Fan in Lebensgefahr, UEFA ermittelt gegen Russland

Hooligans halten EM in Atem

SID
Sonntag, 12.06.2016 | 12:42 Uhr
Nach den Ausschreitungen von Marseille schwebt ein englischer Fan weiter in Lebensgefahr
© getty
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Ein Fan in Lebensgefahr, hässliche Jagdszenen in Marseille und Nizza, UEFA-Ermittlungen gegen Russland - statt der im Vorfeld so gefürchteten Terroristen haben Hooligans Frankreich am ersten EM-Wochenende mit wahren Gewaltorgien in Angst und Schrecken versetzt.

Als erste Reaktion wurden daraufhin die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, auch für das Spiel von Deutschland gegen die Ukraine am Sonntag in Lille, vor allem aber das Hochrisikospiel am Donnerstag gegen Polen in St. Denis.

In Marseille kämpfte auch am Sonntag ein englischer Fan noch um sein Leben. Videobilder zeigen, wie der Mann auf der Straße von Sicherheitskräften wiederbelebt werden musste. Doch der blutüberströmte Mann, nach AFP-Informationen von einer Eisenstange am Kopf getroffen, war beileibe nicht das einzige Opfer. In Marseille und später auch in Nizza wurden mehrere Dutzend Verletzte gezählt.

Die UEFA reagierte am Sonntag auf zusätzliche Ausschreitungen im Stade Velodrome in Marseille nach dem Abpfiff des Spiels England gegen Russland (1:1): Sie eröffnete ein Disziplinarverfahren gegen den russischen Verband. Ermittelt wird wegen Aggressionen russischer Zuschauer im Stadion, rassistischen Verhaltens und des Abbrennens von Feuerwerkskörpern. Ob und wie der Verband bestraft wird, entscheidet sich am Dienstag.

Im Stade Velodrome waren die Auseinandersetzungen wieder aufgeflammt: Russische Anhänger stürmten den englischen Fanblock, erneut musste die Polizei massiv eingreifen. "Mehrere Engländer sind im Krankenhaus", twitterte der britische Botschafter Julian King. Der russische Anhang war maßgeblich an den Schlägereien beteiligt, auch wenn Alexander Schprigin von der Vereinigung russischer Fußballfans so vehement wie ignorant bestritt: "Es gab keine Probleme."

Russland im Fokus

Die aber drohen nun dem russischen Fußball-Verband, denn der WM-Gastgeber von 2018 ist vorbelastet. Bei der EM-Endrunde 2012 in Polen und der Ukraine griffen russische Hooligans Sicherheitskräfte im Stadion an und schmähten den dunkelhäutigen tschechischen Nationalspieler Theodor Gebre Selassie, mittlerweile in Diensten von Werder Bremen, mit rassistischen Gesängen.

Erst kürzlich lief eine von der UEFA verhängte Bewährungsstrafe ab, dennoch gab sich Russlands Sportminister Witali Mutko direkt nach dem Auftaktspiel seiner Mannschaft noch gelassen. "Die WM 2018 ist ein ganz anderes Turnier", sagte er in Marseille. Die FIFA verurteilte derweil die "idiotischen Krawallmacher, die nichts mit dem Fußball und wirklichen Fans zu tun haben".

Unschuldig waren auch die Engländer nicht. "Wir sind enttäuscht von diesen Ereignissen und bitten alle Anhänger, die nach Frankreich kommen, sich respektvoll zu benehmen", erklärte Mark Whittle vom englischen Fußball-Verband zu den Vorfällen auf den Straßen von Marseille. Ermittelt wird gegen England nicht, weil es kein Fehlverhalten innerhalb des Stadions gab.

Gewalt auch in Nizza

Die Spur der Gewalt führte in der Nacht zum Sonntag an der Cote d'Azur entlang weiter nach Nizza. Dort provozierten französische Jugendliche am Cours Saleya nordirische Fans, auch dort mussten Ordnungshüter die rivalisierenden Gruppen trennen. Sieben Personen wurden verletzt.

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In Deutschland gibt sich die Politik derzeit noch der Hoffnung hin, ähnliche Ausraster deutscher EM-Besucher im Keim ersticken zu können. Die Daten von 2500 bekannten Hooligans seien den französischen Behörden übermittelt worden, sagte Innenminister Thomas de Maiziere der Bild am Sonntag. Allerdings wurde bei den Krawallen in Marseille auch ein Deutscher vorläufig festgenommen, er muss sich voraussichtlich am Montag mit neun anderen Verdächtigen einem Schnellgericht stellen.

Möglicherweise vergeblich, denn bei den Krawallen in Marseille wurde auch ein Deutscher vorläufig festgenommen, er muss sich voraussichtlich am Montag mit neun anderen Verdächtigen einem Schnellgericht stellen. Die deutsche Mannschaft bestreitet am Sonntag in Lille gegen die Ukraine ihr erstes EM-Spiel.

Frankreich entsetzt

Frankreichs Medien waren angesichts der gewaltsamen Auseinandersetzungen in ihrem Land entsetzt. "Die Schande", titelte die Sport-Tageszeitung L'Equipe, Le Parisien beschrieb die Vorfälle als "Szenen unerhörter Gewalt" und kritisierte, dass Frankreich es im Gegensatz zu den EM-Turnieren 2004 in Portugal und 2008 in Österreich und der Schweiz nicht geschafft habe, diese Auswüchse zu verhindern.

Marseille hatte schon bei der WM 1998 schlechte Erfahrungen mit englischen Fans gemacht, als es zu Auseinandersetzungen mit Anhängern aus Tunesien gekommen war. Erneute Probleme sind am 16. Juni zu befürchten, wenn im innerbritischen Duell England und Wales (15.00 Uhr im LIVETICKER) in Lens aufeinandertreffen.

Die Begegnung zwischen England und Russland war im Vorfeld von der "Nationalen Direktion zur Bekämpfung des Hooliganismus" als eines von fünf Vorrundenspielen der Alarmstufe 3, der höchsten Sicherheitsstufe, genannt worden. Darunter ist auch das Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft am 16. Juni im Stade de France gegen Polen.

Der Direktions-Vorsitzende Antoine Boutonnet lobte ungeachtet der zahlreichen Verletzten die Vorgehensweise der Polizei. "Eine schnelle und wirksame Intervention der Ordnungskräfte hat es zumindest erlaubt, die Vorfälle einzudämmen", sagte er AFP.

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