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EM-2016: Viertelfinale: Wales - Belgien

"Darf vor Träumen keine Angst haben"

Freitag, 01.07.2016 | 22:48 Uhr
Die Waliser feiern den größten Erfolg ihrer bisherigen Fußball-Geschichte
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Das zweite Viertelfinale der UEFA Euro 2016 entscheidet Wales mit 3:1 (1:1) über Belgien für sich und trifft damit im Halbfinale auf Portugal. Die Roten Teufel enttäuschen gegen ein gut strukturiertes Team von der Insel.

Vor 50.000 Zuschauern im Stade Pierre-Mauroy von Lille markierte Radja Nainggolan (13.) die Führung für Belgien. Eden Hazard verbuchte dabei seinen vierten EM-Assist, so viele sammelte zuletzt Ljubinko Drulovic 2000. Ashley Williams (30.) stellte vor der Pause alles wieder auf Null.

Nach dem Seitenwechsel überraschte Hal Robson-Kanu (55.) die belgische Abwehr zur Führung. Der eingewechselte Sam Vokes (85.) sorgte für die Entscheidung pro Wales. Das Halbfinale gegen Portugal findet am 6. Juli um 21 Uhr statt.

Belgien schickte die viertjüngste Startelf bei einer EM ins Rennen und hatte mit Jordan sowie Romelu Lukaku zwei Brüder auf dem Platz. Bereits Nordirland setzte ein Geschwisterpaar ein, bei Albanien gegen Schweiz verteilten sich die Xhakas auf zwei Seiten. Ben Davies und Aaron Ramsey sahen Gelb und fehlen im Halbfinale.

Die Reaktionen:

Chris Coleman (Teammanager Wales): "Ich freue mich besonders für Sam Vokes. Er spielt selten von Anfang an, bringt aber immer als Einwechselspieler vollen Einsatz. Ashley Williams, der nicht oft trifft, ist ein großartiger Leader. Hal Robson-Kanu, wow, was für eine Vorstellung. Man darf vor Träumen keine Angst haben. Vor vier Jahren waren wir so weit entfernt von diesem Erfolg, das kann man sich nicht vorstellen. Ich habe keine Angst zu scheitern. Wir haben es verdient."

Marc Wilmots (Trainer Belgien): "Wir hatten eine gute Strategie. Die ersten 20 Minuten haben wir gut gespielt und Wales dominiert. Danach sind wir 15 Meter zurückgewichen. Ich weiß nicht, warum das passiert ist. Vielleicht war es Angst."

Der Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Chris Coleman ist kein Mann der großen Änderungen. Somit ist die einzige Änderung altbekannt. Vokes (Bank) geht raus, Robson-Kanu kommt wieder hinein.

Schon ganz anders sieht es bei Marc Wilmots aus. Er muss Vermaelen (gesperrt) und Vertonghen (verletzt) ersetzen, für sie spielen Denayer und Jordan Lukaku. Carrasco rotiert für Mertens (Bank) hinein.

7.: Das sieht sicher gut aus in der Expected-Goals-Statistik. Flanke von Lukaku zum freien Carrasco fünf Meter vor dem Tor. Hennessey hält, Meunier versucht sich am Abpraller, wieder geblockt. De Bruyne darf deshalb auch, trifft aber ebenfalls nicht.

9.: Bale wird über links nicht wirklich gestört und entscheidet sich irgendwann für den Abschluss. Der Ball landet am Außennetz.

13., 0:1, Nainggolan: Ein Traum von einem Tor. Aus dem linken Halbraum, etwa 28 Meter vom Tor entfernt ballert Nainggolan drauf und bringt Belgien in Führung.

26.: Bale und Ramsey spielen sich über rechts in den Strafraum und legen auf Taylor ab. Der linke Flügelläufer scheitert aber aus fünf Metern Entfernung an Courtois.

30., 1:1, Williams: Wales läuft Williams bei einer Ecke von rechts frei, der Kapitän muss im Fünfer nur noch vollenden. Das macht er und sprintet direkt in den jubelnden Haufen an seiner Bank.

50.: Belgien drückt jetzt. Erst scheitert Lukaku aus kurzer Distanz per Kopf, dann zieht Hazard nach innen und zielt knapp am rechten Pfosten vorbei.

55., 2:1, Robson-Kanu: Ramsey bekommt den Ball halbrechts und bringt eine gute Hereingabe auf Robson-Kanu. Was der Stürmer dann anstellt, ist klasse. Drehung hinter dem Standbein vorbei und eiskalter Abschluss. Irgendwo verdrückt Cruyff eine Träne.

