Löw im Interview: "Bin nicht zufrieden"

SID
Donnerstag, 07.02.2008 | 10:20 Uhr
löw, joachim, bundestrainer
© Getty
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Wien - Bundestrainer Joachim Löw äußerte sich nach dem 3:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Österreich über die Leistung seines Teams.

Frage: Wie bewerten Sie diesen 3:0-Sieg gegen Österreich?

Löw: "Ich glaube, dass das Ergebnis nicht den wahren Spielverlauf widerspiegelt. Das 3:0 mag sich klar anhören, aber man muss auch wissen, dass wir von Glück reden konnten, dass wir nicht mit einem 0:1-Rückstand in die Pause gegangen sind. Denn in den kompletten ersten 45 Minuten waren wir in keiner Phase in der Lage, Ruhe ins Spiel zu bringen und es zu kontrollieren. Wir haben viele Fehler gemacht im Spielaufbau. Wir haben Fehler gemacht in der Organisation, auch in der Abstimmung. Wir haben Fehler gemacht auf den Positionen und Dynamik, Tempo und Laufbereitschaft vermissen lassen. In der zweiten Halbzeit haben wir mehr Engagement gezeigt, hatten einige schöne Angriffe, wo dann auch die Tore gefallen sind. Aber mit der Leistung der ersten Halbzeit kann man nicht zufrieden sein."

Frage: Warum haben Sie dann ausgerechnet in der zweiten Halbzeit einen Wutanfall bekommen?

Löw: "Weil wir auch nach der Führung fahrlässig waren. Es gab einige ungenaue Pässe, nach denen Österreich durchaus einen Treffer hätte erzielen können. Wenn ich 2:0 in Führung bin, muss ich in der Lage sein, im Spielaufbau einfache Fehler zu vermeiden. Deswegen habe ich mich ganz besonders geärgert, dass wir nach dem 2:0 nicht die klare Ruhe und Präsenz in unserem Spiel hatten."

Frage: Schon in der ersten Halbzeit haben Sie mal gegen die Bank getreten. Wie war es denn in der Halbzeitpause in der Kabine?

Löw: "Ich musste den Spielern schon klarmachen, dass wir geistig und körperlich zulegen und ein anderes Tempo anschlagen müssen. Es war klar, dass Österreich als EM-Gastgeber vor eigenem Publikum alles in die Waagschale wirft, was möglich ist. Am 16. Juni, wenn wir wieder hier gegeneinander spielen bei der EM, wird noch eine ganz andere Power im Spiel sein. Erst in der zweiten Halbzeit haben wir uns freigespielt, und das Tor von Thomas Hitzlsperger war ein Signal, das Spiel zu gewinnen."

Frage: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Mannschaft so spannungsarm begonnen hat?

Löw: "Wir haben eine Mannschaft, die nicht so gewachsen und gereift über Jahre hinweg ist. Wir haben viele junge Spieler, da flackert manchmal eine gewisse Nervosität auf. Wir haben eine Mannschaft, die Trainingseinheiten und Automatismen braucht. Ich bin da aber relativ gelassen, was die Europameisterschaft betrifft. Denn ich weiß, dass wir mit der Vorbereitung auf Mallorca genügend Zeit haben."

Frage: Jens Lehmann hatte in der ersten Hälfte 90 Blackout-Sekunden. Ist das womöglich doch eine Folge der geringen Spielpraxis?

Löw: "Ich würde es nicht unbedingt darauf zurückführen, weil Jens Lehmann schon bewiesen hat, dass er, auch wenn er mal einige Wochen nicht gespielt hat, konzentriert agieren und viel Ruhe ausstrahlen kann. Heute muss man sagen, dass er in der einen oder anderen Situation die Sicherheit nicht hatte. Heute ist er zu früh aus dem Tor geeilt, und bei einer Flanke ist man normal gewohnt, dass er die Lufthoheit hat. Letztendlich wissen wir, dass, wenn er einen Fehler macht, eine Diskussion aufkommen wird. Das ist klar. Aber wir haben sehr viel Vertrauen zu ihm."

Frage: Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit aus diesem Spiel?

Löw: "Wichtige. Jeder Spieler spielt in der Nationalmannschaft und im Verein unter besonderer Beobachtung. Wir müssen noch einiges tun, das ist klar. Es gibt einen klaren Masterplan für uns. Oliver Bierhoff hatte so etwas wie einen Weckruf gestartet, die Spieler wissen von uns, dass die Basis verbessert werden muss in den nächsten 14, 15 Wochen. Als Spieler muss ich noch mehr Zeit und Training investieren, wenn ich zeigen möchte, dass ich bei der EM dabei sein möchte."

Frage: Wie beurteilen Sie das Comeback von Michael Ballack?

Löw: "Michael war viele Monate nicht bei der Nationalmannschaft. Wir sind froh, dass seine Verletzung ausgeheilt ist und er in einen Spielrhythmus gekommen ist. Er ist enorm wichtig für die Mannschaft, wenn er auf dem Platz steht. Er führt die Mannschaft an, er hat auch verbal in der Halbzeit versucht, die Mannschaft mitzuziehen. Es war sein erstes Spiel nach langer Zeit, da kann man nicht verlangen, dass alles gelingt. Wir sind froh, dass er jetzt wieder dabei ist, denn er ist schon eine Klasse für sich."

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