Günter Netzer im Interview

"Wenn wir weniger als fünf kriegen..."

Von Fußballgold
Donnerstag, 09.06.2016 | 12:52 Uhr
Günter Netzer verwandelt den Elfmeter zum 2:1 gegen Gordon Banks
© imago
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100.000 Zuschauer strömten am Abend des 29. April 1972 ins Londoner Wembley-Stadion. Sie sahen ein Spiel, das zum Mythos wurde. Im EM-Magazin 72809616 erinnert sich Günter Netzer.

London sah an diesem Abend das mit Abstand beste Länderspiel Netzers, auch nach dessen eigener Einschätzung. "Look at him! There he is again", rief der Kommentator der BBC, 23 Millionen Engländer saßen vor dem Bildschirm, "look at that blonde midfield dynamo!" Und Karl-Heinz Bohrer, zu der Zeit England-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dichtete eine zeitlose Ode an den deutschen Spielmacher: Die Unsicherheit einer zusammen gewürfelten deutschen Elf vor dem Anpfiff, ein Mythos im Werden schon beim Abpfiff.

"Eine Sensation des Weltfußballs!", bilanzierte ZDF-Kommentator Werner Schneider, und niemand widersprach ihm.

England gegen Deutschland, das war auch 1972 längst ein Fußball-Klassiker. Englands WM-Triumph mit dem "Wembley-Tor" lag gerade mal sechs Jahre zurück, im Viertelfinale der Mexiko-WM 1970 hatte die deutsche Mannschaft einen 0:2-Rückstand in eine 3:2-Revanche verwandelt. Und nun, im April 1972, trafen die beiden Teams erneut aufeinander, im Viertelfinale der EM. Zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt aus deutscher Sicht. Mit Wolfgang Overath, Berti Vogts und Wolfgang Weber fielen drei Stammspieler aus, die Schalker Klaus Fichtel und "Stan" Libuda fehlten wegen ihrer Verwicklung in den Bundesliga-Manipulationsskandal.

"Lasst die Angst zu Hause!", titelte der Kicker. Das war nicht einfach. Mit Sigfried Held von den Offenbacher Kickers stand ein Regionalliga-Spieler im deutschen Team, mit Uli Hoeneß ein Amateur. Zumindest formell. Der Münchner war Angestellter der Bayern-Geschäftsstelle. Die nicht ganz ernst gemeinte Arbeitsplatzbeschreibung laut Präsident Neudecker: "Er ist für die Frankiermaschine verantwortlich." Als Profi hätte Hoeneß nicht an den Olympischen Spielen 1972 in München teilnehmen dürfen. Davon träumte er, der Traum ging in Erfüllung, er spielte dort u.a. zusammen mit einem gewissen Ottmar Hitzfeld. England trat mit fünf Weltmeistern von 1966 an: Gordon Banks, Bobby Moore, Alan Ball, Martin Peters und der gefürchtete Geoff Hurst. Bundestrainer Helmut Schön aber musste eine Elf aufbieten, die zuvor nie auch nur annähernd in dieser Formation zusammengespielt hatte. Netzer rutschte für Overath rein.

Frage: Wie dürfen wir uns die Stimmung in der Kabine vorstellen?

Günter Netzer: Die ist bei der Nationalmannschaft schon mal grundsätzlich ganz anders als im Verein. Weil im Nationaltrikot unterschiedliche Charaktere zusammensitzen, die sich nur zum Teil gut kennen. Im Verein weiß man jede Regung der anderen Jungs zu deuten, schließlich ist man mit ihnen häufiger zusammen als mit seiner Partnerin. Im Verein gehen die Mechanismen in Fleisch und Blut über, da handelt jeder völlig intuitiv und muss nicht erst groß überlegen: Welchen Knopf drücke ich denn jetzt? Beim Nationalteam verliert sich erst einmal ein Teil Energie, die man ins Kennenlernen investieren muss. Doch selbst nach jahrelangem Zusammenspiel kennt man die Freunde nie so ganz. Und vor Wembley kannten sich viele von uns kaum.

