"Ich habe zwei frische Weißbiere genossen"

Von Interview: Jochen Tittmar
Samstag, 02.06.2012 | 12:29 Uhr
Kommentator Bela Rethy musste 2008 kurzzeitig als Radio-Reporter funktionieren
© Imago
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Bela Rethy wird das EM-Finale für das "ZDF" kommentieren. Der 55-Jährige spricht im Interview über Lothar Matthäus' erstes Spiel als Libero, den legendären Bildausfall 2008 und Notebook-Abstürze, die von Pizzakartons aufgefangen wurden.

SPOX: Herr Rethy, Sie kommentieren seit Jahren beim "ZDF". Wie ging das alles überhaupt los?

Bela Rethy: Ich war normaler Redakteur und Filmemacher beim "ZDF" und bin immer wieder für brandaktuelle Dinge eingesetzt worden. So habe ich Beiträge gemacht, die unmittelbar nach Schlusspfiff eines Fußballspiels fertig sein mussten. Dadurch habe ich mir eine gewisse Live-Routine und Stressresistenz angeeignet.

SPOX: Die Arbeit als Kommentator war dann quasi der nächste logische Schritt?

Rethy: Genau. Die Live-Situation an sich war die nächste Herausforderung. Die Stimme zum Kommentieren war da, ich konnte ohne Text arbeiten und Sachverhalte ohne nach Worten und Verben zu ringen vernünftig darstellen. Das hat die Redaktionsleitung registriert und mich gefragt, ob ich Interesse hätte.

SPOX: Und Sie haben vorgetäuscht, überlegen zu müssen.

Rethy: Günter-Peter Ploog wechselte 1992 den Sender, so dass ein Platz frei wurde. Den hat man intern aufgefüllt. Ohne ständig an der Tür zu kratzen, habe ich insgeheim schon darauf gehofft, dass dies mal passiert (lacht).

SPOX: Was war denn dann Ihre erste Live-Reportage?

Rethy: Bevor man auf den großen Fußball losgelassen wird, hat man erstmal bei anderen Live-Events Erfahrung gesammelt. Das erste Mal live kommentiert habe ich 1988 ein Wasserballspiel zwischen Deutschland und Australien bei den Olympischen Spielen in Südkorea. Später kam dann auch die DTM und Frauenfußball dazu. Damals wurden übrigens auch gezielt Juniorenländerspiele eingekauft, sozusagen zu Übungszwecken für Kommentatoren.

SPOX: Welches war Ihr erstes Spiel im Profifußball der Herren?

Rethy: Das war der Supercup 1992, Hannover 96 gegen VfB Stuttgart. Eine Woche später ging es mit UEFA-Cup weiter, Ajax Amsterdam gegen Kaiserslautern.

SPOX: Wann ging es mit der Nationalelf los?

Rethy: 1993 mit einem Freundschaftsspiel gegen Tunesien. Da hat Lothar Matthäus das erste Mal Libero gespielt. 1994 habe ich die WM gemacht, aber nur Spiele ohne deutsche Beteiligung kommentiert. Das erste Highlight war aber natürlich das Spiel zum EM-Sieg 1996 gegen Tschechien.

SPOX: Wie sind Sie damals zu der Ehre gekommen, diese Partie kommentieren zu dürfen?

Rethy: Wir waren zwei Reporter, Thomas Wark und ich. Die Entscheidung zwischen uns fiel während des Turniers. An einem Donnerstag, also drei Tage vor dem Finale, habe ich es erfahren.

SPOX: Wie haben Sie die Entscheidung aufgenommen?

Rethy: Ich habe mich natürlich sehr gefreut. Kurz darauf begannen schon die ersten Kuriositäten: Das war ja auch die Zeit, wo die Notebooks aufgekommen sind. Ich habe Donnerstag und Freitag gleich begonnen, meine Notizen fürs Finale in dieses ungewohnte Ding zu schreiben. Am Spieltag selbst bin ich auf der Oxford Street Kaffeetrinken gegangen und habe währenddessen Zeitungen nach Neuigkeiten durchstöbert, die ich dann nachtragen wollte. Beim nächsten Start ist das Teil aber abgestürzt und das gesamte Material war weg.

SPOX: Dann half nur noch Improvisieren, oder?

Rethy: Ich bin mit meinem langjährigen Kollegen Martin Schneider Richtung Stadion gegangen. Wir haben eine Pizza gekauft und auf der Rückseite des Pizzakartons rechts Tschechien und links Deutschland draufgeschrieben und alles notiert, was uns noch einfiel. Danach haben wir die Agenturen angerufen, um noch ein paar Zahlen abzufragen, die wir nicht im Kopf hatten. Verrückt!

SPOX: Wie bereitet man sich denn unter normalen Umständen auf ein zu kommentierendes Spiel vor und wie viele Zettel liegen dann letztlich vor einem?

Rethy: In der Regel dauert die Vorbereitung für ein Live-Spiel rund eineinhalb Tage. Während des Spiels liegt pro Mannschaft eine Seite mit Aufstellung, Angaben zu den Spielern, der Personalsituation und sonstigen Basics vor mir. Die Vorbereitung bei einem Turnier wie der EM kann man großteils schon in Deutschland machen und vor Ort mit den aktuellsten Themen updaten.

SPOX: Ist für die EM eigentlich schon klar, bei welchen Spielen Sie im Einsatz sein werden?

Rethy: Die Vorrunde ist bereits definiert. Ich mache Italien gegen Spanien in Danzig, Deutschland gegen Holland in Charkiw und Ukraine gegen Frankreich in Donezk. Die vierte Partie ist ein Parallelspiel, das wird entweder Spanien gegen Kroatien oder Italien gegen Irland werden.

