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Ein letzter Strohhalm bleibt

Freitag, 15.07.2016 | 12:00 Uhr
Deutschland hat bei der Heim-EM keine Chancen mehr auf das Halbfinale
© getty
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Der deutsche Traum vom EM-Titel im eigenen Land platzt bereits nach zwei Spielen. Dabei sah es gegen Portugal zwischenzeitlich gut aus. Doch dann beging der DFB einen folgenschweren Fehler. Das Minimalziel ist trotz des verpassten Halbfinales noch möglich.

Weit nach dem Spiel hatte DFB-Coach Guido Streichsbier endlich ein wenig Zeit für sich. Sämtliche Pflichten, die nach einem Spiel anfallen, hatte er erledigt: die Interviews fürs Fernsehen, die Pressekonferenz und die Ansprache in der Kabine. In der Nähe des Teambusses stand er deshalb da und verarbeitete für sich, was zuvor geschehen war.

Minutenlang bewegte sich der Trainer kein Stück und starrte hypnotisch auf den Boden. Noch wenige Minuten zuvor sagte er bei den offiziellen Presseterminen, er müsse diese Niederlage nun erst einmal sacken lassen. Genau in diesem Moment schien er damit anzufangen.

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Sein Team, die U19 des DFB, steht nach nur zwei Spielen mit leeren Händen da. Ausgerechnet bei der EM im eigenen Land hat man nur vier Tage nach der rauschenden Eröffnungsfeier Gewissheit, dass das Halbfinale ohne die Deutschen stattfindet und der Pott das Land recht schnell wieder verlässt.

"Die Enttäuschung ist natürlich riesig. Wir sehen ja auch, wie die Zuschauer das Turnier annehmen und mit dabei sind. Unsere Spiele sind beispielsweise fast alle ausverkauft. Die Jungs hatten sich auch deshalb sehr viel vorgenommen. Leider hat es am Ende nicht gereicht", so der merklich geknickte DFB-Coach auf der Pressekonferenz.

Frühe Führung gibt keine Sicherheit

Auch den Spielern war die Enttäuschung nach dem Ausscheiden ins Gesicht geschrieben. Fast alle schlichen mit gesenkten Köpfen aus der Kabine und trotteten zum Mannschaftsbus. Einige ließen sich im Kreise der Familie aufrichten, andere beschäftigten sich in sich gekehrt mit ihrem Smartphone.

Dabei ging in den 90 Minuten zuvor alles eigentlich gut los. Während man gegen Italien noch anrannte und unzählige Chancen verballerte, saß gegen Portugal direkt die erste Möglichkeit. "Das war wichtig für uns, schließlich wurde in den letzten Tagen viel über die Chancenverwertung diskutiert", erklärte Streichsbier.

Die Führung schien dem DFB-Team jedoch keinen Rückenwind zu geben. Vielmehr schaltete die Mannschaft einen Gang zurück und kam nach dem Sturmlauf gegen Italien erstmals in eine ungewohnte passive Haltung. An vorderster Front wurde längst nicht mehr mit der nötigen Entschlossenheit attackiert, in einigen Situationen fehlte der nötige Biss. "Wir waren nicht ganz so griffig wie noch vor dem 1:1. Hier und da fehlte unser defensives Gewissen und wir waren nicht konsequent genug", fasste der DFB-Coach nach dem Spiel zusammen.

DFB mit fatalem Fehler

Portugal nutzte diese Fehler im Stile einer Spitzenmannschaft aus. Ohne groß zu zaubern, dominierte das Team von Emilio Peixe in der Folge das Spiel und stach in den entscheidenden Momenten eiskalt zu. Erst als Deutschland das Tor zum zwischenzeitlichen 2:2-Ausgleich erzielte, schien die Partie wieder komplett offen. Doch statt weiter kontrolliert nach vorne zu spielen, ließ sich der DFB zu sehr vom Rückenwind des Tores treiben und drängte unmittelbar im Anschluss auf die Entscheidung.

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Ein schlimmer Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellte. Denn die defensive Stabilität ging komplett flöten. "Wir wussten, dass wir es bei einem Unentschieden nicht mehr selbst in der Hand haben. Es ist klar, dass wir dann nach vorne drängen. Wir hätten aber die Formation besser halten müssen", erklärte Marvin Mehlem nach der Partie.

Coach Streichsbier sah das Unheil sogar kommen und versuchte noch zu intervenieren: "Wir waren in der Situation zu emotional und kopflos. Ich habe es auch noch versucht reinzurufen, aber es kam nicht an. Manchmal muss man der Mannschaft ja dann auch ihrer Eigendynamik überlassen. Vielleicht hat sie gedacht, dass sie die Power hat, Portugal hinten reinzudrücken."

"Italien hing in den Knochen"

Von schlimmen Fehlern spricht der Trainer in solchen Fällen kaum. In pädagogisch feinster Manier umschippert er die Situation stets und unterstreicht, dass es eben "junge Burschen" seien, die noch mitten in der Entwicklung stecken. Solche Ereignisse lösen bei den Spielern letztlich Lernprozesse aus, die extrem wichtig für die weitere Zukunft sind. Das kopflose Anrennen war ein solches.

Auch nach der Partie schwang mit, dass die EM nicht an diesem Tag verloren wurde. Zu stark und abgezockt wirkten die Portugiesen, die bereits im Vorfeld als großer Favorit der Gruppe gehandelt wurden. Die Abläufe bei den Südeuropäern wirkten flüssiger und kaum vom Zufall geprägt.

Erneut profitierten die Portugiesen davon, dass sieben Benfica-Spieler in der Startelf standen. Dass es gegen dieses eingespielte Team schwer wird, einen Sieg zu erkämpfen, wusste man beim DFB bereits vor der Partie. Umso bitterer wirkte somit die vermeidbare Pleite im so dominanten Spiel gegen die Italiener zum Auftakt der EM. "Das Spiel am Montag hing heute noch in den Knochen. Wenn man eine Partie so dominiert und es am Ende auch noch verliert, ist das extrem bitter. Das war jetzt noch immer ein Thema", erklärte Streichsbier.

Minimalziel noch möglich

Ganz verloren ist die Heim-EM dennoch noch nicht. Sollte sich der DFB im letzten Gruppenspiel gegen Österreich (So., 19.30 Uhr im LIVETICKER) durchsetzen, würde ein Entscheidungsspiel um Platz fünf winken. Dort könnte Deutschland das vor dem Turnier ausgegebene Minimalziel erreichen und das Ticket für die U20-WM 2017 in Südkorea lösen.

Zwar sind zwei Siege nun dafür nötig, doch die Mannschaft hat sich genau dieses Ziel in den Kopf gesetzt. Die Qualitäten dazu habe die Mannschaft, erklärte Dreifach-Torschütze Philipp Ochs: "Wir haben bereits gezeigt, dass wir eine Kämpfermannschaft sind. Jetzt heißt es: aufstehen und weitermachen. Wir haben noch ein großes Ziel, das müssen wir jetzt erreichen."

Auch Streichsbier zeigte sich kämpferisch und gab eine klare Richtung vor. Man müsse bei so einem Turnier eben auch "Nehmerqualitäten zeigen" und Rückschläge wegstecken. Zwei davon kassierte der DFB davon bereits. Bei einem dritten ist die Heim-EM endgültig gelaufen. Ein letzter Strohhalm ist jedoch noch zu sehen. Diesen gilt es nun zu greifen.

Deutschland - Portugal: Die Statistik zum Spiel

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