Griechenlands Trainer im Porträt

Fernando Santos: Mit Taktik und Glimmstängel

Von Frank Oschwald
Freitag, 22.06.2012 | 12:02 Uhr
Fernando Santos übernahm 2010 das Amt des griechischen Nationaltrainers
© Getty
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Fernando Santos hat in Griechenland als Nachfolger von Otto Rehhagel keinen leichten Stand. Statt in Ruhe arbeiten zu können, wird der Portugiese in seiner Amtszeit immer wieder an den Erfolgen der letzten Jahre gemessen. Ob es ihm gelingt, aus dem Schatten des Vorgängers zu treten, bleibt ungewiss. Der Einzug ins EM-Viertelfinale gegen Deutschland (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) schadet dabei sicherlich nicht.

In Griechenland sind sie derzeit nicht gut auf die Deutschen zu sprechen. Die nationale Klatschpresse schiebt in Zeiten der Wirtschaftskrise Merkel und Co. den schwarzen Peter zu und schürt dadurch die Abneigung gegen den Partner aus dem Norden. Lediglich ein Deutscher schafft es immer wieder, die Griechen ins Schwärmen zu bringen: Otto Rehhagel.

Ihm würden sie nach neunjähriger Amtszeit als Coach der griechischen Nationalmannschaft jederzeit wieder ein Denkmal bauen. Schließlich schafften die Hellenen unter "Rehakles" den größten fußballerischen Triumpf, holten 2004 in Portugal den EM-Titel.

2010 fand die Amtszeit des 73-Jährigen nach dem Vorrunden-Aus bei der WM ein Ende. Fernando Santos, Rehhagels Nachfolger auf dem Trainerstuhl der Griechen, weiß um die Popularität des Deutschen. Der 57-Jährige weiß allerdings auch, wie er mit dieser in der Öffentlichkeit umgehen muss. Es sei eine große Ehre der Nachfolger von Otto Rehhagel zu sein, betont er immer wieder, nur um dann aber auch Distanz zu gehen.

Vergleiche mit Rehhagel

"Ich habe nicht die gleiche Taktik wie Rehhagel. Er hatte seine Philosophie, ich hab meine." Vergleiche mit seinem Vorgänger mag er nicht. Das sieht man an seinem Mienenspiel, wenn man ihn darauf anspricht. Dennoch wird er in seiner Amtszeit immer wieder mit dem Deutschen und den Erfolgen der letzten Jahre konfrontiert und verglichen werden. Geduldig macht er jedem einzelnen klar, dass die erfolgreiche Rehhagel-Ära zu Ende ist. Und unter ihm nach der WM in Südafrika eine neue begonnen hat.

Die Rolle des Nationaltrainers interpretiert Santos grundlegend anders als Rehhagel. Das lässt er die Öffentlichkeit wissen und packt immer wieder leise Kritik in seine Worte. Rehhagel sei während seiner Amtszeit immer in Deutschland gewesen, kam nur zu den Spielen nach Griechenland und habe sich lediglich um die A-Nationalmannschaft gekümmert.

Er hingegen versuche, den Fußball von den Jugendmannschaften bis zu den Senioren zu organisieren. Als gebürtiger Portugiese ist er ebenfalls fremd in Griechenland. Die Voraussetzungen im Gegensatz zu Rehhagel sind dennoch grundverschieden.

Drei Topklubs in Griechenland

So trainierte Santos vor Amtsantritt 2010 bereits sieben Jahre bei Klubs in Griechenland. Mit AEK Athen, Panathinaikos und PAOK Saloniki hat er bei drei der vier großen griechischen Klubs gearbeitet und gilt als absoluter Fachmann des nationalen Fußballs. "Ich bin ein halber Grieche", so der Portugiese, der die Sprache des Landes fehlerfrei beherrscht.

