Freitag, 10.10.2014

EM-Quali: Spaniens historische Pleite

Weiter nichts passiert

Die spanische Nationalmannschaft verliert gegen die Slowakei erstmals seit 2006 wieder ein Quali-Spiel. Dennoch weigert sich Vicente del Bosque auch weiterhin, eine Krise zu erkennen.

Iker Casillas ist weit von seiner Topform entfernt
© getty
Iker Casillas ist weit von seiner Topform entfernt

Ein bisschen erinnerte die spanische Nationalmannschaft in der Slowakei an einen Stier. Nicht, weil sie die Muskeln spielen ließen, und schon gar nicht aufgrund des furchteinflößenden Auftritts. Sondern vielmehr an einen angestachelten Stier, der mit Tunnelblick einem Ziel hinterherjagt.

Ob es nun das wiederholte Scheitern an einem gut organisierten, tiefen Mittelfeldpressing ist, das Festhalten an alten, aber schon lange wackligen Größen wie Iker Casillas oder Raul Albiol sowie an Stürmer Diego Costa, der in der Nationalmannschaft weiter bei null Toren in sechs Spielen steht - del Bosque kündigte nach der WM einen Umbau an, zu sehen ist davon noch nicht viel.

Casillas patzt erneut

Denn auch in der EM-Qualifikation setzen sich altbekannte Probleme fort. Es beginnt bei Iker Casillas, der seinen Ruf als San Iker und die lückenlose Rückendeckung in Spanien schon lange eingebüßt hat. Rufe werden erneut laut nach einer Umbesetzung, mit David de Gea präsentierte sich der ärgste Konkurrent zuletzt in Topform.

"Der Ball hat ihn reingelegt", gab Vicente del Bosque knapp seine Meinung zum Freistoßtor von Juraj Kucka ab. Ein mit viel Kraft auf die Mitte des Tores getretener Ball rutschte an Casillas vorbei, als dieser nach rechts fiel. Ein wenig flatterte der Ball vielleicht, dennoch muss das erste Gegentor des Abends in der Kategorie "dicker Patzer" verbucht werden.

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"Keine negative Dynamik"

Dass er wenige Minuten zuvor eine klasse Parade gezeigt hatte und damit den noch früheren Rückstand vereitelte, war dann spätestens beim zweiten Gegentor vergessen. Ein einfacher Doppelpass über die rechte Seite reichte aus, um Vladimir Weiss flanken zu lassen. Der eingewechselte Miroslav Stoch konnte beinahe ungestört einköpfen. Diesmal musste sich nicht nur Casillas an die eigene Nase fassen, sondern die gesammelte Abwehrreihe.

Der Trainer will dennoch nichts wissen von einer Krise. "Ich glaube nicht, dass sich eine negative Dynamik entwickelt hat. Im letzten Spiel haben wir fünf Tore geschossen, heute hatten wir uns ein Unentschieden verdient", blieb er gewohnt gelassen - manche würden es inzwischen vielleicht auch als engstirnig, stoisch und emotionslos bezeichnen.

Harmlosigkeit trotz Dominanz

Zwar geben die Statistiken dem Trainer recht, wenn er von einem verdienten Unentschieden spricht, doch muss auch anerkannt werden, dass sich bisher wenig geändert hat an alten Problemfeldern, die schon seit vor der WM 2014 existieren. Der Coach verweist auf die letzten Jahre: "Wir haben 28 Quali-Spiele ohne Niederlage hinter uns, wir haben nicht verloren, der Gegner hat nur tugendhaft gespielt."

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Verloren hat man aber tatsächlich. Denn über 60 Prozent Ballbesitz, 20 Schüsse Richtung Tor und beinahe 20 Ecken reichten nicht aus, um mehr als ein Tor zu erzielen.

Mit David Silva, Cesc Fabregas und Andres Iniesta hatte er eine offensive Dreierreihe hinter Diego Costa aufgeboten, die allesamt den Ball halten, sich nach innen bewegen und nur im Extremfall abschließen. Echte Großchancen erspielte man sich aber nicht, weil besonders Martin Skrtel die Defensive der Gastgeber besten beisammen hielt.

Costa hängt in der Luft

Die verhältnismäßig frühen Einwechslungen von Pedro und Santi Cazorla sollten dem entgegenwirken, verengten das Feld jedoch nur zusätzlich, weil del Bosque sich dazu entschied gleich zwei Defensivspieler auszuwechseln. Diego Costa war im Sturmzentrum fortan kaum mehr anzuspielen, weil gleich drei Slowaken ihm auf den Füßen standen.

Der unauffällige Iniesta brachte es anschließend auf den Punkt: "Am Ende geht es beim Fußball um die Differenz der Tore. Es gilt jetzt alles dafür zu tun, damit das nicht noch einmal passiert." Wie man das anstellen will, wird sich wohl frühestens gegen Deutschland zeigen, bis dahin warten noch Luxemburg und Mazedonien.

Gerade die beiden Fußballzwerge könnten zum richtigen Moment zum Experimentieren einladen. Lösungen finden gegen tief gestaffelte Mannschaften, das wird in den nächsten Spielen auf dem Plan stehen. Diego Costa ist ein Spieler, der Platz braucht, den er im typischen Ballbesitzfußball im letzten Drittel nicht hat. Was er bei Chelsea so exzellent löst, das Bälle halten, weiterleiten und selbst wieder in die Spitze stoßen, ist mit der Furia Roja nicht gefragt. 448 Minuten ist er nun schon ohne Tor.

"Es wird alles gut"

Valencias Stürmer Paco Alcacer zeigte in seinen zehn Minuten mehr als der Chelsea-Star über die volle Spielzeit. Er passt eher in das System mit wenig Platz, mit vielen Aktionen am Ball und Ausweichbewegungen aus dem Strafraum heraus, um dann mit Tempo wieder hineinzustoßen. So geschehen beim kurzfristigen Ausgleich, als er eine Alba-Flanke zum 1:1 verwandelte.

"Intelligenter sein im Angriff", forderte del Bosque nach der Partie, dennoch sei er "zufrieden" mit dem, was Diego Costa abgeliefert habe. "Niemandem gefällt es zu verlieren, klar. Aber wir dürfen jetzt nicht über die Spieler klagen, sie haben bis zur letzten Minute gekämpft."

So bleibt vorerst alles beim Alten, Alcacer und Juanfran lieferten nach dem Spiel die Zusammenfassung der Dinge, wie man sie in Spanien auffasst: "Der gegnerische Torwart hatte einfach einen herausragenden Tag" und: "Wir müssen ruhig bleiben. Am Sonntag wird alles gut."

Die EM-Quali in der Übersicht

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