Spanien im schleichenden Umbruch

Wenn aus der Furie die Kaputte wird

Donnerstag, 03.09.2015 | 17:23 Uhr
Spaniens Trainer Vicente del Bosque muss sich einiger Kritik erwehren
© getty
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Spanien sucht seit dem Aus bei der WM 2014 nach positiven Ansätzen. Der Umbruch verläuft schleichend und den Medien vor allem zu langsam. Trainer Vicente del Bosque hat noch einige Arbeit vor sich.

Es gibt Tage, da läuft nicht viel zusammen. Der 9. Oktober 2014 war so einer für die spanische Nationalmannschaft. Das Team von Vicente del Bosque verlor mit 1:2 gegen die Slowakei. Ein flatternder Freistoß und eine Flanke kurz vor Spielende besiegelten die Niederlage und Platz zwei in der EM-Quali-Gruppe hinter dem eben siegreichen Rivalen.

Es sind so Tage wie diese, an denen manchem Spanier der Kragen platzt. Die Gelassenheit, die Verband und Trainerteam Tag für Tag vorleben und predigen, überträgt sich in erfolgreichen Zeiten schnell auf das Umfeld. An schlechten Tagen, an Tagen, wie diesem 9. Oktober, wirkt es manchmal wie eine Farce.

Aus Gelassenheit wird Sturheit, aus Stoa wird Engstirnigkeit. "So ist halt Fußball", sagte Vicente del Bosque. "Spanien macht sich lächerlich", titel die AS. Die Furia Roja hat auch nach über einem Jahr die Weltmeisterschaft 2014 und das peinliche Scheitern in der Gruppenphase nicht verdaut.

Neun Weltmeister im Kader

Alles langsam machen wollte man beim RFEF. Nicht den Trainer austauschen, nicht jeden verdienten Spieler direkt vor die Tür setzen. Etwas mehr als 28 Jahre alt war der Kader im Schnitt in Brasilien, ziemlich genau 26 Jahre sind es jetzt ein Jahr später. Neun Weltmeister von 2010 stehen noch immer im nominierten Kader für die bevorstehenden Spiele gegen die Slowakei und Mazedonien.

"Wir müssen jetzt nach neuen Spielern suchen. Spanien muss nicht vieles ändern, wir müssen nur weiter auf dem aufbauen, was bereits erreicht wurde", hatte der Coach im November versucht, die Gemüter zu beruhigen. Er hielt sein Wort. 15 neue Spieler durften das rote Trikot überstreifen, wirklich nachhaltig überzeugen konnte kaum jemand.

Am Ende sind es doch immer die gleichen Gesichter, die del Bosque auf den Platz schickt. Iker Casillas, Gerard Pique, Sergio Ramos, David Silva, Cesc Fabregas, Pedro oder Andres Iniesta. Alles Spieler, die schon 2010 für Spanien spielten und die erfolgreichste Phase des Landes mitgestalteten.

Bernat hat sich etabliert

Die Neuen, das sind Namen aus Valencia, aus Sevilla oder Bilbao. Mikel San Jose und Ander Iturraspe durften kurz in Innenverteidigung und zentralem Mittelfeld ran, für eine erneute Berufung hat es nicht gereicht. Die beiden Basken sind nur zwei Spieler von vielen, allerdings auch zwei von vielen Fehlschlägen.

Von den 15 neuen Spielern seit der WM hat nur einer über fünf Einsätze verbucht. Juan Bernat vom FC Bayern München kommt auf sechs Spiele für die Nationalmannschaft und darf auch dieses Mal wieder mitwirken. Andere dagegen wurden angetestet, heiß gemacht und wieder fallen gelassen.

Da wäre Munir El Haddadi, da wäre Rodrigo, da wäre Kiko Casilla. Oder Aleix Vidal. Oder Juanmi. Alle feierten ihr Debüt, sammelten einige Minuten und wurden nicht wieder berücksichtigt. Del Bosques Kommentar: "Wir haben gute, junge Spieler, deshalb müssen wir angesichts der Zukunft gelassen bleiben." Kurz gesagt: Die Qualität reicht noch nicht, wir warten.

"Anstiftung zum Hass"

Gelassen bleiben ist leicht gesagt zu einer Nation, die in den letzten Jahren von ihrer Mannschaft regelrecht verwöhnt wurde. Spanien hat begeistert, wunderschönen Fußball gespielt und drei Titel in drei aufeinanderfolgenden Turnieren gesammelt. Für El Pais ist aus La Roja schon La Rota (Die Kaputte) geworden.

Die Stimmung ist dabei zu kippen, der Kredit zumindest ausgereizt. "Es gibt eine große Anstiftung zum Hass in manchen Medien. Das nervt mich und macht mich sauer", sagte del Bosque vor kurzem in einem seltenen Moment emotionaler Regung.

