Die magische Nacht des alten Mannes

SID
Dienstag, 12.06.2012 | 16:12 Uhr
Andrej Schewtschenko (2.v.l.) feiert das 2:1 über Schweden ausgelassen mit Trainer Oleg Blochin
© Getty
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Er vergrub seinen Kopf unter einer blauen Trainingsjacke, dann wippte er in der Coaching Zone wie ein kleines Kind hin und her. Was hatte er in seiner langen, großartigen Karriere nicht alles erlebt, doch selten waren die letzten Minuten und Sekunden so unerträglich.

In seinem Arm lag Kollege Andrej Woronin, der es vor Spannung auch nicht mehr aushalten konnte. Dann, um exakt 23.39 Ortszeit brach es aus Andrej Schewtschenko heraus. Der Held dieser für EM-Gastgeber Ukraine so berauschenden Nacht stürmte drauflos. Erst in die Arme des auf dem Boden knienden Nationaltrainers Oleg Blochin, gemeinsam tanzten die beiden größten Fußballer in der Geschichte des Landes anschließend auf dem Rasen.

Dann lief Schewtschenko weiter, machte seine persönliche Ehrenrunde im großen Rund des Olympiastadions von Kiew. Er hüpfte, er jubelte, er sprang, dass manch einer gar Sorge um seinen geschundenen Körper haben musste.

Doch in diesem Moment schien die ganze Last von ihm abzufallen, hatte er doch ein Land in Ekstase versetzt. "Das ist ein historischer Sieg, ein großer Tag für die Ukraine", betonte Schewtschenko und seine Augen funkelten. Dass es tatsächlich ein großer, historischer Tag war, lag einzig und allein an ihm. Beide Tore hatte er erzielt zum 2:1 (0:0) gegen Schweden, dem ersten Sieg bei einer EM, bei dieser Endrunde im eigenen Land.

Die ganze Ukraine feiert den Auftaktsieg

So wurde es eine lange Nacht in der Hauptstadt. "Ukraina, Ukraina", schallte es immer wieder durch die Straßen. Hupkonzerte, Autokorsos, ausgelassene Menschen - ein ganzes Land, zerrissen durch monatelange politische Querelen, von der westlichen Welt im Zuge der Spannungen um die inhaftierte Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko gar verdammt, wurde durch ihren alternden Helden wachgeküsst.

Schewtschenko, ausgerechnet Schewtschenko. Abgeschrieben hatten sie ihn schon, den in die Jahre gekommenen Mann aus Dworkowtschina, der seine Karriere nur wegen der EM noch nicht beendet hatte.

Auch Blochin überrascht

"Ich fühle mich zehn Jahre jünger. Ich hatte viele Probleme mit dem Rücken und den Knien, aber jetzt bin ich wieder in guter Form. Das war eines meiner besten Spiele in den letzten sieben, acht Monaten", sagte Schewtschenko, der für seinen letzten sportlichen Traum keine Mühen gescheut hatte.

Und irgendwo konnte der Hobbygolfer es selbst nicht so recht glauben. Dabei hätte er doch eigentlich nur Blochin trauen müssen. "Ich hatte geträumt, dass Andrej zwei Tore erzielt, aber er hat es nicht geglaubt", behauptete der frühere Ausnahmestürmer.

Nun gegen Frankreich und England

Alles war auf einmal wie weggewischt, die letzten Monate, der Ärger um die vermeintliche Lebensmittelvergiftung zehn ukrainischer Spieler, die holprige Testphase im Hinblick auf die EM. "Wir wurden kritisiert, dass wir nicht vorbereitet sind. Aber wir sind sehr wohl vorbereitet und wir haben schnellen Fußball gespielt - und das 90 Minuten lang", ergänzte Blochin.

So lebt der vage Traum vom Finale im eigenen Land weiter. Doch vorher wartet noch ein steiniger Weg durch die Gruppenphase. Ex-Weltmeister Frankreich (15. Juni) heißt der nächste Gegner, dann geht es gegen das Fußball-Mutterland England (19. Juni).

"Wir haben jetzt eine große Chance weiterzukommen, aber wir sollten nicht zu euphorisch sein. Das werden noch zwei sehr schwere Spiele", mahnte Schewtschenko und Ex-Bundesligaprofi Andrej Woronin ergänzte: "Frankreich ist ein neues Spiel, das wird sehr schwierig. Sie haben sehr viele gute Spieler, zum Beispiel Ribery, es wird hart."

Zweitältester Torschütze der EM-Geschichte

Hart wurde es auch schon gegen die Schweden, erst recht als Zlatan Ibrahimovic die Skandinavier in Führung gebracht hatte (52.). Doch das Duell der beiden großartigen Stürmer entschied Schewtschenko mit den beiden Toren (55. und 61.) für sich. Im Alter von 35 Jahren stieg er zum zweitältesten Torschützen der EM-Geschichte auf.

Und nebenbei wurde eine alte Legende von Dynamo Kiew wiederbelebt. Das Bessarabski-Tor müsse wieder aufgestoßen werden, habe ihm sein Co-Trainer gesagt, erklärte Blochin. Damit war jenes Tor gemeint, das in Richtung des Bessarabski-Platzes steht und in das Blochin besonders gern getroffen habe, wenn es wichtig wurde. Schewtschenko hatte genau zugehört. Ein wahrlich historischer Tag.

Ukraine - Schweden: Daten zum Spiel

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