Polnischer Journalist im Interview

"Deutschland wird sehr positiv eingeschätzt"

SID
Dienstag, 15.05.2012 | 12:31 Uhr
Im September 2011 trennten sich Deutschland und Polen in einem Freundschaftsspiel mit 2:2
© Getty

Maciej Szmigielski ist Journalist bei "Przeglad Sportowy", Polens größter täglich erscheinender Sportzeitung. Als Warschauer, der jahrelang in Deutschland gelebt hat, hat er einen guten Einblick in die Fußballszene beider Länder. In der Lobby des Sofitel Warsaw Victoria Hotels, einem offiziellen Reservehotel für die EURO 2012, trafen sich Andre und Martin, die Hyundai Fanscouts für Polen, mit ihm zu einem Gespräch über den polnischen Fußball, die EM und die polnischen Nationalspieler in der Bundesliga.

Frage: Die EM steht vor der Tür. Sie ist doch sicher schon das Thema schlechthin in den polnischen Medien?

Maciej Szmigielski: Wir haben zuletzt noch ausführlich über das DFB-Pokalfinale berichtet.

Frage: Sicherlich wegen der drei polnischen EM-Hoffnungen Jakub Blaszczykowski, Lukasz Piszczek und Robert Lewandowski.

Szmigielski: Ja, ohne die Drei hätten wir dazu vielleicht eine halbe Seite geschrieben. Momentan ist die Bundesliga bei uns die Auslandsliga mit den höchsten Einschaltquoten, eben wegen den Dortmundern, aber auch wegen Peszko, Polanski und Boenisch.

Frage: Also drücken die meisten Polen auch dem BVB die Daumen?

Szmigielski: Schon sehr. Meines Wissens will Borussia Dortmund noch im Sommer zwei neue Fanshops in Warschau und Breslau eröffnen.

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Frage: Und wie sieht es mit den gebürtigen Polen Lukas Podolski und Miroslav Klose aus, wie denkt die polnische Öffentlichkeit über die beiden?

Szmigielski: Podolski ist angesehener und den Polen sympathischer, weil er häufig in Polen ist und auch mit den Journalisten Polnisch spricht. Bei Klose stört es hier viele, dass er die deutsche Nationalhymne singt und dass er nicht so oft über Polen sprechen will. Über Podolski wird gesagt: "Schade, dass er für Deutschland spielt". Klose gilt als Verräter.

Frage: Wie stark wird die polnische Nationalmannschaft gesehen?

Szmigielski: Die Hälfte ist optimistisch, weil wir eine einfache Gruppe haben und die drei Dortmunder sowie Wojciech Szczesny beim FC Arsenal gut in Form sind. Die andere Hälfte, die eher konservative Seite, ist sauer, weil wir zwei Franzosen haben, weil wir Boenisch und Polanski haben, die für die deutschen U-Nationalmannschaften gespielt haben und weil wir Nationaltrainer Franciszek Smuda haben, der sehr schlecht Polnisch spricht. Generell sehen viele die Möglichkeit, dass es bei einer erfolglosen Vorrunde endlich einen richtigen Umbruch in der Mannschaft gibt. Wenn wir das Viertelfinale erreichen, was angesichts der Gruppe sehr gut möglich ist, wird alles beim Alten bleiben. Die Hälfte wünscht sich, dass wir untergehen, die andere hofft aufs Viertelfinale, mit dem alle zufrieden wären.

Frage: Wer ist Ihr Favorit für die EM? Könnte Polen für eine Überraschung sorgen?

Szmigielski: Das Viertelfinale ist das Maximum. Alles hängt vom Spiel gegen Griechenland ab. Wenn wir da nicht gewinnen, kommen wir nicht weiter.

Frage: Und die Deutschen?

Szmigielski: Die deutsche Mannschaft wird in Polen wegen ihrer Spielweise sehr positiv eingeschätzt. Man sieht sie als einen Hauptfavoriten an. Ich schätze, Spanien, Holland oder Deutschland werden Europameister. Die Frage ist vor allem, wer aus der Todesgruppe mit Deutschland, Holland, Portugal und Dänemark rauskommt.

Frage: Wie ist die Stimmung im Land nicht mal einen Monat vor der EM? Gibt es schon einen richtigen Hype?

