Rastas zeigen den Weg

Donnerstag, 14.07.2016 | 13:30 Uhr
Goncalo Rodrigues trifft bei der U19-EM mit Portugal auf die deutsche Mannschaft
© getty
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Goncalo Rodrigues verbrachte seine fußballerische Jugend stets an der Seite des portugiesischen Shootingstars Renato Sanches. Dieser ist inzwischen in anderen Sphären unterwegs, obwohl er noch in der U19 spielen könnte. Die Parallelen zwischen den beiden sind auffällig, die Spielweise unterscheidet sich jedoch deutlich.

Alle großen Helden der vergangenen Jahre standen oben in Reih und Glied auf dem Podest. Cristiano Ronaldo an vorderster Front, an seiner Seite Pepe, daneben Ricardo Quaresma und Ricardo Carvalho. Allesamt Spieler, die sich mit einem dicken Edding in die sportlichen Geschichtsbücher des Landes eingetragen haben und eine ganze Ära prägten.

Sie waren an diesem Abend in Paris am Höhepunkt ihrer Karriere in der Nationalmannschaft angekommen. Anführer Ronaldo schrie seine Freude heraus und reckte symbolisch den EM-Pott in den Nachthimmel. Portugal ist Europameister.

Auch Goncalo Rodrigues jubelte euphorisch beim Schlusspfiff. Doch irgendwie anders als der gemeine Portugiese. Klar, die Idole seiner Jugend holten für sein Land den Pokal, doch Ronaldo und Pepe sind auch für ihn noch unnahbare Weltstars. Der 18-Jährige freute sich vielmehr für einen seiner dicken Kumpels.

Ein Kumpel unter Stars

Denn unter die Ansammlung von Megastars hatte sich scheinbar sein Ex-Teamkollege gemogelt, der in der Jugend nicht von seiner Seite wich. Hinter dem hüpfenden und jubelnden roten Block sah der 18-Jährige immer wieder dessen Rastas auf und ab tanzen. Es war die Haarpracht von Renato Sanches.

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Noch bis Ende des letzten Jahres spielte Rodrigues sowohl bei seinem Klub Benfica als auch in der Jugendnationalmannschaft stets neben dem nun gefeierten EM-Helden. 2016 setzte der baldige Bayern-Spieler Sanches jedoch den Karriere-Blinker links und katapultierte sich innerhalb von nur sechs Monaten in eine andere Fußball-Sphäre: Beförderung zu den Profis von Benfica, Millionen-Transfer zu den Bayern und zur Krönung gefeierter Superstar bei der EM in Frankreich.

Stolz auf Sanches

"Renato ist in diesem Jahr plötzlich hochgeschossen und hat einen sensationellen Aufstieg hingelegt. Ich bin sehr stolz, dass ich neben ihm gespielt habe und hoffe, dass ich in ein paar Jahren in einer ähnlichen Situation bin", erklärt Rodrigues. Ähnlich stolz präsentiert sich "Guga" auch auf seinem Twitter-Account. Dieser liest sich in den letzten Wochen eher wie der eines verknallten Fans. Natürlich ist dort das erste EM-Tor von Sanches im Video zu finden, klatschende Smiley-Hände nach der Premiere und zahlreiche verlinkte Sanches-Artikel.

Der EM-Held beweist, wie wenig Sprossen die Karriereleiter haben kann. Er dient nach seinem rasanten Aufstieg gemeinsam mit dem zweiten Überflieger Ruben Neves als "Inspiration für den ganzen Jahrgang", erklärt Joaquim Milheiro, Nachwuchskoordinator der Portugiesen. Beide sind sie 1997 geboren und könnten bei der U19-EM noch auf dem Rasen stehen. Sanches beispielsweise machte 2015 noch sämtliche Quali-Spiele für eben dieses Turnier. Neben ihm in der Startelf stand stets Goncalo Rodrigues.

