Steven Gerrard: In Your Face, Stuart Pearce!

Von Norbert Pangerl
Sonntag, 24.06.2012 | 13:28 Uhr
Kämpfer, Lenker, Denker - Steven Gerrard präsentiert sich bei der EM bisher in absoluter Topform
© Getty
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England kann bei der EM mit einem Sieg gegen Italien (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) erstmals seit 1996 das Halbfinale eines großen Turniers erreichen. Einen großen Anteil daran hat Steven Gerrard, der die Three Lions erstmals als Kapitän auf das Feld führt und nach langwierigen Verletzungsproblemen immer besser in Fahrt kommt.

Ein Erdbeben erschütterte den englischen Fußball im Februar. Die FA entzog John Terry die Kapitänsbinde der englischen Nationalmannschaft - ohne vorher Trainer Fabio Capello informiert zu haben. Auslöser waren die Rassismusvorwürfe gegen den Chelsea-Spieler, dem trotz Unschuldsbekundungen keine andere Wahl blieb, als die Entscheidung des weltweit ältesten Fußballverbandes zu akzeptieren. Anders Capello: Der erfolgreiche Italiener zog die Konsequenzen und trat von seinem Amt zurück. Sein Nachfolger wurde für ein Spiel Ex-Nationalspieler Stuart Pearce.

Kurz nachdem der frischgebackene Interims-Trainer Ende Februar den Kader für das Freundschaftsspiel gegen die Niederlande bekanntgab, referierte der Elfmeter-Versager von 1990 sogleich in kleiner Runde über die Qualitäten, die er vom zukünftigen Kapitän des Nationalteams erwarte.

"Meine Wahl wird auf jemanden fallen, von dem seine Teamkollegen wissen, dass ihm das Wohl des Teams über sein eigenes geht. Ich werde versuchen, einen Kapitän auszuwählen, von dem ich glaube, dass er den Respekt aller anderen Spieler genießt wie kein Zweiter. Tony Adams war so einer, genauso Paul Ince, Alan Shearer, Terry Butcher oder Bryan Robson. Für alle diese Jungs bedeutete der Erfolg des Teams mehr als ihre eigenen Befindlichkeiten", erörterte Pearce.

"Parker als Kapitän - was für eine Farce"

Allen Zuhörern war klar, dass er bei seinen Ausführungen nur einen Spieler im Hinterkopf haben konnte: Steven Gerrard. Umso überraschender waren die Reaktionen, als Pearce seinen neuen Kapitän vorstellte. So manchem Experten blieb beim Namen Scott Parker das Porridge im Halse stecken. Das Medienecho war verheerend. "Scott Parker vor Steven Gerrard... Ich bin sprachlos, was für eine Farce", twitterte beispielsweise Rauhbein Joey Barton nach der Entscheidung. Auch die führenden Tageszeitungen kritisierten Pearce für dessen vermeintlichen Coup.

Taktikanalyse: So wollen die Three Lions Europameister werden

Zwar wurde Parker als hochprofessioneller, skandalfreier Musterprofi ohne Allüren gelobt, gleichzeitig stellte man aber auch klar, dass der Tottenham-Profi mit zuvor lediglich sechs Länderspiel-Einsätzen von Beginn an keine Alternative zum erfahrenen und erfolgreichen Liverpool-Captain sei. Bereits als 23-Jähriger hatte Gerrard dort das Amt übernommen und 2005 den Champions-League-Pokal in den Istanbuler Nachthimmel gereckt. "Ich kenne kaum einen besseren Kapitän als ihn. Steven will immer, dass du das Beste aus dir rausholst. Sein Anspruch, jedes Spiel zu gewinnen, färbte auf uns alle ab", sagte Dietmar Hamann damals.

Gerne hätte Gerrard auch im Nationalteam die Binde übergestreift, was er nach Terrys Demission auch mehrfach klarmachte. Schon bei der WM 2010 war er für Terry und Ferdinand eingesprungen. Nach der Ohrfeige von Pearce blieb sich die lebende Liverpool-Legende jedoch treu. Kein Wort der Frustration, keine Kritik, keine Resignation. Im Gegenteil: Gerrard lobte Parker über den grünen Klee und stärkte dem Mittelfeldspieler demonstrativ den Rücken.

Hodgson baut auf seinen Skipper

Zehn Wochen später - Nationaltrainer Pearce war schon wieder Geschichte - schloss sich der Kreis für Gerrard dann doch. Neu-Coach Roy Hodgson überreichte seinem ehemaligen Liverpool-Schützling die Binde und ließ keinen Zweifel daran, dass dies für ihn die einzig richtige Entscheidung war. "Aus meiner Sicht gibt es nur einen Mann, dem diese Ehre gebührt. Ich kenne ihn als Spieler und ich kenne ihn als Menschen. Wenn ich sehe, mit welcher Freude er meine Entscheidung entgegen genommen hat, dann weiß ich, was er für England zu leisten bereit ist", so der 64-Jährige.

