Montag, 18.06.2012

Interview mit Bundestrainer Löw

"Vor drei Jahren hätte das Team nicht gewonnen"

Zufriedenheit über den Viertelfinal-Einzug, die Beschreibung der doch recht hohen Nervenbelastung bei diesem "Entscheidungsspiel" und einen Ausblick auf den Gegner Griechenland gab Joachim Löw bei der Pressekonferenz in Charkiw.

Wenn sonst nichts hilft, dann muss eben ein Systemwechsel her.
© Getty
Wenn sonst nichts hilft, dann muss eben ein Systemwechsel her.

Frage: Wie bewerten Sie die Leistung Ihrer Mannschaft beim 2:1 gegen Dänemark?

Joachim Löw: Das Spiel war schwierig, weil wir eigentlich kaum etwas zu gewinnen hatten. In der ersten Halbzeit haben wir es versäumt, alles klar zu machen. Uns hat der Killerinstinkt gefehlt, um 2:0 oder 3:0 in Führung zu gehen. Aus einem Standard und dem Nichts heraus macht Dänemark irgendwie das Tor zum 1:1. Dann spielen andere Dinge eine Rolle. Man weiß: Wenn man in Rückstand gerät, kann man sogar mit sechs Punkten ausscheiden. Wir hatten das Spiel trotzdem sehr gut im Griff. Dänemark spielte mit einer stoischen Ruhe, ihnen war das Ergebnis fast egal. Sie tun ja fast nichts nach vorne.

Frage: Wie hoch war Ihr Puls, als es 1:1 stand und Portugal gegen Holland mit 2:1 in Führung ging?

Löw: 60, 65 - wie immer bei Spielen. Der Puls ist nicht unbedingt hochgegangen. Aber selbstverständlich überlege ich als Trainer, was passieren könnte, welche Maßnahmen wir ergreifen müssen, falls Dänemark plötzlich ein Tor zum 1:2 gelingt. Da habe ich mir in dem Moment schon einen Plan überlegt. Ich habe mich aber auf die Bank gesetzt, weil ich mir überlegt habe: Hektik und andere Sachen bringen nichts.

Frage: Die Spieler jubelten nach dem Spiel nur verhalten. War der Druck so groß? Ist er dann abgefallen?

Löw: Ich weiß nicht, ob der Druck abgefallen ist. Bei den Spielern war Freude vorhanden. Druckabfall gibt es bei dem Turnier nicht. Denn das war das erste Entscheidungsspiel. Ich habe das auch der Mannschaft gesagt: Heute, nicht morgen oder übermorgen, um 20.45 Uhr, das ein Entscheidungsspiel, denn wir können immer noch ausscheiden. So kurios war die Situation. Deswegen war die Freude groß. Wir haben die Gruppe überstanden, das macht uns sehr zufrieden, mit neun Punkten, mit einer Klasseleistung, aber wir können und müssen uns noch steigern. Und das werden wir machen.

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Frage: Was sagen Sie zu Lars Bender, den Sie in seinem ersten Länderspiel von Beginn an als rechter Verteidiger aufgestellt haben und der auch noch das Siegtor macht?

Löw: Die Mannschaft hat sich mit Lars auch gefreut. Er und sein Bruder Sven sind Siegertypen. Sie haben keine Angst, sie zeigen keinen überzogenen Respekt vor dem Gegner, auch wenn sie vor eine völlig neue Aufgabe gestellt werden. Als ich es Lars mitgeteilt habe, dass er rechter Verteidiger von Beginn an spielt, sagte er: Ich freue mich. Das sagt viel über Lars Bender aus.

Frage: Ist Bender eine Option für das Viertelfinale gegen Griechenland oder wird Jerome Boateng zurückkommen?

Löw: Unmittelbar nach dem Spiel gebe nicht gerne Dinge preis, die mir sofort nach dem Spiel durch den Kopf gehen. Ich brauche ein bisschen Zeit. Boateng hat die ersten beiden Spiele auch gut gemacht.

Frage: Welche Erkenntnisse können Sie aus dieser Nervenprobe ziehen?

Löw: Im Mittelfeld und hinten haben wir große Lücken gehabt. Wir mussten die Dänen früher in den Griff bekommen. Dänemark konnte das Spiel verschleppen mit langen Ballpassagen und das Tempo rausnehmen. Die Griechen werden das ähnlich versuchen. Den Hebel müssen wir auch in der Chancenauswertung ansetzen. Und die Laufwege können wir verbessern. Ich glaube, die Mannschaft hätte vor drei, vier Jahren das Spiel nicht gewonnen, vielleicht hätten wir es über die Zeit gebracht.

Frage: Haben Sie innerlich gejubelt, als feststand, dass Griechenland der Viertelfinal-Gegner sein könnte. Denn der DFB hat noch nie gegen die Griechen verloren?

Löw: Das wusste ich nicht. Ich habe mir überlegt, dass ich noch nie ein Spiel gegen Griechenland absolviert habe und es wirklich einmal Zeit wird, gegen Griechenland zu spielen. Es hat eigentlich keiner mit den Griechen gerechnet. Sie hatten im Turnier drei Torchancen und machen drei Tore, vielleicht waren es vier Chancen. Sie sind Meister der Effizienz, sie können wahnsinnig gut verteidigen, sie werfen sich in jeden Ball, sie sind hartnäckig. Manchmal beißt man bei ihnen auf Granit. Für uns ist das eine gute Herausforderung, das zu lösen.

Joachim Löw im Steckbrief


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