Warum ein 0:3 ein Sieg ist

SID
Donnerstag, 07.02.2008 | 14:48 Uhr
Hickersberger, Österreich
© Imago
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Weil es in einem Testspiel wichtig ist, seine Möglichkeiten abzuchecken, an bestimmte Grenzen zu gehen. Und weil es darum geht, sich innerhalb der selbstgestellten Parameter zu verbessern. Weil ein Spielen auf Resultat nur was für Wetter und Ergebnis-Spießer ist, die dürre Zahlen brauchen um sich dran festzuhalten, weil ihnen die Voraussetzung für das Verstehen des Wesens des Spiels fehlt: Fantasie.

- Von Martin Blumenau* -

Davon hatte die gestrige Mannschaft Österreichs eine Menge. Schuld daran ist nicht nur die in den letzten Tagen entstandene positive Stimmung, die letztlich der sonst gern tranige Coach losgetreten hat, sondern auch ein aktueller Dreh Hickersbergers.

Denn nach der Wiedereinberufung des Middlesborough-Rebellen Emanuel Pogatetz (der vor fast zwei Jahren brutale Wahrheiten emotional an- und ausgesprochen hat, die zu seinem Rausschmiss, jedoch auch zu einem systematischen Abarbeiten der von ihm angesprochenen Fehler führte), nach der Entschuldigung beim durch die Einmischung des wenig kompetenten ÖFB-Präsidenten kurzzeitig entfernten Stürmers Roland Linz, nach der Aufnahme von seriösen Gesprächen mit dem verbleibendem Rebellen Paul Scharner (Wigan), ist es die neue positiv-ironische Flexibilität des Teamchefs, die den Beobachtern und Hobby-Teamchefs derzeit das Gefühl gibt, der Teamchef lese ihnen jeden Wunsch von den Augen ab.

Wunschliste an Hickersberger

Ich schließe mich da ein. Ich habe vor einer Woche anlässlich des Afrika-Cups (weil ich ja - wie wohl jeder Österreicher - auch dauernd die Nationalmannschaft mitdenke) eine kleine Wunschliste verfasst: Es ging zum einen darum, endlich taktisch flexibel zu agieren, um das dürftige 4-5-1 des Teams, das bei Rückstand immer in ein 4-4-2 verwandelt wird, um ein paar Varianten zu erweitern, und darum, dass der Teamchef sein System, seine Taktik, doch auf die vorhandenen Stärken des nicht gar zahlreich sprießenden Spielermaterials abstimmt.

Praktisches Beispiel ist derzeit Ägypten: Die spielen ein 3-5-2, also ein System, das nicht mehr sonderlich oft angewandt wird. Warum? Weil die guten Flügelspieler fehlen und man ein Überangebot an guten Innenverteidigern und zentralen Mittelfeldspielern hat.

Was machte Hickersberger am Mittwoch?

Es geht um Plan B

Er akzeptiert den Fakt, dass ihm (noch dazu nach dem Ausfall von Napoli-Flügel Garics) die brauchbaren  Flügelspieler fehlen, dass er ein Überangebot an guten Innenverteidigern hat und baut daraus ein völlig unerwartetes 3-5-2.

Anstatt ein psychisch instabiles Team in eine gutgemeinte Schablone zu pressen, lässt er es seinen Fähigkeiten entsprechend auflaufen. Für Österreich '08 geht es nicht mehr darum so modern wie möglich zu spielen, sondern darum, das jeweils beste Outfit für die Mannschaft anzuziehen, eben Plan B auszupacken.

Außerdem läßt Hicke sein 3-5-2 ja nicht so ablaufen wie es die Liga-Steinzeitler hierzulande gern tun, sondern orientierte sich auch an den richtigen Vorbildern. Wie Zidan beim ägyptischen Team agierte da Kapitän Ivanschitz quasi als dritter Angreifer, als Spitze hinter den Spitzen, als Beschleuniger der Andy Möller-Schule.
Wodurch der akute Schwachpunkt der Nationalmannschaft, das Mittelfeld, erstmals nicht mehr als Bremser, sondern als Antreiber tätig war. Vor und hinter Christian Fuchs links etwa war niemand, also musste er die Wege allein gehen, was für eine massive Tempo-Steigerung sorgte.

Offensiver Konterfußball

Die gesamte Ausrichtung des Spiels war auf den schnellen Pass in die Spitze ausgerichtet (etwas, was in den wenigen guten Minuten der Spiele von '07 immer nur angedeutet zu erkennen war), die recht sichere Abwehr brachte die Bälle schnell zu den Verbindern (die Flügel und Ivanschitz), die dann sofort weiterleiteten. Resultat: Eine Halbzeit lang zappelte das deutsche Mittelfeld verwirrt hinterher.

Dass sich das nicht in Toren niederschlug - auch egal; mir haben alle Stürmer sehr gut gefallen, giftig, schnell, den Abschluss suchend. Dass es der Gegner in der zweiten Halbzeit verstand, sich darauf einzustellen und drei eher glückliche Tore (ein Weitschuss, ein Offside, ein Tormannfehler) erzielte - geschenkt.
Wirklich wichtig ist und war der erstmals seit Ewigkeiten festzustellende Zug zum Tor, der Wille zum Angriff, der Mut, das Spiel auch einmal selber zu machen (ein lang vermisster Zug) und die strategische Entscheidung, sowas wie einen offensiven Konterfußball zu spielen.

Happy Hicko und die Flunker-Liga

Das sind allesamt Dinge, die wir beim österreichischen Nationalteam seit Jahren nicht mehr gesehen haben - vor allem nicht in dieser verdichteten Form der 1. Halbzeit.

Dass die Mannschaft auch nach drei Gegentoren nicht zusammenbrach und sich angefressen zerfleischte, zeigt ihr Begreifen der Wichtigkeit dieser Spielanlage.
Es war also ein grandioser Sieg, was bei einem Resultat von 0:3 eher selten vorkommt.

Wenn sich die Mannschaft die aktuelle psychische Hochblüte bewahren kann, wenn Hickersberger weiter Happy Hicko bleibt, wenn das Geplänkel mit Scharner einen sinnvollen Ausgang nimmt, wenn die verletzten Austria-Spieler gut zurückkommen und wenn sich die Spieler der heimischen Flunker-Liga nicht von den ab nächste Woche anstehenden Partien runterziehen lassen, dann ist auch im März was möglich, im nächsten Test gegen die Niederlande.
Und auch hier kann eine Niederlage ein Sieg sein. Das muß sich erst im Juni ändern.

*Martin Blumenau ist Journalist und Radiomoderator und lebt in Wien. Er ist beim zum ORF gehörenden österreichischen Sender FM4 (Live-Stream) als Leiter Traffic & Continuity verantwortlich für interne Kommunikation und Koordination sowie Strategie. Außerdem moderiert er die Sendungen "Zimmerservice" und "Bonustrack" und verarbeitet seine passionierten Beobachtungen des nationalen und internationalen Fußball-Geschehens in seinem Blog.

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