GER-ITA: Der direkte Vergleich

Eine ganz enge Kiste

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Mittwoch, 27.06.2012 | 10:05 Uhr
Mario Balotelli ist mit 21 Abschlüssen der schießwütigste EM-Star nach Cristiano Ronaldo
© Getty
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Kein Sieger im direkten Vergleich: Deutschland und Italien erscheinen auf dem Papier gleich stark. Dabei sind die Vorzeichen kurios: Deutschland scheint defensiv besser aufgestellt - die Italiener feuern aus allen Rohren.

Vor der Europameisterschaft hatten nur wenige Italien als einen der Titelfavoriten auf dem Zettel. Unter anderem warnte aber Joachim Löw vor der Squadra Azzurra und darf sich jetzt in seinen Worten bestätigt fühlen.

Die Krise in der Heimat mit dem neuerlichen Wettskandal, dessen Ausmaße bis heute noch nicht klar sind, hat die Mannschaft bisher komplett ausgeblendet und spielt bis auf die schwächere Partie gegen Irland bisher eine starke EM.

Wie sehr sich die italienische Mannschaft auf das Wesentliche fokussieren kann, zeigen die letzten Länderspiele: Italien reiste mit der Empfehlung von Testspielniederlagen zur Euro, alle drei Spiele wurden zu Hause zu Null verloren (0:1 gegen Uruguay, 0:1 gegen die USA, 0:3 gegen Russland). Und plötzlich läuft es beim Turnier dann wieder, wenngleich auch mit einigen Wacklern.

Nicht nur deshalb erscheint das Halbfinale gegen die deutsche Mannschaft (Do., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) als ein Duell auf Augenhöhe.

Die Torhüter

"Gigi Buffon, Manuel Neuer und Iker Casillas sind bei dieser EM vielleicht noch eine Stufe über allen anderen Torhütern", sagte Joachim Löw am Dienstag. Buffon hat allerdings schon 118 Länderspiele für die Azzurri hinter sich und spielt in Polen und der Ukraine schon sein achtes Turnier - sieben davon als Stammtorhüter. Neuer steht derzeit bei 30 Länderspielen und seinem zweiten großen Turnier als Stammkraft. Dazu hat er erst eine Saison mit den Bayern hinter sich. Vielleicht ist der 26-Jährige auf dem Weg zur Weltklasse - Buffon ist da allerdings schon längst angekommen.

Bei der EM stimmen Neuers Leistungen bisher, lediglich in einigen wenigen Szenen zeigte er einen Anflug von Unsicherheit. Buffon war in den wichtigen Spielen gegen Spanien oder im Viertelfinale gegen England stets zur Stelle, wenn es brenzlig wurde, hielt den letztlich entscheidenden Elfmeter von Ashley Cole und führte Italien so ins Halbfinale.

Vorteil Italien

Die Abwehr

Deutschland hat hier einen vermeintlichen Vorteil: Die Viererkette steht und wurde bisher nur erzwungenermaßen auf einer Position in einem Spiel verändert. Italien dagegen hat von seinem ursprünglichen 3-5-2 auch schon den Umweg eines 4-4-2 gewählt, gegen Spanien spielte die Mannschaft sogar mit Daniele De Rossi als echtem Libero, aus der Dreierkette wurde bei gegnerischem Ballbesitz eine Fünferkette. So variabel die Squadra bei ihrer taktischen Ausrichtung ist, so flexibel werden auch die Positionen besetzt.

Insgesamt nahmen schon sechs reine Abwehrspieler Formation in der Abwehrkette ein, definiert man Christian Maggio und Emanuele Giaccherini beim Spanien-Spiel ebenfalls als Abwehrspieler, sind es sogar schon acht. Bei der deutschen Mannschaft haben dagegen Philipp Lahm, Mats Hummels und Holger Badstuber bisher alle vier Spiele komplett absolviert. Lediglich Jerome Boateng musste einmal gesperrt passen, dafür rückte Lars Bender ins Team.

Der unumstrittene König der Innenverteidiger ist dabei Mats Hummels. Kein anderer Spieler der EM hat bisher mehr Zweikämpfe bestritten als der Dortmunder (51) und dabei eine überragende Quote von 79,7 Prozent. Dazu kommt: Hummels ist bisher noch kein einziges Foulspiel unterlaufen.

Überhaupt kommen beide deutschen Innenverteidiger, wie von Löw gefordert, bisher zusammen erst mit zwei Fouls aus. Die drei Italiener Giorgio Chiellini (sieben), Andrea Barzagli (drei) und Leonardo Bonucci (zwei) insgesamt aber schon auf zwölf. Kein Wunder, dass Italien bisher die meisten Gelben Karten gesammelt hat (elf) - und Deutschland die wenigsten (drei).

Die Zweikampfquote liegt bei durchschnittlich etwa 62 Prozent, und damit im Bereich der von Badstuber (60 Prozent). Lediglich Bonucci fällt mit 53 Prozent leicht ab. Die Innenverteidigung der Italiener beschränkt sich dabei fast ausschließlich auf die Defensive, das Aufbauspiel wird dem Mittelfeld überlassen. Dafür laufen die Außenverteidiger im 4-4-2 mit Raute gerne mit an.

Lahm und Boateng sind da mindestens ebenso offensiv orientiert. Lahm hat bisher von allen deutschen Abwehrspielern am meisten Pässe gespielt (285), kommt zusammen mit Hummels (258) und Badstuber (278) schon auf beeindruckende 821 Zuspiele. Barzagli, Bonucci und Chiellini kommen bei etwas weniger Spielzeit auf 339 Pässe. Allerdings: Deutschland hat schon vier, Italien erst zwei Gegentore kassiert.

