Angelos Charisteas im Interview

"Wir haben ein paar brutale Sachen gemacht"

Von Interview: Stefan Petri
Dienstag, 12.06.2012 | 11:59 Uhr
Angelos Charisteas ist seit dem Titelgewinn 2004 ein Volksheld in Griechenland
© Getty
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Bei der Europameisterschaft 2004 köpfte er die Griechen sensationell zum Titel und ging als "Euro-Harry" in die Geschichte ein. Im Interview blickt Angelos Charisteas zurück und spricht über Glück im Fußball, nervöse Portugiesen, Standardsituationen und sein Verhältnis zu Otto Rehhagel. Für den weiteren EM-Verlauf ist er optimistisch.

SPOX: Herr Charisteas, haben Sie das Champions-League-Finale gesehen?

Angelos Charisteas: Ja, natürlich.

SPOX: Hatten Sie den Eindruck, dass die bessere Mannschaft gewonnen hat?

Charisteas: Ich glaube nicht, nein. Bayern hatte in diesem Spiel etwas Besseres verdient. Beim Elfmeter von Arjen Robben hatten sie Pech. Ich glaube, dass Bayern über 90 Minuten besser gespielt hat als Chelsea, aber man hat wieder gesehen, dass im Fußball die bessere Mannschaft manchmal nicht gewinnt. Chelsea hat in der Champions League über die ganze Saison mit diesem System und dieser Taktik gespielt, und am Ende haben sie so den Titel geholt.

SPOX: Chelseas Titelgewinn wird mit der Europameisterschaft von 2004 und dem Sieg von Griechenland verglichen. Hand aufs Herz: War der Titel 2004 Glück?

Charisteas: Es ist so: Im Fußball kann man von Glück sprechen, wenn man ein Spiel mal glücklich gewinnt. Aber wenn man in einem Turnier sechs Spiele hat, und man fünf gewinnt und eins verliert, dann bedeutet das, dass es kein Glück war. Die Mannschaft war damals über den ganzen Monat in sehr guter Form. Natürlich braucht man am Ende manchmal auch ein bisschen Glück. Robben hat beim Elfmeter kein Glück gehabt und ihn verschossen, und Bayern hat deswegen den Titel verloren. So ist es halt im Fußball. Ich glaube, dass unsere Mannschaft bei der EM schon auch ein paar glückliche Momente hatte. Aber insgesamt haben wir den Titel durch eine gute Defensive, viel Laufbereitschaft und gefährliche Standardsituationen geholt.

Was erreicht Griechenland bei der EM? Jetzt mittippen und absahnen!

SPOX: Der Sieg im Eröffnungsspiel gegen Portugal war der erste Sieg von Griechenland überhaupt bei einem großen Turnier.

Charisteas: Ja, das wussten wir. Deswegen war es ja unser Ziel, überhaupt ein Spiel zu gewinnen. Dass wir schon im ersten Spiel die drei Punkte geholt haben, das war wie ein Traum für uns und für ganz Griechenland. Und dann noch gegen eine so gute Mannschaft wie Portugal. Dieser Sieg hat uns beflügelt.

SPOX: Im Viertelfinale haben sie Titelverteidiger Frankreich ausgeschaltet.

Charisteas: Der Sieg über Frankreich war unglaublich. Gegen die Franzosen haben wir unser bestes Spiel im ganzen Turnier gemacht. In der ersten Halbzeit haben wir sie unter Druck gesetzt und so immer mehr Selbstvertrauen getankt, so dass wir in der zweiten Halbzeit das Tor gemacht haben. Und dann war es für Frankreich sehr schwer, vor unser Tor zu kommen. Vor dem Spiel haben wir uns gesagt: "Wir haben heute nichts zu verlieren: Frankreich ist der klare Favorit, wir sind nur Außenseiter." Mit dieser Einstellung, mit dieser Mentalität haben wir das Spiel dann gewonnen.