Sprach man früher noch von zwei Lagern, die das Nationalteam trennten, Real Madrid und dem FC Barcelona, sind die beiden Klubs lange nicht mehr so dominant vertreten, wie noch vor einigen Jahren. Gerard Pique wurde dennoch in der Hauptstadt gnadenlos ausgepfiffen, weil er bei der Meisterfeier seiner Katalanen über Cristiano Ronaldo witzelte.

Pfiffe für Gerard Pique

"Wer einen Nationalspieler auspfeift, pfeift die ganze Mannschaft aus", forcierte del Bosque im Anschluss einen neuen Versuch, Land und Mannschaft wieder zu einen. Ein schwieriges Vorhaben, wenn sich gleichzeitig Verband und Liga streiten. Die spanische Saison läuft länger als in England oder Deutschland, die Vorbereitung auf die EM 2016 wird durch wenig Erholung empfindlich eingeschränkt.

Wieder so ein Fall, in dem del Bosque moderieren muss, aber langsam die Geduld verliert: "Es denkt niemand mehr an Spanien und seine Nationalmannschaft. Ich habe das Gefühl, dass unsere Interessen nicht mehr berücksichtigt werden." Unlängst entschied sich der inzwischen 64-Jährige, nach der EM 2016 in Frankreich sein Amt niederzulegen.

Bis dahin gilt es allerdings noch mehr Probleme zu bereinigen. Die Probleme neben dem Platz wird es immer geben in Spanien, dafür sind die letzten Erfolge zu groß gewesen. Sie würden verstummen, würde die Seleccion ihrem Ruf gerecht. Angesichts der letzten Ergebnisse jedoch ein Wunschtraum.

Ballbesitz zum Ball besitzen

Leicht ist es nie, wenn man gegen Gegner spielt, die von Anfang an darauf aus sind, die Tore zu verhindern. Doch momentan geht die Leichtigkeit ab, der Spaß daran, den Ball laufen zu lassen, Lücken aufzureißen, zu kommen und zu gehen. Der Ballbesitz scheint zum Zweck geworden, er läuft von links nach rechts und von recht nach links, aber nur noch selten in die Tiefe. Haben wir den Ball, können die Gegner keinen Tor schießen.

Neue Spieler sind dazugekommen, echte Dribbler oder Spieler für das offensive Eins gegen Eins haben sich noch nicht etabliert. Isco wäre so ein Mann, dazu Vitolo vom FC Sevilla. Einen einzigen Startelfeinsatz haben sie zusammen bisher verbucht. Dabei könnten sie gegen tiefstehende, kompakte Gegner Lücken reißen, die der reine Ballbesitz nicht aufbekommt.

Del Bosque hat seinen Coachingstil auffällig angepasst. Früher oft wie ein General mit verschränkten Armen auf dem Rücken beobachtend, unterbricht er inzwischen häufiger. Er fegt für seine Verhältnisse regelrecht auf den Platz, gestikuliert wild mit den Armen und leitete zuletzt sogar das Aufwärmen selbst.

Nach der Niederlage gegen die Niederlande redete er volle sieben Minuten auf die Mannschaft ein - Wasser auf die Mühlen derer, die eine Motivationsschwäche ausgemacht haben.

Die Spieler seien satt, hätten zu viel erlebt, zu viel gesehen. Iker Casillas ist einer der ersten, dessen Namen in diesem Zusammenhang fällt. Angesichts der schwierigen Torhütersituation hat der Porto-Keeper seinen Platz aber weiterhin sicher - trotz mancher Wackler. David de Gea sitzt in Manchester auf der Tribüne, Sergio Rico in Sevilla auf der Bank. Sie sind Torhüter Nummer zwei und drei von del Bosque.

X-Faktor Costa

Und dann ist da noch das Problem Diego Costa. Ein genialer Stürmer, jemand, der Bälle festmachen kann, wie kaum ein Zweiter. Aber gefragt ist das mit seinen spanischen Teamkollegen im Rücken nur selten: "Wir haben ihn aus sportlichen Gründen eingeladen, aber sind von bisher gezeigten Leistungen nicht überzeugt. Er spielt in London auf einem anderen Niveau."

Vor der Revanche am am Samstag gegen die Slowakei (20.45 Uhr im LIVETICKER) droht einmal mehr die Bank. Paco Alcacer, einer derer, die das umfangreich angelegte Scouting des Nationaltrainers überstanden haben, nahm seinem Konkurrenten in den letzten Versuchen Stück für Stück die Einsatzzeiten ab.

Auf den 9. Oktober datiert der letzte Startelf-Einsatz des Chelsea-Stürmers Costa. Seine nennenswerteste Aktion war eine Gelbe Karte in der Nachspielzeit. Eben ein Tag, an dem es einfach nicht lief. Dieses Mal muss es laufen, soll es nicht noch ein Stückchen unangenehmer werden.

Die EM-Quali in der Übersicht

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