"Die Deutschen wollten uns häkeln"

Mittwoch, 01.06.2016 | 14:31 Uhr
Herbert Prohaska und Österreich besiegten 1978 in Cordoba Deutschland mit 3:2
© imago
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Herbert Prohaska ist nicht nur Österreichs Fußballer des 20. Jahrhunderts - er ist Legende und Kultfigur zugleich. Als Spieler wirkte er beim "Wunder von Cordoba" sowie der "Schande von Gijon" mit und sorgte in Italien für Aufsehen, als Trainer führte er Österreich zur WM 1998. Mittlerweile ist Prohaska TV-Experte. Ein Gespräch über Marcel Koller, weinende Präsidenten-Frauen, Lokalbesuche in Paris, Bartrasuren und musikalische Misserfolge.

SPOX: Herr Prohaska, 1978 und 1982 waren Sie als Spieler bei der WM, 1998 als Trainer und jetzt fahren Sie als TV-Experte zur EM nach Frankreich. Was macht am meisten Spaß?

Herbert Prohaska: Am schönsten ist es als Spieler, am verantwortungsvollsten als Trainer und am gesündesten als Experte, weil ich besser schlafe, mich nicht so viel ärgern muss und weniger Verantwortung trage.

SPOX: Im Moment trägt Marcel Koller die Verantwortung als österreichischer Teamchef. Zu Beginn haben Sie sich kritisch über ihn geäußert. Hat Sie Koller mittlerweile überzeugt?

Prohaska: Vor seiner Teamchef-Bestellung war er zwei Jahre lang arbeitslos. Da habe ich mich gefragt, wie man auf den kommt. Natürlich bildet man sich weiter, aber das ersetzt nicht zwei Jahre Tagesgeschäft. Gott sei Dank habe ich mich mit meinen Bedenken geirrt. Er macht fantastische Arbeit und man sieht seine Handschrift, was bei vielen Trainern nicht der Fall ist. Huub Stevens war mal Trainer von Red Bull Salzburg und da hat man gar nichts gesehen. Der war immer nur angefressen und hat uns das Gefühl gegeben: 'Seid's ihr deppert, ihr müsst froh sein, dass ich in dem Land überhaupt arbeite.'

Jetzt die EM 2016 tippen und gegen SPOX-Redakteure antreten!

SPOX: Bei der EM-Gruppenauslosung hatte Österreich Glück, trifft auf Ungarn, Portugal und Island. Was trauen Sie Ihrem Land bei der EM zu?

Prohaska: Wir haben uns souverän qualifiziert und können uns das Achtelfinale als realistisches Ziel setzen. Ungarn und Island werden aber auch zufrieden sein mit dieser Gruppe. Unser Team ist relativ erfahren, hat aber noch keine Endrunde bestritten. Wenn die Mannschaft verletzungsfrei bleibt, gehört sie sicher zu den Teams, die überraschen können.

SPOX: Bei der WM 1978 haben Sie mit Österreich überrascht, haben die erste Runde überstanden.

Prohaska: Damals haben wir uns zum ersten Mal seit 20 Jahren qualifiziert. Wir waren in einer Gruppe mit Spanien, Brasilien und Schweden - und sind aufgestiegen. Für die damalige Zeit war uns selbst nicht bewusst, wie gut wir waren, was für eine Klasse wir besessen haben. Die Mannschaft hat sich ergeben aus sechs, sieben gestandenen Legionären und - ich sage es mal unbescheiden - den Jahrhunderttalenten Pezzey, Krankl, Schachner, Obermayer und Prohaska. Das hat eine super Mischung ergeben.

SPOX: Als "Helden von Cordoba" hat diese Mannschaft ewigen Ruhm sicher. Gibt es irgendetwas, was Sie über dieses Spiel noch nie erzählt haben?

Prohaska: Nein, das glaube ich nicht.

SPOX: War Ihnen die Tragweite der Partie schon damals bewusst?

Prohaska: Nein, gar nicht. Das ist ja das Lustige, dass wir damals gar nicht gewusst haben, was der Sieg in Österreich ausgelöst hat. Wir haben das erst am Flughafen in Wien gemerkt, als 5.000 Leute auf uns gewartet haben. Das war unbeschreiblich.

SPOX: Wie war denn das Verhältnis zwischen den österreichischen und den deutschen Spielern?

Prohaska: Am Spielfeld war es ein bisschen sehr gehässig - aber mehr sprachlich als körperlich, also bezüglich Fouls. Den Deutschen hätte ja ein Unentschieden gereicht und die wollten uns häkeln, weil wir fix heimfahren mussten. Am Anfang haben die viel reden können, aber nach dem 3:2 haben wir schon gesagt: 'Kinder, ihr sitzt mit uns im Flieger!' Und dann sind die tatsächlich mit exakt demselben Flieger wie wir nach Europa geflogen. Das hat uns sehr gefreut.

SPOX: Vier Jahre später trafen Sie bei der WM in Spanien wieder auf Deutschland - diesmal sind dank der "Schande von Gijon" beide Mannschaften aufgestiegen. Wie ist das abgelaufen?

Prohaska: Bis zur Pause ist das Match ganz regulär gespielt worden. Nach der Halbzeit sind wir gemeinsam mit den Deutschen aufs Feld gegangen und dann hat irgendwer gemeint, ob uns eigentlich bewusst ist, dass wir mit dem Ergebnis beide weiter sind. Das war dann irgendwie ein stilles Abkommen. Wenn wir uns darauf nicht eingelassen hätten, wären wir sowieso nicht weitergekommen, weil die Deutschen besser waren. Im Nahhinein gesehen bin ich darauf natürlich nicht stolz, aber in dem Moment willst du einfach weiterkommen. Zerstört haben eigentlich alles die Deutschen, indem die ihr Eröffnungsspiel gegen Algerien verloren haben.

SPOX: Auf Vereinsebene standen sie mit der Wiener Austria 1978 im Finale des Europapokals der Pokalsieger, verloren aber in Paris mit 0:4 gegen den RSC Anderlecht.

Prohaska: Das war meine schlimmste Niederlage und übertrifft auch das 0:9 gegen Spanien als Teamchef - das war meine peinlichste Pleite.

SPOX: Es heißt immer wieder, dass die Spieler der Austria das süße Leben von Paris vor dem Finale etwas zu intensiv genossen haben.

Prohaska: Das ist ein Blödsinn. Wir waren zwei Tage vor dem Finale mit unseren Frauen nur in irgendeinem Laden, Crazy Horse oder Moulin Rouge glaube ich, und haben uns eine Vorstellung angeschaut. Der Fehler war, dass wir nicht unbedingt gewinnen wollten, sondern froh waren, überhaupt im Finale zu stehen. Vorher erschien es unmöglich, dass eine österreichische Mannschaft je ein Europapokal-Finale erreichen würde.

Prohaska über Teamchef Koller, erfreuliche Fluggäste und das Moulin Rouge in Paris

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