Szmigielski: Als ich 2006 in Deutschland war, war um diese Zeit schon eine Menge los. Hier sieht man in der Stadtmitte zwei, drei Plakate, aber sonst nicht viel. Ich persönlich bin enttäuscht. Ich hätte gedacht, hier würde schon im Frühjahr richtig viel los sein, aber hier sind die Fan-Zonen noch nicht fertig und es gibt noch relativ wenige Informationsstände. Man merkt noch nicht, dass hier in 24 Tagen eine EM stattfindet.

Frage: Sieht das in den anderen Städten ähnlich aus?

Szmigielski: Dort wird wohl etwas mehr los sein. Warschau ist die Hauptstadt. Dort muss man nicht so viel Aufwand betreiben, um die Fans anzulocken. Die anderen Städte müssen mehr dafür tun.

Frage: In Deutschland wurden vereinzelt Sicherheitsbedenken laut. Stichwort Hooliganismus in der polnischen Liga. Berechtigterweise?

Szmigielski: Derzeit ist es so, dass sich die Fanstruktur geändert hat. Die Vereine, die neue Stadien haben, wollen diese auch voll bekommen. Man setzt auf Familien anstatt auf Fans in Jogginghose. Früher gingen keine Frauen zu Fußballspielen, das hat sich inzwischen geändert. In den älteren Stadien gibt es manchmal Probleme und Ausschreitungen. Viele alteingesessene Fans wollen sich nicht mit ihrer sinkenden Bedeutung für die Vereine abfinden und wollen das Stadion für sich haben. Die Ultras protestieren zudem ähnlich wie in Deutschland gegen Pyro-Verbote und Stadionverbote und sind etwa bei Legia Warschau nicht mit dem Kurs der Vereinsführung einverstanden.

Frage: Derzeit gibt es eine Menge politischen Wirbel um die Menschenrechtssituation in der Ukraine. Das schadet dem Image der gesamten EM und kann damit Polen auch nicht recht sein, oder?

Szmigielski: Für Polen ist es schwierig, weil die Ukraine ein Nachbarland ist. Wir haben schon mit Weißrussland einen Diktator nebenan. Wenn nun auch noch die Ukraine sich weiter vom Westen entfernt, haben wir Russland direkt vor der Haustür. Die Regierung will versuchen, EM und Politik zu trennen und hält sich raus, was eine tolle Sache für die Opposition ist, die sich dann profilieren will.

Frage: Wie sieht das die Bevölkerung?

Szmigielski: Die Bevölkerung hat sich durch die EM vor allem einen großen Schritt nach vorne erhofft, was die Straßen, Flughäfen und die Infrastruktur angeht. Es ist auch einiges in den letzten Jahren erreicht worden, aber die Autobahn von der deutschen Grenze nach Warschau wird nicht fertig sein. Man hat geplant, dass alle vier EM-Städte mindestens mit einer Schnellstraße verbunden sind, aber auch das hat nicht geklappt.

Frage: Dafür stehen die Stadien. Was geschieht damit nach der EM?

Szmigielski: Eigentlich sollte das polnische Pokalfinale immer im Warschauer Nationalstadion stattfinden. Aber einen Monat vor dem diesjährigen Finale hat die polnische Sportministerin angeblich zusammen mit der Polizei festgelegt, dass das Stadion nicht für polnische Vereinsfans bestimmt ist und somit das Finale woanders stattfinden soll. Sonst müsste man zigtausende Sitzschalen reparieren. Also wurde das Pokalfinale kurzfristig nach Kielce verlegt. Das Nationalstadion soll nach derzeitigem Stand nur für internationale Spiele genutzt werden. Es wäre natürlich toll, wenn sich wie mit dem Berliner Olympiastadion das Nationalstadion als fester Finalort etablieren würde, aber das hängt vor allem vom Verhalten der Fans ab. Die anderen Stadien werden von den jeweils ansässigen Vereinen genutzt werden.

Frage: Noch sind die Fan-Zonen nicht fertig, aber es wird zur EM Public Viewings geben. Ist das in Polen ähnlich beliebt wie in Deutschland?

Szmigielski: Es gab Public Viewings, die allerdings von Sponsoren und nicht den Städten organisiert wurden. Aber das war nicht so groß. Generell sind viele Polen gewöhnt, sich Fußballspiele zu Hause mit Kumpels anzuschauen. Bis jetzt hatten wir noch keine Fanmeile wie etwa zu den großen Turnieren in Berlin.