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Frage: Und dann sagten Sie in der Kabine zu Franz Beckenbauer jenen Satz, der Ihrer Erwartungshaltung entsprang.

Netzer: Wir hatten personelle Probleme, und schon als wir ins Stadion kamen, haben uns auch die Zuschauer klargemacht, was sie mit uns vorhatten. In der Kabine habe ich dann Franz auf die Schenkel geklopft und gesagt: Wenn wir weniger als fünf Stück kriegen, ist das ein gutes Resultat. Das war mein Grundgefühl. Das hieß aber nicht, dass wir uns abschlachten lassen wollten.

Frage: Wie reagierte Beckenbauer?

Netzer: Kein Wort, keine Reaktion.

Frage: Wie war Ihr persönliches Verhältnis damals?

Netzer: Eine ganz normale Beziehung zweier außergewöhnlicher Spieler der beiden besten deutschen Klubs. Unsere enge Freundschaft entwickelte sich erst Jahre später, als wir Franz von Cosmos New York zum Hamburger SV zurück in die Bundesliga holten.

Frage: Wenn Sie schon pessimistisch waren, wie ging es dann Helmut Schön, dessen Gesicht von Haus aus Bedenken zeigte?

Netzer: Am Morgen des Spiels geschah etwas Eigenartiges. Da spielt man ja immer ein bisschen in kleinen Einheiten, bewegt sich ein wenig. Und da, so hat Schön mal erzählt, habe er erkannt, dass die Stimmung nicht mehr so lethargisch war wie in den Tagen zuvor. Er erlebte uns voller Lust, voller Engagement und dachte so bei sich: Vielleicht haben wir ja doch eine Chance.

In den ersten Minuten des Spiels aber dominierte England, Hausherr und klarer Favorit. In diesen Minuten schien ZDF-Reporter Werner Schneider froh, dass ihm eine Tonstörung das Kommentieren ersparte. Ausgerechnet Beckenbauer leitete mit einem Fehlpass eine chaotische Szene ein, fast 30 Sekunden herrschte höchste Gefahr vor Sepp Maiers Tor. Auch Günter Netzer erwischte einen Fehlstart. Der erste Ball sprang ihm weg. Doch den ersten Treffer erzielte der Gast. Amateur Uli Hoeneß traf, in seinem zweiten Länderspiel, nach Vorarbeit des Regionalliga-Spielers Sigi Held.

Frage: Haben Sie beim Hoeneß-Treffer erstmals gedacht: Hier geht was?

Netzer: Wir haben zunächst mal sehr schnell gespürt: Dies wird ein ganz besonderes Spiel. Wir spielten im alten Wembley, auf einem Rasen, eben wie ein Billardfilz, einem Rasen, den es so nirgends anders auf der Welt gab. Heute ist der Rasen auch in Wembley perfekter, aber eben so wie überall auf der Welt. Das Grün von damals war in der Konsistenz eher dichtes Gras, wie Moos fast, das ging auf die Gelenke, Muskeln, Knochen.

Frage: Hört sich eher anstrengend an.

Netzer: Aber es war der heilige Rasen von Wembley! Ein Mythos, da fühlst du dich als Spieler geehrt, dass du ihn mit deinen großen Füßen treten darfst. Da fanden ja nur Länderspiele und das englische Cup-Finale statt. An diesem Abend setzte auch noch der Londoner Nieselregen ein. "Fritz-Walter-Wetter" also, wie wir es in Deutschland seit Bern 1954 nennen. Weil es das Paradies ist für jeden Techniker, weil es dessen Qualitäten besonders hervorhebt, wenn der Boden nass ist und der Ball anders springt als sonst.

Der NDR widmete Netzer in der Nacht vom 25. auf den 26. September 2004 eine ganze TV-Nacht, zum 60. Geburtstag. Ein Porträt, angereichert u.a. mit dem Wembley-Spiel von 1972. In voller Länge.

Frage: Haben Sie sich das Spiel angeschaut?

