Fussball

Der Deutschmacher

Von Stefan Rommel
Dienstag, 15.11.2011 | 11:54 Uhr
Bert van Marwijk stand mit Holland 2010 im WM-Finale
© Getty

Bert van Marwijk hat der Elftal einen neuen Stil verpasst. Die Romantiker stöhnen auf, die Erfolge geben dem Bondscoach aber Recht und lassen dessen Sympathiewerte in die Höhe schnellen. Die Parallelen zu Joachim Löw sind erkennbar.

Manchmal spult er die Szene noch in seinem Kopf ab. Arjen Robben, völlig frei vor Iker Casillas. Eine bessere Chance kann es kaum geben. Es wäre das 1:0, und doch so viel mehr. Die Niederlande wehrt sich gegen Spanien mit allem, was sie hat. Und dann der Durchbruch von Robben...

Für Lambertus van Marwijk, den alle Welt nur Bert nennt, nicht nur der entscheidenden Moment des WM-Finales von 2010. Sondern für ihn auch eine Zäsur. "Ich denke, dass wir das Spiel dann gewonnen hätten", sagt er.

Wenn Robben das Tor gemacht hätte. Die Niederlande hätte dann viel mehr gewonnen als nur das Spiel. Das Finale, die Krone der Welt. Er wäre dann unsterblich gewesen, größer als die unvergessenen Rinus Michels oder Ernst Happel.

Kritik vom Übermächtigen

Am Ende blieb Platz zwei, mal wieder. Und für van Marwijk, der seine Mannschaft auf recht ungewöhnliche Art und Weise und mit einem ausgeprägten Maß an Pragmatismus durchs Turnier führte, auch noch jede Menge überzogene Kritik.

Johan Cruyff, der Übermächtige, hatte sich bereits vor dem Finale über die Spielwiese der Elftal beschwert. Wie Donnerhall klangen dessen Worte, gestützt von Willem van Hanegem, ebenfalls einem aus der goldenen Generation des Voetbal total der 70er Jahre.

Van Hanegem nutzte seine Stellung als Experte beim niederländischen Fernsehen und stichelte bei jeder Gelegenheit gegen van Marwijk. Der holländische Fußball habe seine Seele verkauft. So manchen Romantiker erreichten die Worte der Alt-Weisen, besonders nach dem verlorenen Finale, das die Niederländer zwar ohne Tor, dafür aber mit acht Gelben und einer Gelb-Roten Karte beendeten.

Abschied vom 4-3-3

Voetbal brutal ward unter dem Eindruck der Karten-Flut und der beiden grenzwertigen Fouls von Mark van Bommel und Nigel de Jong geboren. Richtig fair war diese Sichtweise aber nicht. "Ich hätte gerne gewonnen. Auch mit nicht so schönem Fußball", sagte van Marwijk danach, was die ruppige Gangart seiner Mannschaft verteidigen sollte.

Aber auch diese heikle Situation überstand van Marwijk beinahe ohne Kratzer. Nach dem Turnier sorgte er für Aufsehen, als er Nigel de Jong nach dessen brutalem Foul in der Premier League gegen Hatem Ben Arfa, das der Franzose mit einem doppelten Beinbruch bezahlen musste, vorübergehend aus der Elftal strich und später wieder begnadigte.

Oder die Diskussion um das System. In den Niederlanden kam es einer Revolution gleich, dass ein Bondscoach das beinahe heilige 4-3-3, das Cruyff-Barcelona-Voetbal-total-System kippte. In letzter Konsequenz wird immer van Marwijk als der Königsmörder genannt - dabei war er es nur, der den eingeschlagenen Weg konsequent weiter ging.

Vor der Europameisterschaft 2008 hatte Marco van Basten die explosive Idee, mit zwei Sechsern vor der Abwehr zu spielen und dafür je nach Betrachtungsweise einen Stürmer oder einen Mittelfeldspieler zu opfern.