74.: Dafür ist Fellaini gekommen, aber drin ist der Ball nicht. Flanke von rechts, er stiehlt sich in den Strafraum und kommt zum Kopfball. Knapp rechts vorbei.

85., 3:1, Vokes: Zweiter Ballkontakt und der reicht fürs Halbfinale. Gunter hat alle Zeit der Welt, um zu flanken, Vokes steigt zwischen Belgiens Innenverteidigern hoch und trifft ins lange Eck.

Fazit: Ein Team aus Einzelteilen gegen ein Team. Wales bekam die Individualisten Belgiens Minute für Minute besser in den Griff und zeigte sich dann vor dem Tor im Stile eines Top-Teams.

Der Star des Spiels: Aaron Ramsey war einmal mehr überall im Mittelfeld zu finden. Beackerte die komplette rechte und halbrechte Seite rauf und runter, sammelte Bälle ein und verwertete sie vorne mit tollen Pässen und Zuspielen. Seine Standards kamen gut, seine Flanke vor dem 2:1 war perfekt getimt und so sammelte der Gunner zwei Assists. Bitter, dass er im Halbfinale fehlen wird.

Der Flop des Spiels: Jordan Lukaku bekam seine Seite gegen Wales nie in den Griff und setzte auch offensiv keine Zeichen. War der Schwachpunkt in Belgiens ohnehin schon schwacher Defensive und wurde mehrfach außerhalb seiner Position erwischt. So zum Beispiel auch beim 1:1 von Williams, als er den falschen Mann verfolgte.

Der Schiedsrichter: Damir Skomina (Slowenien) hatte hier und dort vielleicht einen kleinen Wackler. Insgesamt aber ein gutes Spiel für sein Team, Nainggolan (82.) hatte sich keinen Elfmeter verdient. Die Gelben Karten waren richtig.

Das fiel auf:

  • Die Belgier versuchten, den flachen Aufbau von Wales zu verhindern. Dafür rückten sie bei gegnerischem Abstoß hoch auf und versperrten die kurzen Anspielstationen. Versuchte es Wales dennoch, blockierten Lukaku und de Bruyne gemeinsam die Passwege in die Mitte, während Carrasco und Hazard die Flügelläufer im Auge behielten.
  • Durch zurückfallende Achter und die Dreierkette im Aufbau fand Wales aber doch oft einen guten Weg nach vorne. Nainggolan und Witsel rückten teils auf die entgegenkommenden Mittelfeldspieler heraus und machten das damit recht mannorienterte Spiel gegen den Ball komplett.
  • Den eigentlich guten Aufbau machte sich Wales allerdings oft mit individuellen Aussetzern kaputt. Hier wurde ein Pass mit zu wenig Tempo gespielt, dort nicht in den richtigen Fuß. Das brachte Belgien Balleroberungen rund um die Mittellinie und damit gute Konter ein.
  • Nach diesen Eroberungen setzten sie nahezu immer Lukaku ein. Der Stürmer vom FC Everton bewegte sich stark, schirmte den Ball ab, legte ab und startete dann selbst. Seine Beweglichkeit wurde zum Beispiel in der siebten Minute deutlich, als er plötzlich von links eine Flanke hineinbrachte.
  • Vielleicht auch weil der Aufbau seines Teams fehleranfällig war, fiel Bale im Laufe der ersten Halbzeit immer tiefer zurück ins Mittelfeld. Das raubte ihm selbst den so starken Umschaltmoment und machte Wales nach Balleroberung sehr flach. Dabei hatte er seine besten Szenen, wenn er in die Lücke zwischen Belgiens Viererkette und dem Mittelfeld starten konnte.
  • Als Wales sich langsam fand, wurden die Lücken in Belgiens Defensive auffällig. Unglaublich, wie viel Platz zwischen Witsel, Nainggolan und der Viererkette enstehen konnte. Die Spieler diskutierten mehrfach, wie diese zu füllen sei, wirkliche Besserung stellte sich nicht ein.
  • Die Schwäche von Jordan Lukaku wurde konsequent bespielt. Hier kam Wales entgegen, dass sie schon im ganzen Turnierverlauf ihren Fokus auf die rechte Seite gelegt hatten und so mit dem Ausfall von Vertonghen ein gutes Match trafen.
  • Die Einwechslung von Fellaini sorgte für eine zusätzliche Linie im Mittelfeld. Das stabilisierte etwas, vor allem weil sich der neue Mann stark an Bale orientierte. Allerdings ging der Wechsel auch zulasten des eigenen Spiels mit Ball.

Wales - Belgien: Die Statistik zum Spiel

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