Mittwoch, 06.02.2008

EM 2008

Löw trotzt EM-Widrigkeiten: Kein Konfliktkurs

Wien - Viele Verletzte, namhafte Sorgenkinder und zu wenig Zeit - Joachim Löw hat vier Monate vor der Europameisterschaft mit erheblichen Widrigkeiten zu kämpfen.

löw, joachim, bundestrainer
© Getty

Trotzdem strahlt der Bundestrainer eine erstaunliche Gelassenheit aus. Selbst den alarmierenden Weckruf von Teammanager Oliver Bierhoff, der mehr Elan eingefordert hatte und sich bereits um den EM-Erfolg sorgt, bewertete der 48-Jährige im Vorfeld des ersten Länderspiels des Jahres in Wien gegen Österreich als einen "ganz normalen" Vorgang und versicherte: "Ich sehe das mit einer absoluten Ruhe."

Während sein Vorgänger Jürgen Klinsmann dafür bekannt und gefürchtet war, für "sein" WM-Projekt 2006 immer das Maximale zu fordern und Konflikte intern und extern mit offenem Visier auszutragen, wählt Löw eher den geräuschlosen Weg. Einen Streit mit den Bundesliga-Klubs anzuzetteln, um die Nationalspieler vor der EM doch noch für einen zusätzlichen Kurzlehrgang zu bekommen, ist für ihn kein probates Mittel, wie er in Wien bekannte: "Wir haben keine Möglichkeit, die Spieler zusätzlich zu bekommen. Es macht keinen Sinn, so eine Forderung an die Vereine zu stellen."

Appell an die Eigenverantwortung der Spieler

So musste Löw schweren Herzens den Fitness-Test streichen, mit dem seit der Klinsmann-Ära in regelmäßigen Abständen überprüft wird, ob die Nationalspieler ihre individuellen Extraschichten auch leisten und die geforderten Fortschritte machen. Löw bleibt nichts anderes übrig, als bei jeder Gelegenheit an die Eigenverantwortung der EM-Kandidaten zu appellieren: "Die Spieler, die zur deutschen Elite gehören, müssen mehr tun als ein normaler Bundesliga-Profi", betonte er immer wieder und versprach: "Da lassen wir bestimmt nicht locker."

Fitness-Coach Oliver Schmidtlein räumte ein, dass Versäumnisse im Ausdauerbereich in der am 19. Mai beginnenden Vorbereitung kaum noch ausgeglichen werden können. Im Trainingslager auf Mallorca werde man "sehr individuell" mit den 23 EM-Spielern trainieren müssen, um sie "nach einigen Tagen auf einem Level zu haben".

Keine rosige Situation

Die "europameisterliche" Vorbereitung, die Löw versprochen hatte, existiert derzeit nur auf dem Reißbrett. "Wir lassen nicht nach, wir arbeiten akribisch daran, die EM vorzubereiten." Doch die Baustellen lassen sich auch durch die beste Planung nicht beseitigen: In Torsten Frings (Knie) und Christoph Metzelder (Fuß) fallen zwei tragende Säulen der EM-Wunschformation auf unbestimmte Zeit aus. Torhüter Jens Lehmann ist weiterhin ohne regelmäßige Spielpraxis, genau wie die gefeierten WM-Helden Bastian Schweinsteiger und ganz besonders Lukas Podolski.

Dazu kommt die Zeitfalle, aus der Löw keinen Ausweg finden kann. Seit Monaten beklagt der Bundestrainer etwa die Schwächen bei den Standardsituationen, beheben konnte er sie nicht: "Die Lage sehe ich nicht so rosig im Moment, weil wir einfach keine Zeit haben."

Mehr Zeit für Werbedreh als für Training 

Bezeichnend waren die Tage rund um das Österreich-Länderspiel. Fünf Stunden dauerte ein Werbedreh für den DFB-Hauptsponsor - das war mehr Zeit, als Michael Ballack & Co von Sonntag bis Mittwoch auf dem Fußballplatz standen. Denn Löw hatte nur zwei Trainingseinheiten und die 90 Spielminuten, alles in allem runde vier Stunden. "Das ist alles andere als optimal für einen Trainer", sagte der Chefcoach. Doch Jammern bringe nichts: "Die Situation ist eben so."

Löw kann nur darauf hoffen, dass die Langzeitverletzten rechtzeitig fit werden, die Sorgenkinder wie Lehmann oder Podolski in den Vereinen doch noch zum Zuge kommen und seine Warnungen bis zur Nominierung am 15./16. Mai Wirkung zeigen. So verpasste er dem Bremer Tim Borowski mit der Nichtberücksichtigung für das Österreich-Spiel einen Denkzettel, wie es Klinsmann 2006 beim ersten Spiel des Jahres gegen Italien (1:4) beim späteren WM-Zuschauer Kevin Kuranyi getan hatte. "Es gibt keine Garantien", erklärte Löw und drohte: "Es soll sich keiner wundern, wenn er bei der EM nicht dabei ist."


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