Donnerstag, 07.02.2008

Auf der Suche nach der Form

Deutschland spielt Österreich

München - Eines gleich mal vorneweg: Das Ergebnis ist eine Frechheit.

© Imago

Jeder im Wiener Ernst-Happel-Stadion und auch die paar Daheimgebliebenen konnten es sehen: Deutschland spielte Österreich und auf der anderen Seite spielte Österreich Deutschland.

Die Österreicher, im vergangenen Jahr aus 13 Spielen mit einem kümmerlichen Sieg, spielten Deutschland eine Stunde lang an die Wand.

Unsere Nachbarn spielten wie die DFB-Elf bei der WM vor knapp zwei Jahren. Sie spielten aggressiv, lauffreudig, mit Enthusiasmus und Habgier. Dabei steht die Hälfte der Mannschaft noch mitten in der Vorbereitung, weil in Österreich die Liga erst in einer Woche wieder beginnt.

Ohne Ordnung und Struktur

Es war fast so, als hätte sich Jürgen Klinsmann heimlich in ein Peppi-Hickersberger-Kostüm gezwängt und seine Mannschaft gepusht, wie er selbst sagen würde. Das ÖFB-Team spielte nach der Klinsmann'schen Formel.

Und die deutsche Mannschaft? Fand auf eine simple Systemumstellung beim Gegner kein Gegengift. Spielte ohne Leidenschaft, ohne Ordnung, ohne erkennbare Struktur.

Ließ sich von einer - mit Verlaub - spielerisch limitierten Auswahl mit dem einfachsten Mittel, das der Fußball zu bieten hat, im Zaum halten: Dem Laufspiel.

Wie im März 2006

Ein anderer Gegner, sagen wir Italien, hätte das Spiel locker für sich entschieden, sagen wir 4:1. Denn im Grunde war der Auftritt der deutschen Mannschaft keinen Deut besser als der bei der tiefschwarzen 1:4-Ernüchterung gegen den späteren Weltmeister im März 2006.

Nur die Bestrafung blieb durch die braven Österreicher aus. Es war erschreckend, wie einstige Leistungsträger vier Monate vor dem Turnier blindlings auf der Suche nach ihrer Form aus vergangenen Tagen sind.

Taktisches System passt nicht

Bis auf Per Mertesacker und mit Abstrichen Philipp Lahm glich die Abwehr einem Trümmerhaufen. Debütant Heiko Westermann hatte auf der rechten Seite mit dem defensiv völlig überforderten Bastian Schweinsteiger erhebliche Abstimmungsprobleme.

Manuel Friedrich, von dem es heißt, er habe sich in Leverkusen enorm weiterentwickelt, lieferte das mit Abstand schlechteste Länderspiel seiner Karriere.

Das Mittelfeld konnte sich gegen die numerische Überzahl der Gastgeber in dem Korridor um die Mittellinie nie behaupten.

Die Variation mit den zwei defensiven Mittelfeldspieler Michael Ballack und Thomas Hitzlsperger, sowie dem längst nicht fitten Bernd Schneider (erst rechts, später auf links) und Schweinsteiger auf den Außen funktioniert gegen ein 3-5-2 des Gegners offenbar überhaupt nicht.

Der Kaiser irrt

Und auch wenn jetzt nicht gleich wieder alle befriedigt werden sollten, die sich nach Monaten der Enthaltsamkeit sehnsüchtig wieder eine Torwartdiskussion wie zu Prä-WM-Zeiten wünschen: Mit Jens Lehmann im deutschen Tor bleibt ein mulmiges Gefühl der Unruhe.

Es bleibt noch jede Menge Arbeit, so viel steht fest. Und vielleicht hat der schwache Auftritt ja auch eine reinigende Wirkung.

Auch dem Letzten sollten jetzt die Augen geöffnet sein, dass selbst der Kaiser ("Ich sehe in Europa keine bessere Mannschaft als unsere") irren kann.

Bundestrainer Löw als Lichtblick

Eigentlich sollte das Spiel Antworten auf dringliche Fragen geben. Am Ende des Abends müssen Joachim Löw und Hans-Dieter Flick aber mehr grübeln als je zuvor. Was als gutes Zeichen zu verstehen ist.

Für den Bundestrainer ist das nämlich kein Problem: "Ich habe die Fehler erkannt und weiß, wie wir bis zum Beginn der EM unsere Form finden", sagte Löw nach dem Spiel. Es war die einzig positive Erkenntnis des Tages. Und vielleicht war es auch die wichtigste.

Stefan Rommel

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