Das Glück mit den Dingemachern

Von Für SPOX bei der EM: Stefan Rommel
Samstag, 23.06.2012 | 15:47 Uhr
Miroslav Klose (Nummer 11) und Marco Reus (2.v.l.) standen gegen Griechenland in der Startelf
© Getty
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Joachim Löw riskiert gegen die Griechen viel - und gewinnt fast alles. Der Bundestrainer hat spätestens jetzt das vollste Vertrauen seiner Spieler und eine Mannschaft, die absolut unberechenbar scheint.

Mit dem Zahlenwerk war das ja zuletzt so eine Sache. Schuld daran war unter anderem der FC Chelsea, der sich in seinen letzten drei Spielen in der Champions League trotz teilweise grotesker Unterlegenheit gegen den FC Barcelona und den FC Bayern München durchsetzen konnte und damit die Vorgaben des modernen Fußballs ein wenig ins Wanken brachte.

Als sich die deutsche Nationalmannschaft neulich den Viertelfinalgegner Griechenland erspielte, gingen schnell die Warnungen über die Ticker, die Griechen würden wie der FC Chelsea spielen: eingemauert um den eigenen Strafraum, zynisch verteidigend und am Ende womöglich auch "ugly winning".

Was die meisten aber offenbar übersehen hatten bei der Behauptung, Chelsea - und demnach auch die Griechen - hätten sich dank ihrer überaus beachtlichen Defensivleistung ihren Erfolg verdient, war aber die Tatsache, dass beide zwar sehr wenige Tore kassiert hatten - aber deswegen noch lange nicht gut verteidigt hatten.

Die effektive Verteidigungsstrategie sieht als ihr oberstes Ziel die Verhinderung gegnerischer Torchancen vor. Wie Inter Mailand vor zwei Jahren unter Jose Mourinho. Aber weder Chelsea in der Champions League, noch die Griechen bei der EM können ernsthaft von sich behaupten, auf diesem Gebiet bahnbrechend erfolgreich gewesen zu sein.

"Wir können stolz sein auf diese Mannschaft"

So fügte sich in Danzig die Statistik zum tatsächlichen Ergebnis. Die deutsche Nationalmannschaft war ihrem Gegner nicht nur in allen relevanten Statistiken turmhoch überlegen, sie gewann auch das Spiel. Zur Illustration gab die UEFA danach ein paar Daten preis, die die deutsche Dominanz bündelten.

71:29 Prozent Ballbesitz, 25:9 Torschüsse, 709:220 Pässe, wobei Deutschland die sehr starke Quote von 92 Prozent Passgenauigkeit hatte. Imponierende Zahlen, die am Ende in ein 4:2 mündeten, das die deutsche Mannschaft zum vierten Mal in Folge ins Semifinale eines großen Turniers führte.

"Ich glaube, wir können stolz sein auf diese Mannschaft", sagte Joachim Löw hinterher. "Das ist schon eine Klasseleistung der Mannschaft, viermal in Folge im Halbfinale zu stehen." Der Bundestrainer nannte den Gegner nachher auch noch eine "kuriose Mannschaft". Dabei hätte er selbiges auch von seiner eigenen Auswahl behaupten können.

Deutschland beherrschte die Griechen fast nach Belieben, wurde dann aber fast schon selbstgefällig und wurde vom ersten gelungenen Angriff des Gegners überrascht. Wie wachgeküsst, besann sich das Team plötzlich wieder und machte dann innerhalb von 13 Minuten alles klar.

Unerklärliche Aussetzer von Badstuber und Schweinsteiger

In die totale Dominanz schlichen sich aber auch immer wieder unerklärliche Aussetzer, gerade von den bisher ziemlich verlässlichen Holger Badstuber und Bastian Schweinsteiger. "Wir waren phasenweise zu leichtsinnig und zu langsam. Das müssen wir im Halbfinale abstellen", erklärte Philipp Lahm.

Schweinsteiger fand überhaupt nicht zu seinem Spiel, musste - oder durfte - aber trotzdem durchspielen. Obwohl sich Löw wegen dessen Fehlern mehrfach furchtbar aufregen musste.

