der David wieder zuschlägt".

Psychologen allerdings warnen, dass die Rivalität mit Deutschland keine dauerhafte EM-Begeisterung in der Alpenrepublik schaffen wird. "Euphorie ist ein emotionales Gefühl, das man nicht über Monate halten kann", sagte der Salzburger Sportpsychologe Günter Amesberger der Nachrichtenagentur APA. "Das wäre schon sehr lustig, wenn ein Land über drei Monate hinweg in euphorischer Fußballlaune wäre. So etwas kommt erst mit den Spielen selbst. Also frühestens im Juni."


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