SPOX: Nach dem Sieg über Tschechien ging es im Finale wieder gegen Portugal. Die Spieler von Portugal waren die sogenannte "goldene Generation", sie standen im Finale im eigenen Land sehr unter Druck. Hat man das gesehen?

Charisteas: Das hat man schon nach dem Eröffnungsspiel gemerkt. Und sie haben ja dann auch gesehen, dass die griechische Nationalmannschaft einige Qualität hat. Die Fans waren nach dem ersten Spiel unglaublich sauer und haben sich auf das Finale gegen uns gefreut. Sie haben schon in den Spielen davor auf die zweite Chance gewartet, uns zu schlagen. Die Generation von Luis Figo, Rui Costa und Nuno Gomes, das war eine sehr starke Generation. Aber es war auch die letzte Chance dieser Generation, etwas zu holen - und das haben sie nicht geschafft.

SPOX: Im Finale haben Sie dann nach einem Eckball das Tor gemacht. War das abgesprochen, dass der Ball auf den kurzen Pfosten kommt?

Charisteas: Wir haben nach einer Standardsituation auch gegen Tschechien das Tor gemacht, fast in der letzten Sekunde. Das war in diesem Turnier unsere Stärke. Wir haben es nicht speziell im Training einstudiert, aber wir wussten, dass wir mit Standards etwas erreichen können. Wir hatten viele große Spieler, wie Dellas, Katsouranis oder mich, und damit waren wir bei Standardsituationen immer gefährlich.

SPOX: Beim Torjubel haben Sie unter Ihren Trikot ein T-Shirt mit einem Foto darauf gezeigt. Wer war da drauf?

Charisteas: Das waren die Kinder meiner Schwester, ein Geschenk für mich zum einjährigen Geburtstag der beiden.

SPOX: Hatten Sie das auch schon im Halbfinale unter dem Trikot getragen? In dem hatten Sie ja nicht getroffen.

Charisteas: Nein, das T-Shirt habe ich im letzten Moment bekommen. Mein bester Freund ist extra für dieses Spiel nach Portugal geflogen. Er hat das Shirt einem Freund aus der Nationalmannschaft gegeben und der gab es mir dann im Hotel vor dem Spiel. Ich habe es also direkt vor dem Spiel bekommen - da war auch ein bisschen Zufall dabei.

SPOX: Was hat die Mannschaft nach dem Final-Triumph in der Kabine gemacht? Das war für Griechenland ja absolut unglaublich.

Charisteas: Wir haben mit Champagner gefeiert, wir haben gesungen... Wir haben ein paar brutale Sachen gemacht. Das waren natürlich unglaubliche Momente, die jeder Fußballer erleben will. Der Ministerpräsident Griechenlands ist dann noch in unsere Kabine gekommen und hat uns gratuliert.

SPOX: Sie haben lange in Deutschland gespielt und haben hier seit 2004 den Spitznamen "Euro-Harry". Haben die Europameister in Griechenland auch einen speziellen Spitznamen?

Charisteas: Für die Griechen sind wir Helden, also "Held Angelos". Oder "Held Harry" - in den letzten Jahren nennt man mich in Griechenland auch Harry. Aber es bedeutet mir sehr viel, dass ich in Deutschland einen solchen Spitznamen bekommen habe.

SPOX: Griechenland hat 2004 mit Libero hinter der Abwehr gespielt, und es hat auch funktioniert. Warum macht das heute niemand mehr?

Charisteas: Die meisten wollen, dass ihre Mannschaft mit einer modernen Taktik spielt. Otto Rehhagel war aber kein Trainer, dem es nur um Taktik oder um das System ging. Er wollte eine Mannschaft aus den Spielern formen, die er zur Verfügung hatte. Manche Teams haben einen Lionel Messi, manche nicht. Rehhagel hat immer gesagt: "Wir haben keinen Lionel Messi, also spielen wir mit Libero." Das war seine Philosophie.

SPOX: Über Otto Rehhagel müssen wir natürlich noch reden. Sie haben einmal gesagt, dass er wie ein Vater für sie ist. Haben Sie noch Kontakt?