Es gilt für den Bundestrainer, so viel kann man nach vier von maximal sechs zu absolvierenden Partien sagen, folgende Regel: Vom defensiven Mittelfeld an rückwärts wird nichts mehr verändert. Löw will, dass Schweinsteiger bis zum Halbfinale am kommenden Donnerstag in Warschau gegen entweder Italien oder England das Leistungslevel erreicht, das ein Halbfinale einer EM erfordert.

Fast schon trotzig ließ Löw Schweinsteiger auf dem Feld, obwohl sich ein Wechsel förmlich anbot. An seiner Defensivreihe will der Bundestrainer aber nicht mehr rütteln. Dafür wirbelte er in der Offensive umso mehr durcheinander.

"Tag der Veränderungen"

Die Zeit sei reif gewesen für etwas Neues, begründete Löw gleich drei Änderungen auf den vier offensiven Positionen. "Das war der Tag der Veränderungen heute. Ich hatte das Gefühl, nach drei Siegen etwas zu verändern. Es war heute reif", sagte Löw.

Nachdem er in den Spielen zuvor gegen stärkere Gegner als es die Griechen waren dreimal sehr konservativ und im Grunde jeweils gleich gewechselt hatte, baute er nun vor dem Spiel seine Angriffsformation fast komplett um. Einzig Mesut Özil widerstand der Rotation und schwamm sich gegen die Griechen frei. "Mesut Özil hat absolut klasse gespielt. Er ist wahnsinnig weite Wege gegangen. Er hat viele Impulse gesetzt", sagte Löw.

Das Dreiermittelfeld spielte sehr variabel, vor allem Özil und der ebenfalls sehr starke Sami Khedira gingen immer wieder in Angriffsposition, Schweinsteiger reagierte auf seine Unsicherheiten und beschränkte sich zusehends auf die Defensivaufgaben, welche ihm an diesem Abend eher lagen.

Mehr Impulse aus dem Dribbling heraus

Viele intensive Läufe parallel zum gegnerischen Strafraum hatte Löw gefordert und deswegen Marco Reus und Andre Schürrle anstelle von Thomas Müller und Lukas Podolski gebracht. Dazu versprach sich Löw von den beiden Neuen auch mehr Impulse aus dem Dribbling heraus. Riskante Überlegungen, die in großen Teilen auch aufgingen.

Dass die deutsche Mannschaft neben all dem Passgewitter ihre ersten drei Tore auf die altmodische Art erzielte, per Fernschuss, dann nach einer Flanke und zuletzt nach einem Standard, kann getrost als positive Erkenntnis betrachtet werden. Es macht die Mannschaft noch unberechenbarer.

"Wir wussten schon vor dem Turnier, dass jeder von der Bank aus ins Spiel kommen und sein Ding machen kann. Das ist wichtig für diese Mannschaft", sagte Miroslav Klose, einer von drei Dingmachern.

Löw wird für seinen Mut belohnt

Die Chance dafür gab ihnen der Bundestrainer. Dabei war es ein durchaus gewagtes Unterfangen, zwei blutjunge und unerfahrene Spieler wie Reus und Schürrle von Beginn an für die etablierten Podolski und Müller zu bringen.

Löw ging das Risiko ein, ein Scheitern gegen die Griechen wäre für das Wirken in seiner Amtszeit einem mittleren Erdbeben gleich gekommen. Am Ende wurde er für seinen Mut belohnt, wie bisher immer bei diesem Turnier. Sollte es je Zweifel am Schaffen des 52-Jährigen gegeben haben - sie dürften von Spiel zu Spiel weniger werden.

Seine Mannschaft jedenfalls ist sich absolut sicher, dass es mit diesem Trainer auch zum großen Erfolg reichen kann. "Er macht diese Wechsel nicht nur, um die Spieler zu beruhigen. Wir wollten neue Reize setzen, das ist uns sehr gut gelungen", sagte Sami Khedira.

"Das Wichtigste ist, dass man dem Trainer vertraut. Das machen wir nun fast schon blind. Alles was er macht, hat Hand und Fuß."

Deutschland - Griechenland: Daten zum Spiel

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