Netzer: Ich habe mir das ganze Spiel noch nie angeguckt. Können Sie sich das vorstellen? Aber ich habe auch keine einzige meiner Sendungen mit Gerhard Delling gesehen...

Im Auftrag des Magazins 11Freunde analysierten Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln Spiele der Nationalmannschaft aus dem Zeitraum 1958 bis 2010. Im Spiel der Wembley-Elf richteten sie ihr besonderes Augenmerk auf Netzer. Dieser hatte 99 Aktionen am Ball, davon 88 Offensivaktionen und spielte 64 erfolgreiche Pässe: jeweils Höchstwert aller Spieler. Die Passgeschwindigkeit des Balles betrug 2,9 Meter pro Sekunde, wenn die Deutschen ihn spielten - ein Wert, der auch im Vergleich mit den Daten der WM 2010 noch überdurchschnittlich war!

Frage: Eine zusammengewürfelte Mannschaft, die auf Anhieb harmonierte? Oder doch das Ergebnis eines Plans?

Netzer: Ich sage immer, diese Mannschaft bestand aus wichtigen Spielern und ein paar Künstlern, die sich an diesem Abend spielentscheidend von ihrer besten Seite gezeigt und ausgelebt haben. Zum Wohle des Ganzen. Ego gehört dazu, aber nur Ego ist kontraproduktiv. Die Engländer haben von der ersten Minuten an das Tempo vorgegeben und so engagiert-aggressiv gespielt wie erwartet. Das Tempo mussten wir mitgehen und beim Kampf dagegen halten. Aber plötzlich, es gab keinen Plan, nichts war abgesprochen, fing der Ball bei uns an zu laufen. Und dann passierten Dinge, die so nur an diesem Abend und unter diesen Bedingungen passieren konnten. Plötzlich haben wir nicht nur mitgehalten, sondern auch noch den besseren Fußball gespielt.

Frage: "Ramba-Zamba" war in aller Munde, die Latino-Version von "Wenn Franz nach vorne geht, bleibt Günter hinten".

Netzer: Den Begriff hat Gerhard Pietsch von der Bild-Zeitung geprägt, eine griffige Formulierung für ein ganz primitives taktisches Mittel. Ich habe mich kurz mit Franz besprochen, und das war's. Es ging nur um Absicherung. Dass bei seinen Vorstößen einer hinten stand, egal, wie gut der da war. Wir machten das in Gladbach häufig. Meine Gegenspieler hatten ja oft gar kein Interesse, am Spiel teilzunehmen. Die hauten mir nur auf die Socken; nach 75 Minuten habe ich mich oft auf die Position des letzten Mannes zurückgezogen. Mein Gegner folgte mir. So konnte unser Libero Hans-Jürgen Wittkamp nach vorne marschieren, hatte alle Freiheiten und erzielte so manches Tor.

Frage: Ganz so primitiv war "Ramba-Zamba" nun nicht, weil oft auch ein Rhythmuswechsel im Spiel damit verbunden war.

Netzer: Jetzt haben wir den entscheidenden Begriff eingekreist. Rhythmuswechsel. Der Meister des Rhythmuswechsels war Johan Cruyff, der uns leider in diesem Jahr verlassen hat. Johan ging aus dem Stand ab wie eine Rakete und stand genauso unvermittelt wieder still. Wir haben in Wembley als Mannschaft gespürt, dass der Rhythmuswechsel das probate Mittel war, um die nimmermüden Engländer auch mal zu beruhigen und dadurch mürbe zu machen, dass wir Tempo rausnahmen. Das war auch oft meine Diskussion mit Hennes Weisweiler: Immer nur rauf und runter in hohem Tempo, darauf kann sich der Gegner zu leicht einstellen.

Frage: Wie war die Stimmung in der Kabine zur Halbzeit?

Netzer: Ich kann mich an nichts erinnern. Wie stand es denn da?

Seite 1: Netzer über seinen Pessimismus, Mythos Wembley und Ramba-Zamba

Seite 2: Netzer über sein Elfmetertor, die historische Dimension und Weisweiler

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