Charisteas: Ich hatte vor sechs Monaten das letzte Mal Kontakt zu Otto Rehhagel, ich habe ihm über gemeinsame Freunde Grüße ausgerichtet und ihm viel Glück gewünscht, weil es ja eine sehr schwierige Zeit bei Hertha BSC war und er versucht hat, die Mannschaft zu retten. Ich glaube, er hat gezeigt, was für ein Fighter er ist. Er gibt bis zum Ende immer alles.

SPOX: Hätte man nicht eigentlich Otto Rehhagel noch einmal nach Griechenland holen sollen? Nur für zwei Monate, für die EM?

Charisteas: (lacht) Ich weiß nicht. Wir haben einen guten Trainer bei der Nationalmannschaft, denke ich. Er hat es schwer gehabt in den letzten zwei Jahren, weil Otto Rehhagel einfach einzigartig ist. Aber er hat es geschafft, dass wir uns als Gruppensieger für die EM qualifiziert haben, ohne ein einziges Spiel zu verlieren. Das zeigt, dass er die Qualität und die Mentalität hat, die Mannschaft weit zu bringen.

SPOX: Rehhagel hat den Griechen nicht nur den EM-Titel hinterlassen, sondern auch ein paar nette Zitate. Zum Beispiel: "Die Griechen haben die Demokratie erfunden, ich habe eine demokratische Diktatur eingeführt."

Charisteas: (schmunzelt) Das stimmt. Otto Rehhagel hat die Kommandos gegeben. Wenn er eine Meinung zu gewissen Dingen oder einzelnen Spielern hatte, dann konnte man ihn nicht mehr davon abbringen. Das war charakteristisch für ihn.

SPOX: Auch diese Aussage stammt von Otto: "Es gibt den Spruch: Man spielt nur so gut, wie es der Gegner zulässt. Wir haben es nicht zugelassen."

Charisteas: Es war immer Ottos Philosophie, dass seine Mannschaft den Gegner keinen Moment zur Entfaltung kommen lässt. So, dass der Gegner keine Möglichkeit dazu bekommt, das Spiel zu gewinnen. Er will, dass man von der ersten bis zur letzten Minute zeigt: "Wir werden heute das Spiel gewinnen." Dabei war ihm auch die Körpersprache wichtig.

SPOX: Der wohl bekannteste Satz Rehhagels: "Modern spielt, wer gewinnt."

Charisteas: Genau, das hat er zu uns gesagt. Es gab viel Kritik dafür, dass er mit Libero gespielt hat. Da hat er gesagt: Moderne Taktik ist, zu gewinnen. Wer gewinnt, spielt modernen Fußball.

SPOX: Was ist für die griechische Mannschaft bei dieser EM noch drin?

Charisteas: Das Viertelfinale ist nach dem 1:1 gegen Polen noch immer möglich. Wir haben eine gute Chance, ich rechne damit, dass wir und Russland weiterkommen.

SPOX: Wie geht es bei Ihnen persönlich weiter?

Charisteas: Ich habe bei Panetolikos ja nur ein Jahr Vertrag gehabt. Im Moment bin ich mit einigen Vereinen in und außerhalb von Griechenland in Gesprächen. Ich bin sicher, dass ich in den nächsten zwei Wochen bei einer Mannschaft unterschreiben werde.

SPOX: Könnte es theoretisch sein, dass Sie noch einmal in Deutschland spielen?

Charisteas: Es wäre mein Traum, meine Karriere in Deutschland zu beenden. Ich hoffe, dass ich dort einen Verein finde, weil ich denke, dass ich die Mentalität und die Fähigkeiten habe, um in der Bundesliga zu spielen. Ich habe Schalke 04 letztes Jahr verlassen, hatte aber das Glück, dort große Momente zu erleben. Das war für mich etwas Besonderes und hat mir auch Kraft gegeben. Hoffentlich kann ich das in der Bundesliga noch einmal zeigen.

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