Stoppt das Murmeltier!

Sonntag, 06.09.2015 | 18:50 Uhr
Schottlands Nationalcoach Gordon Strachan spielte als Aktiver u.a. für Aberdeen und ManUnited
© getty
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Schottland droht erneut die Zuschauerrolle bei einem großen Turnier, Geschichte scheint sich zu wiederholen. Dabei zeigten die Schotten unter Trainer Gordon Strachan gute Ansätze. Doch auch um ihn haben vor dem Duell mit Deutschland (Mo., 20.45 Uhr im LIVETICKER) die Diskussionen begonnen.

Wenn es um Wortspiele geht, macht der britischen Presse so schnell keiner was vor. In dieser Kategorie verstehen die Briten ihr Handwerk. Und so hatte die schottische Ausgabe der Sun am Freitagabend in ihrer Online-Ausgabe auch gleich die passende Schlagzeile zur Hand.

"Terribilisi " titelte das Boulevardblatt nach der 0:1-Niederlage der schottischen Nationalmannschaft gegen Georgien in Tiflis (englisch: Tbilisi).

Aus Sicht der Schotten war es tatsächlich ein schrecklicher Abend. Eine seltsam träge Mannschaftsleistung mit viel zu passivem Zweikampfverhalten wie vor dem Gegentor und offensiver Ratlosigkeit. Vier Torschüsse gaben die Schotten in 90 Minuten nur ab, keiner davon kam auf den Kasten.

Plötzlich ist Schottland nur noch Vierter. Und mindestens so sehr wie die Niederlage in Georgien schmerzen die Schotten in der Gesamtbetrachtung der Gruppe die Punktgewinne der Polen und Iren gegen Deutschland. Um zumindest den Anschluss an Irland nicht zu verlieren, sollten auch die Schotten selbst gegen den Weltmeister punkten.

Alle guten Ansätze verpufft

Aber nicht wenige hatten das Unheil schon kommen sehen. Den Zweiflern wurde beim Gedanken an ein möglicherweise entscheidendes "Must-win-game" in Georgien schon ganz schummrig. Es ist gerade mal acht Jahre her, da waren die Schotten unter Trainer Alex McLeish auf dem besten Weg zur EM 2008 - und das in einer Qualifikationsgruppe mit Italien und Frankreich. Aber dann kam dieser Abend in Tiflis: 0:2. Ein Sieg hätte gereicht und die Niederlage im abschließenden Spiel gegen Italien wäre bedeutungslos geblieben.

Auch die Georgier hatten sich an diesen Tag erinnert und am Freitag ein Transparent mit dem Ergebnis und den Torschützen von damals aufgehängt. Dieses Mal wurde Valeri Kazaishvili zum Party-Crasher der Tartan Army.

Der Herald rief sogleich den "Murmeltiertag" aus und sah die Chancen auf die erste EM-Endrundenteilnahme seit 1996 in weite Ferne gerückt. Die Zeitung stellte die Frage, ob diese Niederlage nicht sogar auf eine tiefer sitzende mentale Blockade zurückgehe. Auf jeden Fall wären all die guten Ansätze, die das Team unter Trainer Gordon Strachan in der ersten Hälfte dieser Qualifikationsrunde gezeigt hatte, "in der warmen Luft dieser konfliktreichen Ecke im Kaukasus verpufft". Das tapfere, neue Schottland habe sich zur Enttäuschung aller als das alte herausgestellt.

"In Gord we trust"

Das neue Schottland. Nach der verpassten EM-Qualifikation waren die Schotten über die Jahre unter Craig Levein zu grantigen Zerstörern verkommen. Der ehemalige Verteidiger Levein schickte sein Team in der Endphase seiner Amtszeit in einem ultradefensiven 4-6-0 auf den Platz und brachte so auch die eigentlich so treue Anhängerschaft gegen sich auf. Diese reagierte mit einem Banner: "In Gord we trust".