SPOX: Was macht man denn während eines Turniers neben dem Kommentieren sonst noch?

Rethy: Spiele gucken und auf dem Laufenden bleiben. Speziell diesmal werden wir aber ziemlich viel in der Luft unterwegs sein, da die Spielorte immer wechseln. In allen ukrainischen Städten außer Kiew ist es so, dass es keine Verbindungen gibt. Heißt: Wenn ich in Charkiw bin und nach Donezk möchte, muss ich über Kiew fliegen. Bei der WM 2010 hatten wir in Johannesburg zum Glück ein dauerhaftes Zimmer. Da sind wir mit Zahnbürste und Laptop losgezogen und nach den Spielen wieder zurückgekehrt.

SPOX: Deutschland gegen Holland ist ein hochemotionales Spiel. Gibt es so etwas wie einen Leitfaden an Emotionen, der bei einem Länderspiel zu beachten ist?

Rethy: Nein, wir haben keinerlei Auflagen. Wir arbeiten aber für einen deutschen Sender, 20 bis 30 Millionen Zuschauer verfolgen die Länderspiele - da ist Parteilichkeit nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht. Es darf aber nicht ausgeschlossen werden, kritische Anmerkungen zu machen, wenn die Mannschaft schlecht spielt. Bei einem Pokalendspiel muss man natürlich neutral sein.

SPOX: Ihre Stimme kennen Millionen. Wenn man Ihren Namen bei "Google" eingibt, fragt einer der ersten Einträge: "Wer schaltet endlich Bela Rethy ab?" Wie gehen Sie mit Kritik um?

Rethy: Das habe ich auch schon gelesen. Damit muss man einfach leben. Das ist wie bei Wahlen: Da wollen die Parteien ja auch keine hundert Prozent der Stimmen erreichen. Es kommt darauf an, wie die Kritik formuliert ist. Dieser Blog, der sich da bei "Google" nach oben gepusht hat, liefert keine einzige Begründung für seine These und ist für mich dann irrelevant. Oft ist das auch ergebnisabhängig: Wenn die Deutschen gut spielen und gewinnen, ist auch der Kommentator gut (lacht).

SPOX: Was war der größte Fauxpas Ihrer Karriere?

Rethy: Nach mittlerweile rund 300 Spielen fällt mir da nur ein, dass ich einmal in den 1990er Jahren bei einem Länderspiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate gut eine Minute lang ein Tor gegeben habe, dass keines war.

SPOX: Erzählen Sie.

Rethy: Damals gab es kein passives Abseits. Es lief ein Angriff über die deutsche linke Seite, der Ball wurde in die Mitte zu Andreas Möller gepasst. Der nagelte das Ding aus 35 Metern oben rechts in den Winkel. Ich habe dann nach kurzem Jubel gleich auf meinen Zettel geschaut und wollte irgendetwas zu Möller erzählen. Als ich wieder auf meinen Monitor schaute, lief die Zeitlupe des Tores. Plötzlich sah ich, dass es Freistoß gab, weil unten rechts in der Verlängerung meines Kommentatorenplatzes irgendeiner im Abseits stand. Ein heute undenkbarer Pfiff.

SPOX: Undenkbar waren auch die Umstände, unter denen Sie das EM-Halbfinale 2008 zwischen Deutschland und der Türkei kommentieren mussten. Das Bild fiel minutenlang aus. Wie hat man Sie darauf aufmerksam gemacht?

Rethy: Das hat mir mein Redakteur gesagt. Er meinte, ich solle einfach mal weiter machen und schildern, was ich sehe. Dann hieß es, dass das Bild wieder da wäre und kurz darauf, dass es wieder ausgefallen war.

SPOX: Was haben Sie im ersten Moment gedacht?

Rethy: Ich hatte gar keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Ich musste einfach reagieren, das ist ja auch mein Job. Ich war natürlich überrascht und habe einfach angefangen, wie im Radio zu kommentieren. Dummerweise fiel aber auch immer wieder der Ton aus. Die Zuschauer dachten dann also, dass ich Sprechpausen einlegen würde. Nach fünf oder sechs Minuten ist man endlich umgestiegen auf das Bild des Schweizer Fernsehens, das vor Ort in Basel war.

SPOX: Durch die Satellitenverzögerung kam es dann zum Ton-Bild-Versatz.

Rethy: Richtig, ich war mit meinen Informationen schneller als das Bild. Daher habe ich beim Tor von Miroslav Klose auch schon gejubelt, obwohl sich die Flanke im Bild noch in der Luft befand. Das wusste ich aber nicht. Währenddessen hatte ich diverse Informationen auf dem Ohr, die sich teilweise auch noch widersprachen. Ein richtig hektischer Abend war das.

SPOX: Danach haben Sie wohl erstmal in Ruhe ein Bier getrunken?

Rethy: Ich habe in Freiburg gewohnt, nachdem ich angekommen bin habe ich mich draußen hingesetzt und zwei frische Weißbiere genossen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt auch überhaupt keine Ahnung, wie sich das ganze angehört hatte. Da das zugleich mein letztes Spiel dieser EM war, habe ich am nächsten Morgen meine Sachen packen wollen, wurde davon aber vier Stunden lang abgehalten, da sich dutzende Pressevertreter bei mir meldeten. Der erste Anruf kam um 8 Uhr. Die Übertragung habe ich mir aber bis heute nicht mehr angeschaut.

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