Fussball

Holzfäller Gnadenlos

Von Oliver Mehring
Derzeit ist Grzegorz Krychowiak mit Polen auf dem Weg zur EURO 2016
© getty

Als Soldatensohn zeichnete Grzegorz Krychowiak schon immer ein besonderer Kampfgeist aus. Der Frankreich-Liebhaber grätschte letzte Saison den FC Sevilla zum Europa-League-Titel und spielt nun mit einem hungrigen polnischen Nationalteam um ein EM-Ticket. Gegen Deutschland (Fr., 20.45 Uhr im LIVETICKER) setzt der Dauerläufer, der bereits Cristiano Ronaldo das Fürchten lehrte, auf die breite Unterstützung aus der Heimat.

Sie stehen in der Gunst der Fußballfans zumeist ganz oben: Die filigranen Techniker, die mit einer Körpertäuschung eine ganze Hintermannschaft aushebeln oder mit einem Kunstschuss ein Stadion in Ekstase versetzen können. Alleine in Spanien tobt seit Jahren das Duell zweier Protagonisten, die sich mit ihren Kunsteinlagen jährlich um den Titel des besten Spielers des Planeten streiten und selbst bei gefestigten Verteidigungslinien regelmäßig für kollektive Schnappatmung sorgen.

Doch dann gibt es auch Spieler wie Grzegorz Krychowiak. Der großgewachsene Pole ist so etwas wie die dauerlaufende Antithese zu Cristiano Ronaldo und Leo Messi. Ein brutaler Mittelfeldsauger, der weder sich noch dem Gegner eine Sekunde im Schongang erlaubt und inzwischen ebenfalls eine Marke im spanischen Fußball ist. Bereits in Krychowiaks erstem Pflichtspiel für Sevilla hatte einer der beiden Weltfußballer eine eindringliche Begegnung mit dem nimmermüden Ehrgeizling.

Ronaldo spürt die Konsequenz

Tatort Cardiff, UEFA Supercup-Finale 2014: Real Madrid führt bereits mit 2:0 als Cristiano Ronaldo in der 82. Minute mit einem Pass in die Tiefe in Richtung Strafraum geschickt wird. Der flinke Portugiese ist schon gedanklich mit dem Abschluss beschäftigt, da kommt Krychowiak von hinten angerauscht.

Die anschließende Grätsche des heute 26-Jährigen hat eine solche Wucht, dass CR7 gegen den nächststehenden Sevilla-Verteidiger kracht und erstmal benommen liegen bleibt. Krychowiak hat sich bei dieser Aktion ebenfalls verletzt, marschiert aber zunächst im Humpelgang Richtung Mittelfeld, um die Kugel auf alle Fälle in Sicherheit zu wissen.

Solch eine Aktion - auch bei aussichtslosem Rückstand - steht sinnbildlich für die Tugenden des polnischen Nationalspielers. Mit langen Schritten jagt der nimmermüde Kettenhund seine Gegner über das Grün und setzt bei Bedarf auch zu einer rustikalen, aber zumeist effektiven Grätsche an - ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Attitüde erlernte der aktuelle Europa-League-Sieger im ehemaligen Militärstädtchen Mrzezyno, das in den 1990er-Jahren aus kaum mehr als einer Warnschranke, einem Wachhäuschen und Wohnhäusern für die Militärfamilien bestand.

Ein sportliches Multitalent

Dort hatte sich Vater und Berufssoldat Edward Krychowiak mit seiner Familie niedergelassen, nachdem der kleine Grzegorz am 29. Januar 1990 in Gryfice rund 80 Kilometer vor der deutschen Grenze geboren wurde. Dank seiner Geschwister kam der aufgeweckte Junge bereits früh mit diversen Sportarten in Kontakt und war in der Jugend neben dem Fußball auch ein erfolgreicher Leichtathlet und Handballspieler.

Seine außergewöhnliche Athletik beeindruckte damals schon Krychowiaks Jugendtrainer Tomasz Jechna: "Er war körperlich außerordentlich begabt. Mit 13 Jahren hätte er auch bei den 16-Jährigen spielen können." Deshalb wollte sich der Junge auch nicht so recht auf eine Sportart festlegen.

Es ist schließlich Bruder Krzystof zu verdanken, dass Grzegorz dem Fußball erhalten blieb. Er drängte den Teenager immer wieder zum Training, bis dieser schließlich in der Jugend des polnischen Erstligisten Arka Gdynia landete. Durch die gleichzeitige Präsenz in der polnischen U15-Nationalmannschaft wurde die Nachwuchsabteilung von Girondins Bordeaux bei einem Länderturnier auf den großgewachsenen Jungspieler aufmerksam.