Wie gewünscht übernahm Gordon Strachan, der zuvor mit Celtic Glasgow Erfolge gefeiert hatte. Strachan erlebte und prägte auch die letzte goldene Zeit des schottischen Fußballs in den 80er Jahren, als er als Spieler 1983 unter Alex Ferguson mit dem FC Aberdeen den Europapokal der Pokalsieger gewann und mit der schottischen Nationalelf bei der WM 1986 trotz des Ausscheidens in der Vorrunde für Aufsehen sorgte.

Strachan krempelte das Team um, baute junge Spieler ein wie Ikechi Anya, der im Hinspiel in Dortmund den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielte, und gab seinen Jungs das Vertrauen in ihre fußballerischen Qualitäten zurück. Frei nach dem Motto: Hey, ihr seid Nationalspieler, also nehmt auch den Ball und spielt damit. Der Coach vertraut dabei meistens auf eine 4-2-3-1-Grundformation, in deren Interpretation er seinen Spielern aber große Freiheit lässt.

Medien und Ex-Starspieler waren begeistert. "Sie spielen aufregenden Fußball und schießen Tore, die man sehen will", sagte Schottlands Legende Denis Law. "Gordon hat Vertrauen in die Intelligenz seiner Spieler", sagte Pat Nevin. Der ehemalige Flügelstürmer Nevin, der schon während seiner Karriere nicht dem Stereotyp des klassischen Fußballers entsprach, verglich Strachan sogar mit Jose Mourinho. Die Art, wie Strachan in der Öffentlichkeit auftrete und Botschaften an die Mannschaft und die Fans aussende, ähnele dem Portugiesen.

Strachans Sprüche genießen Kultstatus

Der 58-jährige Strachan steht Mourinho und seinem Lehrmeister Ferguson im Umgang mit den Medien auch in nichts nach. Seine Sprüche besitzen auf der Insel Kultstatus. Als ihn ein Reporter einst auf ein "quick word" bat, sagte Strachan "velocity" (Geschwindigkeit") und ging.

Auf die Frage, wie es mit einem Transfer von Agustin Delgado aussehe, sagte er als Celtic-Trainer: "Ich habe wichtigere Dinge zu tun. Ich muss meinen Joghurt verputzen, dessen Haltbarkeitsdatum läuft heute ab."

Auch aktuell strahlt Strachan eine Seelenruhe aus und will sich von der Schwarzmalerei der Medien nicht anstecken lassen. Zwar sei das Spiel in Georgien keine gute Leistung gewesen, aber man dürfe das große Endziel nicht aus den Augen verloren.

"Ich habe in meiner über 40-jährigen Karriere gelernt, dass nie alles glatt läuft. Der Weg zum Ziel ist oft holprig", sagte Strachan. "Wir haben einen Rückschlag erlitten und damit müssen wir jetzt klarkommen." Er habe aber noch wie vor vollstes Vertrauen in seine Spieler.

Der Zauber des Hampden Parks

Doch ausgerechnet jetzt kommt der Weltmeister, der beim 3:1-Sieg über Polen nach einem etwas schwächeren Länderspieljahr aufsteigende Form zeigte. "Wir werden eine herausragende Leistung brauchen, um Punkte zu holen", sagte Strachan.

Die Schotten vertrauen dabei auch auf den Zauber des Hampden Parks. Im Nationalstadion im Glasgower Süden haben die Schotten der einen oder anderen großen Nation schon ein Bein stellen können. "Dort haben wir gegen Frankreich, Holland und Italien gute Ergebnisse erzielt und auch gegen Deutschland unentschieden gespielt", sagte Leigh Griffiths. Das war allerdings 2003.

An der Personalie Griffiths entzündeten sich in Georgien auch einige Diskussionen. Strachan brachte den treffsicheren Angreifer von Celtic erst 15 Minuten vor Ende. Viel zu spät für viele Beobachter. Ob er gegen die DFB-Elf von Beginn an auflaufen darf, ist offen. Griffiths hat zumindest seine Chance eingefordert und Selbstvertrauen bewiesen. "Ich sehe keinen Grund, warum wir die Deutschen nicht schlagen können sollen."

Dann bestünde weiterhin die Möglichkeit, dass sich die Geschichte von 2007 nicht wiederholt und das Murmeltier nur einen kurzen Auftritt hatte.

Die schottische Nationalmannschaft im Überblick

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