Vorteil Deutschland

Das Mittelfeld

Hier bahnt sich die deutsche Dominanz bei diesem Turnier ihren Weg. Hinter den Spaniern (65 Prozent) hat Deutschland von allen Teams am zweitmeisten Ballbesitz. Bisher stehen 58,5 Prozent zu Buche, vornehmlich im Mittelfeld gehalten. Italien liegt mit ordentlichen 54,6 Prozent an fünfter Stelle.

Nahezu irrsinnig ist aber die Statistik bei den Einzelspielern. Unter den 15 Spielern mit den meisten Ballkontakten stehen acht Spanier, sechs Deutsche und ein Russe. Bester deutscher Spieler ist Bastian Schweinsteiger mit 339 Pässen auf Rang vier - hinter dem spanischen Dreieck Xavi, Xabi Alonso und Sergi Busquets. Erst an Position 25 kommt Daniele De Rossi (198), dicht gefolgt von Andrea Pirlo (192).

Das italienische Spiel wirkt aber anarchischer und risikofreudiger als das der Deutschen. Pirlo ist dabei bisher der entscheidende Spieler in der Offensive. Keiner spielt so präzise lange Bälle durch oder über die gegnerischen Verteidigungslinien wie der 33-Jährige. Das Problem für jeden Gegner war bisher, dass Pirlo kaum zu greifen ist, weil er sich überall im Zentrum rumtreibt und viele Bälle auch schon direkt am eigenen Sechzehner abholt.

Flankiert wird er dabei von seinem Krieger De Rossi, dessen Antizipationsgabe etliche gefährliche Angriffe des Gegners früh unterbindet und so die Abwehr entlastet. Die Rotation der Italiener funktioniert dabei sehr gut, zuletzt mischte Riccardo Montolivo die Engländer mit auf, auch Claudio Marchisio, der wie Pirlo bisher alle 390 Minuten auf dem Platz gestanden hat, rotiert gerne und viel.

Die Vorleistung aus dem Mittelfeld ist so enorm, dass vom ehemals verrufenen Catenaccio nur noch wenig übrig geblieben ist. Im Gegenteil: keine andere Mannschaft des Turniers ist bisher auch nur annähernd so oft zum Abschluss gekommen wie die Italiener, die es in vier Spielen auf 91 Torschüsse gebracht haben.

Im Vergleich dazu liest sich die an sich stattliche Zahl der Deutschen ziemlich gering. 64 Mal schoss ein deutscher Spieler bisher aufs gegnerische Tor. Trotzdem zeigte das deutsche Mittelfeld um den Anführer Sami Khedira zuletzt viel Variabilität und auch ansteigende Form. Mesut Özil hat sich gegen die Griechen etwas freigeschwommen, auf den Außenbahnen hat der Bundestrainer die Qual der Wahl. Hier ist Deutschland mindestens so unberechenbar wie der Gegner. Einzig hinter Schweinsteigers Fitness und Form bleibt ein Fragezeichen.

Unentschieden

Der Angriff

Mario Gomez liegt mit drei Treffern weiter auf Rang eins der Torjägerliste, zusammen mit Alan Dzagoew und Cristiano Ronaldo. Miroslav Klose hat gegen die Griechen von Beginn an gespielt und sofort geknipst. Die deutsche Effizienz ist dabei im Vergleich zu der der Italiener geradezu frappierend.

Mario Balotelli hat 21 Mal aufs Tor geschossen, dabei aber erst einen Treffer erzielt. Nur Ronaldo (29) kommt auf mehr Abschlüsse. Dazu kommen noch 13 Torschüsse von Antonio Cassano und elf von Antonio Di Natale. Gomez (neun), Klose (drei) und Lukas Podolski (sieben) benötigten für mehr Treffer (fünf) deutlich weniger Versuche als die drei italienischen Ballermänner für ihre drei Tore.

Dabei darf man eine wichtige Tatsache nicht außer Acht lassen: Als einzige der großen Nationen spielt Italien permanent mit zwei Spitzen. Das bringt dem Spiel der Azzurri eine enorme Tiefe, weil hauptsächlich Balotelli gerne steil geht und Cassano als Anspielstation für den kurzen Pass in den Fuß fungiert. Wie schnell sich Badstuber und Hummels, die bisher jeweils nur gegen eine Spitze verteidigen mussten, darauf einstellen können, wird ein Schlüssel des Spiels sein.

Unentschieden

Die Trainer

Joachim Löw wird für seine Entscheidungen bisher gefeiert. Was auch immer der Bundestrainer anpackte, ging später auf. Mit so gut wie jeder Personalentscheidung lag Löw bisher richtig, hat nach eigenem Bekunden auch für negative Spielsituationen schon einen Plan B im Kopf. Und er hat, das hat spätestens das Griechenland-Spiel gezeigt, immer noch einen Überraschungsmoment bei seiner ersten Elf in der Hinterhand und eine vorzüglich besetzte Bank.

Cesare Prandelli ist das Kunststück geglückt, die Squadra Azzurra innerhalb von zwei Jahren in eine neue Zeitrechnung zu führen. Italien spielt einen ungewöhnlichen Stil, ist taktisch unheimlich flexibel und hat eine gute Mischung aus arrivierten und aufstrebenden jungen Spielern im Team. Dazu ist Prandelli überaus versiert, erkennt Defizite im Spiel seiner Elf sofort und reagiert darauf. Auch er ist definitiv für die eine oder andere taktische Variante gut, das Spiel seiner Mannschaft nur schwer vorherzusehen.

Unentschieden


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