Santos gilt als Lebemensch, der die Kultur sowie die griechische Mentalität angenommen hat. Zur Halbzeitpause verabschiedet er sich meist als Erster, um sich in der Kabine in Ruhe noch eine Zigarette zu gönnen. Auch auf dem Trainingsplatz ist er immer wieder mit dem Glimmstängel zu sehen. Bei Gesundheitsfanatiker Rehhagel undenkbar.

Sein enormes fußballerisches Fachwissen sowie sein unglaubliches taktisches Verständnis ist europaweit bekannt. Viermal wurde er zum Trainer des Jahres der griechischen Super League gewählt, noch vor der EM wurde der Vertrag vorzeitig bis 2014 verlängert. Die Griechen wissen, was sie an ihm haben.

"Griechenland hat keinen Messi"

Dass er kein Team aus internationalen Topstars hat, weiß Santos. Es scheint ihm allerdings auch nichts auszumachen. Denn statt individueller Klasse, betont er immer wieder den enormen Wert einer geschlossenen Mannschaftsleistung. "Griechenland hat keinen Messi, also hat die Taktik bei uns allererste Priorität. Wir haben unsere eigene Identität und die werden wir für niemanden aufgeben", erklärt Santos. "Ich will, dass alle sagen, dass mein Team eine Truppe mit einer klaren Struktur ist. Wir wollen das Spiel dominieren."

Gezielt suchte sich der Coach deshalb im Vorfeld der EM sein Team zusammen. Taktisch sowie technisch gutes Wissen war die Grundvoraussetzung für einen Platz im Kader. Erst im Anschluss soll der Trainer auf die Fitness der Spieler geschaut haben. Wie ein Besessener hat er sich dafür immer wieder Partien angeschaut. 55 Spieler testete er in seiner fast zweijährigen Amtszeit, 18 Nachwuchsspieler sind zu ihren Einsätzen gekommen.

Einer von ihnen ist auch Schalkes Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos. Der sammelte unter Santos erste Erfahrungen im Nationaldress, ist nach der Verletzung von Stammkraft Avraam Papadopoulos in der Innenverteidigung gesetzt. Santos schafft es, die Balance zwischen jungen und erfahrenen Spielern zu finden. So gesellen sich zu den Nachwuchsspielern um Papadopoulos und Sokratis Routiniers wie der 33-jährige Mittelfeldspieler Katsouranis sowie der gegen Deutschland gesperrte Karagounis.

Souveräne EM-Qualifikation

Auch an den Ergebnissen aus der EM-Qualifikation ist zu erkennen, dass der Umbruch Früchte trägt und der Plan von Santos aufgeht. So marschierten die Griechen durch ihre Gruppe mit sieben Siegen und drei Unentschieden und wurden souverän Erster vor Kroatien.

Dennoch rumorte es nach dem dürftigen Start bei der EM mit dem Remis gegen Polen und der Niederlage gegen Tschechien in der Heimat. Die defensive Grundhaltung, die die Griechen auch schon unter Rehhagel innehatten, sei nicht mehr zeitgemäß und erfolglos. Die Spieler seien nicht gut auf den Gegner eingestellt, hieß es. Santos hörte sich Kritik an seiner Arbeit zwar geduldig an, mehr aber auch nicht. Vielmehr perlt sie immer wieder an ihm ab, von seinem Weg bringt ihn sowieso niemand ab.

"Wir wären nicht hier bei der EM-Endrunde, wenn wir nur in der Defensive gut wären", so Santos trotzig. Die Antwort nach der Kritik aus der Heimat gab sein Team auf dem Platz. Im abschließenden Gruppenspiel gegen hochgehandelte Russen siegte die Santos-Elf 1:0 und zog ins Viertelfinale ein. Die missmutigen Stimmen sind seit dem Sieg verstummt. Vielmehr fangen in Griechenland vor dem Spiel gegen Deutschland die ersten Optimisten schon wieder an, vom Titel zu träumen.

Fernando Santos im Steckbrief

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