Frage: Wie wird die polnische Nationalmannschaft generell öffentlich wahrgebnommen?

Szmigielski: Prinzipiell ist es in Polen so, dass der Fußball sehr von der Politik instrumentalisiert wird. Immer wieder muss irgendein Politiker seine zwei schlauen Sätze zum Fußball loswerden. Wenn wir beispielsweise das Viertelfinale erreichen, triumphiert die Regierung und profiliert sich mit einer tollen EM. Wenn wir hier alle Vorrundenspiele 0:3 verlieren ist die Opposition dran, weil wir dann keine polnischen Spieler im Team hätten, sondern Ausländer. Und all diese Strömungen werden auch auf die Bevölkerung übertragen. Es hängt immer von den Ergebnissen ab.

Frage: Das klingt, als hätte die Politik einen großen Einfluss auch auf die Wahrnehmung der Nationalmannschaft.

Szmigielski: Bei uns sagt man, es kennt sich jeder über drei Dinge aus: Medizin, Politik und Fußball. Wir haben eine sehr schwere Situation wegen des Flugzeugunglücks 2010, bei dem der Präsident und 95 weitere Menschen umkamen. Bis heute wurde das nicht aufgeklärt - und das ist ein Problem. Ein anderes Problem ist, dass sich ein Teil der Bevölkerung Europa zu- und der Kirche abwendet, während der andere Teil sehr konservativ und patriotisch ist. So wird bei uns jedes Ereignis politisiert.

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Frage: Wie sieht es bei der jüngeren Generation aus? Sieht sie die EM auch so verbissen?

Szmigielski: Nein, die jungen Polen wollen ein großes Fußballfest feiern und sind froh, dass Fans von überall her nach Polen kommen. Die älteren haben Angst. "Wieso sollen ausgerechnet die Russen hierherkommen?" Und dann spielt Polen auch noch am 12. Juni gegen die Sbornaja, an einem wichtigen russischen Feiertag. Wenn wir da verlieren sollten, wird die Stimmung sofort sehr schlecht. Das größte Problem sind die Politiker, die sich immer wieder einmischen.

Frage: Erhöht das nicht auch den Druck auf die Mannschaft?

Szmigielski: Es hält sich in Grenzen. Ein Teil der Mannschaft, wie etwa Ludovic Obraniak oder Sebastian Boenisch sprechen kein Polnisch. Denen ist das egal. Die Spieler wollen ihre Ruhe haben. Aber wenn sie hören, dass die polnische Torwartlegende Jan Tomaszewski sagt, dass die polnische Mannschaft eine Mannschaft der Schande sei und wir keine Ausländer hier haben wollen, dass die in Frankreich spielenden Nationalspieler Müll seien und nicht gut genug für die französische Nationalmannschaft waren, merken die Spieler das natürlich. Sie werden von den Journalisten befragt, wie sie das sehen und auf diesem Weg erreicht die Politik auch die Nationalmannschaft.

Frage: Polen spielt in der Gruppe auch gegen die Tschechen. Gibt es da eine ähnliche Rivalität wie zwischen Deutschen und Niederländern?

Szmigielski: Wir Polen sehen die Tschechen eher so wie die Deutschen die Österreicher - ein kleines Nachbarland mit Komplexen.

Frage: Und das, obwohl die Tschechen in Sachen Fußball lange die Nase vorn hatten.

Szmigielski: Ja, sie waren allerdings immer gerade dann stark, wenn wir eine schwache Phase hatten und umgekehrt. Aber generell ist es kein Hassduell. Es ist ein normaler Nachbar und immerhin einer der wenigen, mit denen wir keine Probleme haben.

Frage: Hat die Auslosung für Jubel gesorgt? Die Gruppe ist wohl die einfachste der ganzen EM.

Szmigielski: Es ist die einfachste und gleichzeitig die schwierigste Gruppe für uns. Wenn man in der Gruppe nicht weiter kommt, dann in gar keiner. Andererseits ist sie sehr ausgeglichen. Wenn Griechenland und Tschechien ins Viertelfinale kommen, wäre das auch keine große Überraschung.

