Montag, 04.02.2008

Ballack vor Länderspiel-Comeback

Neues Ego, alte Wunden

München - Auf dem schmalen Grat zwischen Zweifel und Verzweiflung ist Michael Ballack erwachsen geworden. Und glaubt man den Aussagen seiner Vorgesetzten, dann ist der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft in London sogar zum Weltmann gereift.

Ballack, Löw, Trochowski, Lahm
© Getty

"Er hat mehr Ausstrahlung und Charisma, ist zu einer Persönlichkeit geworden und übt positiven Einfluss aus. Er hat an Entschlusskraft und Selbstvertrauen gewonnen", sagte Joachim Löw am Montag im "Kicker".

Zum ersten Mal seit knapp einem Jahr kann der Bundestrainer beim Testspiel in Österreich zum Auftakt ins EM-Jahr 2008 wieder auf Ballack  (im Bild bei einem Werbe-Shooting) zurückgreifen. Angesichts der personellen Engpässe im DFB-Team eine unüberhörbar große Erleichterung.

"Gerade bei Ballack ist es wichtig, dass er zurückkehrt. Fußballerisch ist er ohnehin kaum zu ersetzen, außerdem hat er die Führungsrolle. Er weiß, was die Mannschaft braucht", so Löw.

Endlich ein Chef

Erst sieben Pflichtspiele hat Ballack seit seinem Comeback im Dezember nach zehnmonatiger Verletzungspause absolviert. Doch für den Bundestrainer ist er der unumstrittene Chef seiner Mannschaft.

Eine Rolle, in die der 31-Jährige nur mühsam hineingewachsen ist. Vor allem in seiner Zeit bei den Bayern sah sich Ballack immer wieder der Kritik von Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge ausgesetzt, es fehle ihm in entscheidenden Momenten an Führungsqualitäten.

Doch der Wechsel nach England zum FC Chelsea war "für Michael ein großer Sprung in der Charakterbildung", stellt auch DFB-Manager Oliver Bierhoff fest und fordert: "Er muss auch außerhalb des Feldes die Stimme der Mannschaft vertreten."

Ballack will egoistischer sein

Ballack selbst beschreibt seine persönliche Entwicklung in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" so: "Ich habe erkannt, dass es wichtig ist, hin und wieder dominanter und egoistischer zu sein, um anerkannt zu werden."

Quälende zehn Monate hatte der deutsche Hoffnungsträger Zeit, um diese Erkenntnis reifen zu lassen. Zehn Monate der Ungewissheit, in der eine nach wie vor mysteriöse Knöchelverletzung Ballack zwischenzeitlich sogar dazu zwang, über ein Karriere-Ende nachzudenken.

"Es war frustrierend", erzählt er von den eigenen Zweifeln, "denn niemand konnte mir nach zwei Eingriffen sagen, wann ich wieder spielen kann. Es hieß immer nur: Warte noch eine Woche und noch eine und noch eine."

"War's das jetzt?"

Hinzu kam die unsägliche Diskussion über Sinn und Unsinn der Operation, die Ballack - so die Version der Chelsea-Verantwortlichen - ohne Rücksprache in München bei Dr. Müller-Wohlfahrt vornehmen ließ. Schließlich wurde der Mittelfeldspieler noch aus dem Londoner Aufgebot für die Champions-League-Gruppenphase gestrichen.

Und irgendwann, so Ballack, dachte er schließlich: "Mann, ich bin 31. War's das jetzt?" War es nicht. Nach einem Kurzeinsatz im Pokal gab Ballack am zweiten Weihnachtsfeiertag gegen Aston Villa sein Comeback in der Premier League.

Frank Lampard musste nach einer knappen halben Stunde verletzt vom Feld, also schickte Chelsea-Coach Avram Grant den Deutschen - früher als geplant - ins Rennen. Beim Stand von 0:1 übernahm Ballack in einer reichlich kuriosen Partie sofort Verantwortung und erzielte mit einem direkten Freistoß das 4:3 für die Londoner (Endstand 4:4).

"Star-Man" mit Turban

Seither spielte er sechsmal in Folge von Beginn an, Grant machte ihn in Abwesenheit von Lampard, John Terry und Petr Cech sogar zum Kapitän. Ballack zahlte das Vertrauen zurück und erzielte weitere zwei Tore - beide Male war es der wichtige Siegtreffer für Chelsea.

Die englische Presse feierte den einst ungeliebten Deutschen prompt als "Star-Man" und lobte seine "deutsche Effizienz". Nachdem er am letzten Spieltag in Portsmouth fast eine komplette Halbzeit mit frisch genähter Platzwunde unter einem hübschen Turban durchspielte, wurde er sogar das Image des Zimperlichen los. Folgerichtig nominierte Grant ihn nun auch für die kommenden Spiele in der Champions-League.

Die Sache mit der Wade

Sportlich profitiert Ballack beim FC Chelsea im Moment sicher von der Londoner Personalmisere. Neben den Verletzten fehlen auch noch Leistungsträger wie Michael Essien und Didier Drogba, die mit ihren Ländermannschaften beim Afrika-Cup in Ghana spielen.

So muss Ballack fast zwangsläufig Verantwortung übernehmen - auch wenn er spielerisch noch nicht die dominante Rolle spielt, wie er es teilweise in der Nationalmannschaft oder bei den Bayern zeigte.

Zudem muss sich erst noch zeigen, wie sein Körper, der mehr oder weniger von Null auf Hundert wieder auf Hochtouren funktionieren muss, auf die Belastung reagieren wird.

Im Liga-Pokal jedenfalls musste Ballack bereits aufgrund einer - für ihn typischen - Wadenverhärtung für zwei Spiele pausieren. Dieselbe Verletzung, die ihn auch am Montag wieder am Training mit Nationalmannschaft hinderte.

Stefan Moser

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