Der Schwiegersohn im Mittelfeld

Van Basten beriet sich mit seinem Mannschaftsrat, Edwin van der Sar, Joris Mathijsen, Andre Ooijer, Rafael van der Vaart, Wesley Sneijder und Ruud van Nistelrooy und entschied sich für das 4-2-3-1. Nach der EM musste van Basten trotz teilweise formidabler Leistungen gehen und van Marwijk übernahm. Von den entscheidenden Spielern war nur noch die Hälfte da, das neue System aber blieb bestehen.

Kurz darauf holte van Marwijk den kurzzeitig zurückgetretenen Mark van Bommel zurück in die Mannschaft. Der hatte sich geweigert, weiter unter van Basten zu spielen. An sich keine große Sache, wäre van Bommel nicht mit van Marwijks Tochter Andra verheiratet.

Stolpersteine gab es für van Marwijk also genug, und trotzdem ist er bis heute in den Niederlanden unumstritten. "Die beinahe perfekte Qualifikation zur EM im nächsten Jahr hat ihm nach dem verlorenen WM-Finale wieder den vollen Respekt der Fans verschafft", sagt Patrick Leemans von "ELF Voetbal". "Seine Sympathiewerte im Land sind für einen Bondscoach ziemlich hoch."

Eine verblüffende Karriere

Ein bisschen erinnert sein Aufstieg auch an den von seinem Pendant Joachim Löw. Der stand vor der WM im letzten Jahr nach dem Hickhack um seine Vertragsverlängerung auch unter besonderer Beobachtung und meisterte die Lage glanzvoll. Auch Löw ist derzeit absolut unantastbar in seinem Schaffen.

Dass es van Marwijk überhaupt ins höchste Fußballamt des Landes schaffte, ist ebenso wie bei Löw verblüffend. Zwar hat er über 300 Mal in der Eredivisie gespielt und auch ein Länderspiel bestritten, eine große Nummer war er als Spieler im niederländischen Fußball aber nicht.

Auch seine Trainerkarriere verlief wie die von Löw eher schleppend. Mit Rotterdam holte er den UEFA-Cup und einmal den Pokal. Um die Meisterschaft spielte er mit einem ambitionierten Klub wie Feyenoord aber nie mit. In Deutschland scheiterte sein Engagement bei Borussia Dortmund vorzeitig.

Parallelen zu Joachim Löw

"Sein Aufstieg ist verblüffend und war so nicht zu erwarten. Die Parallelen zur Karriere von Joachim Löw sind erkennbar", sagt Leemans. Mit einem Hauch deutscher Disziplin und Wesensart hat van Marwijk die Elftal reformiert.

"Unsere Landsleute wollen immer, dass wir schön spielen und 5:0 gewinnen. Wir müssen uns aber ab und zu Deutschland als Vorbild nehmen: Die können auch mal schlecht spielen und gewinnen", sagt er. Pragmatisch-nüchternen Ergebnis-Fußball werfen ihm die wenigen Kritiker immer noch vor.

Lediglich zwei der letzten 40 Spiele hat die Niederlande verloren, nicht nur diese eindrucksvolle Bilanz lässt seinen Schwiegersohn von ihm in höchsten Tönen loben. "Seit Bert van Marwijk die Elf 2008 übernommen hat, zeigt die Tendenz kontinuierlich nach oben. Wir spielen immer besser, auch seit Südafrika, weil wir immer Details verändern und verbessern."

Vertragsverlängerung im Blick

Vor wenigen Wochen erwärmte er das Herz der niederländischen Hardliner mit seinen giftigen Attacken gegen die Bayern, als er wegen des neuerlichen Streits um die Verletzung von Arjen Robben kurzzeitig seine Contenance verlor.

In den Niederlanden wähnt man sich mit van Marwijk auf dem richtigen Weg, im kommenden Jahr die dann 24-jährige Durststrecke zu beenden und dem Triumph von 1988 endlich einen zweiten Titel folgen zu lassen.

Auch deshalb soll van Marwijk seinen Vertrag bis 2016 verlängern. Hier ist ihm Joachim Löw noch voraus: Der Bundestrainer hat seinen neuen Kontrakt seit einem halben Jahr in der Tasche.

Bert van Marwijk im Steckbrief

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