Donnerstag, 03.05.2012

Frankreich in der Taktikanalyse

Endlich wieder eine echte Equipe

Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ist in diesem Sommer das große Highlight des Fußball-Jahres. SPOX befasst sich im Vorfeld der Endrunde intensiv mit den Teilnehmern und liefert zu den Top-Nationen eine umfassende Analyse. In Teil drei der Serie steht Frankreich im Fokus. In nicht einmal zwei Jahren hat Trainer Laurent Blanc die Equipe Tricolore wieder auf Kurs bekommen. Das Prunkstück Frankreichs ist die Defensive. Bei eigenem Ballbesitz hat die Blanc-Elf eine spezielle Vorliebe.

Frankreich gehört bei der EM 2012 zu den Geheimfavoriten auf den Titel
© spox
Frankreich gehört bei der EM 2012 zu den Geheimfavoriten auf den Titel

Frankreich war eine der großen Enttäuschungen der WM 2010 in Südafrika. 2006 war die Equipe Tricolore noch Vize-Weltmeister geworden, vier Jahre später präsentierte sich das Team auf und außerhalb des Platzes in einem erschreckenden Zustand. Der Hauptschuldige war schnell ausgemacht: Coach Raymond Domenech.

Nach dem WM-Desaster musste der 50-Jährige seinen Platz für Laurent Blanc räumen. Der Weltmeister von 1998 sollte aus einem zerstrittenen Haufen von Egoisten wieder eine echte Equipe formen, die mittelfristig in der Lage ist, an die erfolgreichen Zeiten anzuknüpfen. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren ist ihm das gelungen.

Das französische Team zählt bei der anstehenden EM hinter den Titelanwärtern Spanien, Deutschland und Holland immerhin wieder zum Kreis der Geheimfavoriten. Der Grund ist denkbar einfach: Blanc hat es verstanden, ein funktionierendes Gesamtgebilde zu kreieren, ohne dabei die individuellen Qualitäten zu vernachlässigen - im Spiel mit dem Ball wie auch im Spiel gegen den Ball.

Das Spiel ohne Ball

Frankreichs Defensivverhalten ist zweifellos das Prunkstück der Blanc-Elf. Seit der 46-Jährige die Mannschaft übernommen hat, haben Les Bleus in 20 Partien nur einmal mehr als ein Gegentor kassiert: im ersten Spiel nach Domenech.

In den restlichen Begegnungen blieb man elfmal ohne Gegentor, kassierte in der EM-Quali nur vier Treffer und im gesamten Jahr 2011 nur fünf. Zuletzt bewies Frankreich beim 2:1-Sieg in Deutschland, dass die eigene Defensive auch einer der stärksten Offensiven der Welt standhalten kann.

Was zeichnet das französische Defensivverhalten aus? Warum ist die Equipe Tricolore so schwer zu überwinden? Es sind gleich eine Reihe von Gründen, die Frankreich so erfolgreich machen.

Die Qualität der Verteidigung: Oberste Maxime ist: Jeder nimmt am Spiel gegen den Ball teil. Keiner darf sich zu schade sein, Defensivarbeit zu leisten. Die Sicherung des eigenen Tores geht über Aktionen in der Offensive. Heißt: Frankreich hat bei gegnerischem Ballbesitz quasi elf Verteidiger auf dem Platz - die sich in ihren Fähigkeiten ideal ergänzen.

In der Offensive (vor allem Mittelfeld-Dreierreihe) ist Frankreich fast durchweg mit Spielern besetzt, die zwar keine klassischen Balleroberer sind, es aber verstehen, dem gegnerischen Spielaufbau keine Verschnaufpausen zu gönnen.

Soll heißen: Die Dreierreihe (im bevorzugten 4-2-3-1) mit wendigen Typen wie Nasri, Valbuena oder Ribery kann den Gegner über einen längeren Zeitraum hartnäckig mit Tempo unter Druck setzen, ist dank des tiefen Körperschwerpunktes der Spieler in der Lage, viele Richtungswechsel mitzugehen und damit perfekt geeignet dafür, kontinuierlich Passwege zu schließen und dem Gegner das Vordringen in die französische Hälfte extrem zu erschweren.

Dahinter hat Blanc eine Doppelsechs installiert, deren Aufgabe es ist, vor der Abwehr kompromisslos abzuräumen, Löcher zu stopfen und den Gegner mit aggressivem Zweikampfverhalten zu empfangen. Zuletzt setzte Blanc dort bevorzugt auf das Duo Yohan Cabaye und Yann M'Vila, denen zwar (noch) die spielerische Eleganz abgeht, die allerdings mit ihrer Art gegen den Ball zu spielen eine passende Ergänzung zu den flinken Verteidigern in der französischen Offensivreihe sind.

Teil 2: Das Pressing und die Kettenreaktion

Teil 3: Die Vorliebe für Tempo und Tiefe

Teil 4: Die Besonderheiten

Daniel Börlein

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