Frage: Ist es sportlich gesehen eigentlich richtig, dass ein Spieler wie Sebastian Boenisch, der in der abgelaufenen Bundesligasaison kaum gute Spiele gemacht hat, bei der EM dabei ist? Gibt es keine Alternativen?

Szmigielski: Ähnlich wie Deutschland haben wir auf der Position des Linksverteidigers keine allzu große Auswahl. Boenisch wurde 2010 für zwei Freundschaftsspiele nominiert, in denen er sehr stark gespielt hat. Eine Woche später begannen seine Verletzungsprobleme, die bis heute andauern.

Frage: Wie sieht es mit Eugen Polanski aus? Glauben Sie, dass es für ihn eine Herzensangelegenheit ist, für Polen zu spielen?

Szmigielski: Der Fall Polanski sorgte in Polen für mächtig Wirbel. Er hat vor zwei, drei Jahren in einem Interview gesagt, die polnische Mannschaft interessiere ihn nicht und er wolle nicht für sie spielen. Er hat sich wohl eine Chance in der deutschen Nationalmannschaft erhofft, immerhin war er Kapitän der deutschen U-21-Auswahl, aber so kam es nicht. Dann hat er seine Liebe zu Polen wohl neu entdeckt. Gerade in seinem Fall haben sich die Politiker eingemischt und ihn als Verräter bezeichnet. Einige Fans haben wegen ihm die Nationalmannschaft boykottiert. Aber ich persönlich halte viel von ihm. Fußballerisch hat er seinen Stammplatz sowieso sicher.

Frage: Hat Polen nicht ein riesiges Reservoir an Talenten mit polnischen Wurzeln in ganz Europa, das es ausschöpfen könnte?

Szmigielski: Ja, inzwischen spielen in unseren Juniorennationalmannschaften eine Menge Spieler, die in Deutschland aufgewachsen sind. Momentan streiten wir uns mit dem DFB um Martin Kobylanski von Energie Cottbus, der schon für deutsche und polnische U-Mannschaften Länderspiele absolviert hat. Wir hatten bis vor zehn Jahren niemanden im Verband, der für solche Spieler zuständig ist. Die Türkei hat da etwa in Dortmund ein ganzes Büro. Bei Podolski hat beispielsweise jemand im Verband festgestellt, dass da einer mit polnisch klingendem Nachnamen ist, ist zu ihm gefahren, hat ihn einmal gefragt, ob er für Polen spielen will und das war es dann. Ähnlich war es bei Piotr Trochowski. Seine polnische Mutter hat Briefe an den Verband geschrieben, dass ihr Sohn davon träumt, für Polen zu spielen, aber keiner hat je darauf geantwortet. Also hat sich Trochowski für Deutschland entschieden. Erst seit ein paar Jahren haben wir dafür zuständige Leute. Noch entscheiden sich jedoch die Spieler für Polen, die keine Chance sehen, zum Beispiel für Deutschland zu spielen. Boenisch etwa soll bis zur WM 2010 gehofft haben, dass Joachim Löw ihn nominiert. Als er ihn nicht mitgenommen hat, hat er gemerkt, dass es das für ihn war. Dabei hat Polen schon vor fünf Jahren um ihn geworben.

Frage: Wie sieht es denn mit der polnischen Jugendarbeit aus? Kommt da was nach?

Szmigielski: Das Niveau des polnischen Fußballs sinkt derzeit. Es gibt sicherlich Talente, aber sie werden nicht entdeckt. Die wirklich guten Talente gehen schon sehr früh ins Ausland. Es waren dann also nicht die polnischen Trainer, die sie zu echten Spitzenspielern gemacht haben.

Frage: Wie wird Polen fußballerisch eigentlich auftreten? In der Gruppe geht man ja fast schon als Favorit in die Spiele.

Szmigielski: Das Problem ist, dass wir immer davon ausgegangen sind, dass wir in einer Todesgruppe mit sehr starken Gegnern landen würden. Zwei Jahre lang hieß es immer Konterfußball, Konterfußball, Konterfußball. Gegen zwei der drei Gruppengegner müssen wir das Spiel machen. Nun ist die Frage, ob das halbe Jahr seit der Auslosung gereicht hat, um etwa gegen Griechenland das Spiel zu machen. Smuda hat das vorher einmal geübt, aber das endete mit einem 0:6 gegen Spanien.

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