Und Gerrard enttäuschte ihn nicht. Bei der EM ist er der bisher beste Spieler der Three Lions und uneingeschränkter Führungsspieler auf dem Platz. Aus dem defensiven Mittelfeld heraus ordnet, organisiert und forciert er das Spiel seiner Mannschaft und bereitete zudem bereits drei Treffer vor. Für Parker ist klar, dass er neben "einem der besten Mittelfeldspieler der Welt" spiele.

Kein Wunder, dass sogar die Spieler des nächsten Gegners Italien voller Bewunderung für "Stevie G" sind. "Er ist das Sinnbild eines universellen Fußballers - er kann gestaltend-offensiv spielen und ist auch defensiv stark. Ich würde mich freuen, wenn ich einmal so gut in der Defensive spielen würde wie Gerrard", erklärte Daniele De Rossi. Claudio Marchisio stimmte ein: "Gerrard war immer mein Idol. Er ist eine Legende in Liverpool. Er hat immer für diesen Verein gespielt und ist mit ihm verschmolzen. Und so etwas finde ich gut."

"Er hat das gewisse Etwas"

Gerrard sind all die Lobeshymnen auf seine Person fast schon peinlich. Seine Lehrerin Gill Morgan erinnerte sich einst an seine ersten Schritte als Fußballer: "Ich weiß noch, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Er war so klein und schmächtig. Trotzdem war er in seiner Klasse der absolute Star. Mir blieb fast gar nichts anderes übrig, als ihn zum Kapitän der Schulmannschaft zu machen. Er war so ein toller Kapitän. Nie hat Steven seine Mitspieler kritisiert. Er hat seinen Mitspielern einfach gezeigt, wie sie es besser machen können, damals wie heute", erklärte die Pädagogin.

Steve Heighway, Scout in der Jugendabteilung der Reds, stößt ins selbe Horn: "Ich habe sofort gesehen, das Steven dieses gewisse Etwas hatte. Es waren diese zehn Prozent, die später den Riesenunterschied ausmachen."

EM-Titel als großes Ziel

Dieses gewisse Etwas hat er auch heute noch. Nimmermüde gibt er die gesamte Spielzeit alles für sein Team und das völlig unprätentiös. Mimik und Gestik eines Cristiano Ronaldo? Für ihn undenkbar. Rechtzeitig zur EM scheint Gerrard seine Topverfassung gefunden zu haben. Nachdem er im letzten Jahr mit großen Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte und nicht wenige schon das Karriereende prophezeiten, plant er mit England nun den großen Wurf.

"Wir sind in der Vergangenheit dafür kritisiert worden, nicht richtig in die Gänge zu kommen. Das wichtige ist deine Antwort darauf und das ist genau das, was das Team gerade macht", zeigt sich Gerrard selbstbewusst, ohne jedoch den Gegner aus den Augen zu verlieren: "Italien hat echte Siegertypen in seinen Reihen und wir haben Respekt vor ihnen." Die Statistik gibt ihm Recht: von sechs Länderspielen seit 1990 konnte England nur eines gewinnen, viermal siegte Italien.

Für Fast-Nationaltrainer Harry Redknapp ist Gerrard der Schlüssel zum Erfolg und die Ernennung zum Kapitän ein Meisterstück von Hodgson: "Er ist ein kompletter Allrounder, er hat einfach alles und das Wichtigste: er spielt für uns. Ich habe bei dieser EM bisher viel Positives gesehen, das Beste war die Vorstellung von Steven Gerrard. Der Liverpool-Kapitän ist einer der besten der Welt. Er ist ein wahrer Kämpfer, er attackiert und ich denke er genießt die Verantwortung als Kapitän."

Mögliches Halbfinale gegen Deutschland

Auch wenn viele Experten in Gerrard den Gegenentwurf zum "modernen" Mittelfeldspieler der Marke Iniesta sehen, könnte bei dieser EM die Stunde der Three Lions schlagen. Die Fans auf der Insel gingen anders als bei vergangenen Turnieren ohne große Erwartungen in die Festspiele in Polen und der Ukraine. Nach dem Einzug ins Viertelfinale hat sich der Wind aber gedreht und nachdem man auch den Spaniern aus dem Weg gehen konnte, träumt mittlerweile jeder vom Finale.

Bevor es soweit ist, wartet jedoch erst einmal Italien. Danach würde es zum Traum-Halbfinale gegen Deutschland kommen. Ans DFB-Team hat Gerrard durchaus gute Erinnerungen. Beim legendären 5:1-Sieg im Münchner Olympiastadion erzielte er sein erstes Tor im Nationaltrikot.

Mit dem EM-Erfolg möchte der 87-fache Nationalspieler seiner Karriere die Krone aufsetzen, genau so wie er es sich als kleiner Pimpf ausgemalt hatte: "Davon habe ich schon als Kind geträumt. Ich will als erfolgreicher Kapitän in Erinnerung bleiben." Dagegen hätte wohl auch Stuart Pearce nichts.

Steven Gerrard im Steckbrief

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