1,67 Meter? "Besten Mittelfeldspieler sind klein"

Lange bildeten sie mit Namensvetter Pedro Rodrigues das Dreiermittelfeld von Portugals U19. Dort besitzt "Guga" die größten Stärken und kann sein Potenzial am besten ausspielen. Der 18-Jährige ist ein quirliger Spieler mit einer enormen Ballkontrolle. Körperlich spielt er jedoch in einer anderen Liga. Anders als der bullige Sanches hat Rodrigues abseits des Platzes eher das Erscheinungsbild eines zierlichen Popstars.

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Er trägt meist moderne Sonnenbrillen, der linke Arm ist von oben bis unten mit Tattoos vollgekleistert und die strohblonden Haare sind oft lässig nach hinten gegelt. Diskussionen um sein Alter, wie es zuletzt bei Sanches der Fall war, würden bei dem Spieler mit zarten Gesichtszügen wohl nicht aufkommen. Seine überschaubare Größe tut dabei wohl das Übrige. Er ist gerade einmal 1,67 Meter groß, sein Körpergewicht gleicht dem eines Topmodels.

Zu klein, zu leicht?

Kritiker werfen ihm deshalb häufig vor, dass er es in den großen Ligen aufgrund seiner fehlenden physischen Voraussetzungen schwer haben wird. Das lässt ihn kalt. "Viele Leute sagen, dass ich deutlich zu klein bin. Das ist Blödsinn. Die besten Mittelfeldspieler der Welt sind doch alle recht klein", erklärt Rodrigues: "Ich sage immer: Fußball spielt man mit dem Fuß und mit dem Kopf." Zwei Körperregionen, die bei ihm offensichtlich vorhanden sind und ihn bereits weit gebracht haben.

Bereits im Kindesalter wechselte der heute 18-Jährige von seinem Heimatverein zu Benfica und durchlief dort wie jedes Talent sämtliche Jugendmannschaften. Seit 2014 steht er regelmäßig in der UEFA Youth League auf dem Rasen. Über zwei Jahre verteilt kam der kleine Dribbler bereits auf 16 Einsätze und schaffte mit Benfica zwei Mal in Folge den Einzug ins Viertelfinale.

Dauergast bei den U-Mannschaften

Auch in der Nationalmannschaft fasste er schnell Fuß und gehört seit der U15 dauerhaft zum Stammpersonal. Unter den Spielern der U19 ist nun er der erfahrene Akteur und Anführer, zu dem andere aufschauen. Schließlich bringt es der Edeltechniker schon auf über 50 Einsätze für den portugiesischen Nachwuchs.

"Es ist ein sehr gutes Gefühl, Leader dieser Mannschaft zu sein. Es ist ein Zeichen, dass ich gut gearbeitet habe. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich keine Karrierestufe ausgelassen", so Rodrigues. Auch um seine Zukunft braucht er sich zunächst keine Gedanken zu machen. Erst im März unterzeichnete der Dribbler bei Benfica einen Vertrag bis 2021. Er soll innerhalb dieses Zeitraums zum Stammspieler und Leistungsträger aufsteigen.

Benfica dominiert

Eine große Umgewöhnungsphase zwischen Klub und Nationalmannschaft wird derzeit nicht nötig sein. Schließlich hat er seine Benfica-Mannschaftskollegen größtenteils um sich. Acht Spieler des Lissabonner Klubs standen im ersten Spiel der U19-EM in der Startelf. Ein enormes Pfund, weiß auch der deutsche U19-Coach Guido Streichsbier vor dem Aufeinandertreffen. "Das ist schon ein Vorteil. Viele Prozesse sind einfach schon vorhanden und müssen nicht mehr einstudiert werden", analysiert der deutsche Trainer.

Für Rodrigues ist die Nationalmannschaft schon so etwas wie eine "zweite Familie", erklärt er. Er freue sich, in diesem Kreis seinen 19. Geburtstag feiern zu dürfen. Denn ausgerechnet am letzten Spieltag der Gruppenphase jährt sich der Ehrentag des Dribblers. Im Interview zeigte er sich von seiner zarten Seite und verriet, dass es der erste Geburtstag außerhalb des Elternhauses sei. "Ich habe das schon mit meinen Eltern besprochen", sagte der noch 18-Jährige: "Alles was ich mir wünsche, ist ein Sieg und das Halbfinale."

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