Klitschko: "Ukraine auf dem Weg in die Diktatur"

SID
Montag, 18.06.2012 | 13:01 Uhr
Der ältere der beiden Klitschkos gibt auf und neben dem Platz Gas
© Getty
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Box-Weltmeister Vitali Klitschko, der bei den Parlamentswahlen im Oktober mit seiner Partei UDAR ("Der Schlag") antritt, ist während der EM im Dauereinsatz. In Kiew stellte sich der 40-Jährige den Fragen der Reporter.

Frage: 2006 hat es in Deutschland bei der WM das Sommermärchen gegeben. Was bedeutet die Austragung der EM für die Ukraine?

Witali Klitschko: Ich habe gesehen, wie sich Deutschland 2006 geändert hat. Ich glaube, die Ukraine hat das gleiche Potenzial. Sport kann sehr viel ändern. Sehr viele Menschen sind in die Ukraine gekommen und haben gesehen, dass es ein sehr schönes Land mit gastfreundlichen Menschen und schönen Städten ist. Die Euro ist jetzt schon ein Erfolg. Viele Menschen sind zusammen gekommen und feiern. Das ist ein Erfolg für die Ukraine, für die Fans, für das Land, nicht von einzelnen Menschen.

Frage: Sie sprechen damit den umstrittenen Präsidenten Viktor Janukowitsch an. Wie sehen sie die politische Situation?

Klitschko: Ich würde mir eine bessere politische Situation wünschen, aber das ist die Aufgabe der Politiker. Der Timoschenko-Prozess hat zweifellos politische Gründe. Wenn es keine Diskussionen mehr zwischen Opposition und der Macht gibt, ist das kein demokratischer Weg. Wir sehen, dass die Ukraine langsam auf dem Weg in die Diktatur und den Autoritarismus ist. Der Fall Timoschenko hat einen Schatten auf das Image der Ukraine gelegt.

Frage: Was halten sie von einem Boykott der EM?

Klitschko: Boykotte bringen gar nichts. Das hat die Geschichte gezeigt. Die Boykotte der Olympischen Spiele 1980 in Moskau und vier Jahre später in Los Angeles haben nur sehr viele Fans und Sportler getroffen. Man kann Präsidenten oder Politiker boykottieren, aber nicht das Land.

Frage: Sie wollen in der Politik mit Ihrer Partei etwas ändern und waren auf Wahlkampf-Tour. Wie waren Ihre Eindrücke?

Klitschko: 60 Prozent der Menschen sagen, dass sich die Ukraine in die falsche Richtung entwickelt, bei mehr als 40 Prozent gibt es eine Protestlaune. 70 Prozent träumen davon, ins Ausland zu wandern. Die wirtschaftliche Situation gibt keine Jobs, keine vernünftigen Gehälter her. Die Korruption frisst das Land auf.

Frage: Glauben Sie denn überhaupt an gerechte Wahlen?

Klitschko: Die Partei der Macht hat zigmal ihr Gesicht gezeigt. Es gibt viel Manipulation. Wir bereiten uns vor und bitten bei Treffen mit Botschaftern und Regierungsvertretern um mehr Wahlbeobachter. Es ist eine schwierige Aufgabe, aber wir sind bereit, für unsere Stimmen, für die Meinungsfreiheit zu kämpfen.

Frage: Treten Sie zur Bürgermeister-Wahl in Kiew an?

Klitschko: In Kiew hätte die Bürgermeister-Wahl letztes Jahr stattfinden sollen. Dieses Jahr im Mai ist sie auch nicht passiert. Es gibt keine Gesetze. Die heutige Regierung manipuliert die Gesetze. Keiner weiß, wann gewählt wird. Der Grund, warum sie Wahlen scheuen, steht hier.

Frage: Ein anderes großes Thema der letzten Wochen war die Fremdenfeindlichkeit in der Ukraine. Gibt es ein Rassismus-Problem?

Klitschko: Das ist Quatsch. Die Diskussion ist aufgeblasen. In der Ukraine leben mehr als 70 Kulturen - Weißrussen, Polen, Ungarn, Ukrainer, Russen, Türken. Ich habe niemals gehört, dass die Frage gestellt wird: Welche Sprache sprichst du? Welche Hautfarbe hast du? Es gibt vielleicht einzelne negative Fälle, aber die Problematik gibt es nicht.

Frage: Wie bewerten Sie den sportlichen Auftritt der Ukraine und was ist gegen England möglich?

Klitschko: Ich war begeistert von der Leistung von Andrej Schewtschenko. Das Spiel gegen Frankreich hätte besser sein können. Aber nichts ist unmöglich. Leider haben wir das letzte Spiel verloren, aber die Hoffnung bleibt. Wir drücken die Daumen. Ich werde in Donezk dabei sein.

Frage: Was wird die EM am Ende der Ukraine bringen?

Klitschko: Die Stadien, die Infrastruktur und die Meinung der Menschen über die Ukraine bleiben. Es ist ein großes sportliche Fest. Das Fest muss nicht die politischen Probleme lösen. Das bleibt eine riesige Aufgabe für die ukrainischen Politiker und das Volk. Dafür müssen wir kämpfen. Ohne Kampf gibt es keinen Sieg.

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