"Pures Talent"

Damals überzeugte Krychowiak noch im offensiven Mittelfeld: "Er sprang mir sofort ins Auge", erklärte die polnische Jugendtrainer-Legende Michael Globisz. "Er spielte damals viel offensiver, aber was man bei ihm sehen konnte, war pures Talent." Durch die Kontakte von Ex-Stürmerstar Andrzej Szarmach landete Krychowiak schließlich in Frankreich.

Der damals 16-Jährige fand in der topausgestatten Jugend der Franzosen völlig ungewohnte Trainingsbedingungen wieder. Perfekt getrimmte Rasen, kurze Wege und eine Rundumbetreuung. Zuvor war Krychowiak durch eine deutlich härte Schule gegangen und hatte keine Probleme, sich in der Weinmetropole zurechtzufinden. Er durchlebte, verbunden mit einem weiteren Wachstumsschub, eine solche Leistungsexplosion, dass der Mittelfeldmotor bereits mit 17 bei der U20-WM in Kanada auflief - nur Keeper Wojciech Szczesny war damals jünger.

Da es bei den Profis von Bordeaux zunächst keinen Platz für das Talent gab, verschlug es den Youngster auf der Suche nach dem endgültigen Durchbruch auf eine Ausleih-Tour durch die französische Republik.

Du wunderschönes Frankreich

Es folgten ein zweijähriges Engagement bei Stade Reims und eine anschließende Zwischenstation beim FC Nantes. Schließlich verkaufte Bordeaux den mittlerweile 22-Jährigen endgültig nach Reims. Die Zeit sollte sich im Nachhinein als absoluter Glücksfall für den Polen herausstellen.

"Frankreich ist meine zweite Heimat. Hier hat meine Profikarriere begonnen, hier habe ich mein Studium abgeschlossen, meine Verlobte kennengelernt und in der Ligue 1 gespielt," erklärte ein begeisterter Krychowiak erst kürzlich. Dazu wurde die Kämpfernatur kurzerhand ins defensive Mittelfeld beordert und konnte seine phänomenale Athletik, gepaart mit einem überdurchschnittlichen Stellungspiel, perfekt zur Geltung bringen.

Der Holzfäller wird geboren

70 Spiele lang machte 'Le Bucheron' (franz. der Holzfäller), wie er wegen seiner präzisen und konsequenten Grätschen getauft wurde, die französische Eliteklasse unsicher und wuchs parallel zu einer festen Größe im polnischen Nationalteam heran. Diese Entwicklung rief im vergangen Sommer den FC Sevilla auf den Plan.

Auch in Andalusien war von einem Fehlstart keine Spur und die Fans lernten in eben jenem Supercup die Qualitäten ihres neuen Ein-Mann-Aufräumkommandos kennen. Ähnliche Aktionen bekamen inzwischen fast alle Ballkünstler in der Primera Division zu spüren, die sich nicht schnell genug von ihrem Ball trennen wollen.

Iron Man lässt staunen

In Spanien erarbeitete er sich außerdem schnell den Ruf als "Iron Man", da Krychowiak auch nicht mit Rippen- oder Jochbeinbrüchen den Platz verlassen will. "Ich habe selten einen Spieler trainiert, der für seinem Coach über solche Schmerzgrenzen hinaus geht", sagt Vereinscoach Unai Emery

Mit Emery und dem FC Sevilla marschierte Krychowiak schließlich durch die Europa League und räumte dabei unter anderem die Borussia aus Gladbach aus dem Weg. Im Tandem mit Stephane M'bia sorgte der Pole für die nötige Balance im Spiel und erzielte beim großen Triumph ausgerechnet in der polnischen Hauptstadt Warschau einen Finaltreffer.

Die EM als Traum

Nicht nur davon hatte er Monate zuvor in einem Interview laut geträumt, auf die kommende Europameisterschaft ist der Pole besonders heiß: "Einer meiner größten Träume ist, mit meiner Nationalmannschaft für die EURO 2016 nach Frankreich zurückzukehren." Das ist nicht erst seit dem 2:0-Hinspielsieg gegen Deutschland ein realistisches Ziel für die Weißen Adler.

Seit der missglückten Heim-EM baut Polen um den Mittelfeldmotor und Superstar Robert Lewandowski eine hungrige Truppe auf, die momentan die Gruppe D noch vor Deutschland anführt. Mit vielversprechenden Talenten wie Ajax-Stürmer Arkadiusz Milik oder Spielmacher-Talent Piotr Zielinski vom FC Empoli in der Hinterhand.

In Frankfurt setzt Krychowiak außerdem auf den zwölften Mann: "Wir bauen auf die Unterstützung der Fans. Obwohl das Spiel auswärts stattfindet, zählen wir auf einen ähnlichen Rückhalt wie in Warschau. Als wir damals gegen Deutschland in der 80. Minute in Führung gegangen sind, haben uns die Fans zum zweiten Tor und schließlich zum Sieg verholfen."

Grzegorz Krychowiak im Steckbrief

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